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Den besonderen Schwerpunkt und Abschluss des Kurses bietet die Gedenkstättenfahrt nach Berlin. Foto: FvS
12. Mai 2025 Von NN-Online · Kleve

Erinnern und verstehen, statt ignorieren und vergessen

Seit fünf Jahren engagiert sich ein Projektkurs des Stein-Gymnasiums für Erinnerungskultur

KLEVE. Die Erinnerungskultur in Deutschland ist in der öffentlichen Diskussion. So wie die Gewissheit schwindet, für alle Zeiten in einem stabilen demokratischen System leben zu dürfen, so steigt gleichzeitig die Diskussion darüber, welchen Beitrag die Erinnerungskultur in Deutschland zur Stabilität der Demokratie leisten kann. Buchtitel der letzten Jahre wie „Erinnerungskämpfe. Neues deutsches Geschichtsbewusstsein“ von Jürgen Zimmerer oder „Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur“ von Aleida Assmann zeigen, wie sehr auch die Wissenschaft das Thema umtreibt.

Ausdruck findet diese Diskussion auch im Koalitionsvertrag von CDU und SPD, in dem die gegenwärtigen Diskussionen aufgegriffen werden. Neben der zentralen Säule, der Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen, soll auch die Aufarbeitung der DDR-Diktatur und der Kolonialzeit intensiviert werden. Aber manchmal ist man in der Randregion der Republik dem Zentrum in Berlin schon einige Jahre voraus, wie am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Kleve. Seit fünf Jahren leiten die beiden Lehrer Franziska Frankfurth (Philosophie/Französisch) und Nils Looschelders (Deutsch/Geschichte) den Projektkurs „Erinnern und verstehen, statt ignorieren und vergessen“, in dem die Beschäftigung mit unterschiedlichen Themen und Formen der Erinnerungskultur schon lange gelebte Praxis ist. Der Projektkurs im Abiturjahrgang bietet fernab der strikten Lehrplanvorgaben im Zentralabitur die Möglichkeit freier, individueller und tagesaktueller mit Schülern zu arbeiten. Ein Schwerpunkt des Kurses sind die individuellen Projektarbeiten der Schüler, bei denen die Vielfältigkeit deutlich wird, wie Erinnerungskultur im 21. Jahrhundert aussehen kann. Projektarbeiten, in denen zum Beispiel zwei Schüler vergleichen, wie in ihren Familien an die NS-Zeit und an die Auswanderung aus Kamerun erinnert wird, oder in denen an die Verfolgung der eigenen jesidischen Familie erinnert wird, in denen Schüler Gespräche mit ihren Großeltern über ihre Flucht aus der DDR oder über ihre Flucht aus den ehemaligen ostpreußischen Gebieten 1945 führen, zeigen, dass die Vielfalt von Erinnerungskultur schon längst im Klassenzimmer angekommen ist. Und wenn ein Schüler am Ende seiner Präsentation zur Fluchtgeschichte seiner Familie sagt, „dass die Beschäftigung mit der Geschichte meiner Familie meine Sicht auf Flüchtlinge in der Gegenwart und Zukunft verändert hat und in mir Fragen aufgekommen sind zum Thema Heimat und Flucht, die mich noch lange beschäftigen werden“, dann gehen der Philosophielehrerin und dem Geschichtslehrer das Herz auf, wenn Geschichtsbewusstsein und Selbstreflexion unmittelbar und emotional bei einem Schüler erkennbar werden.

Neben dieser persönlichen Arbeit versuchen die beiden Lehrer mit den Schülern auch Erinnerungskultur vor Ort erfahrbar zu machen. Bei Stadtrundgängen zur jüdischen Geschichte in Kleve, der Vorbereitung von und Mitwirkung bei Gedenkveranstaltung wie Stolpersteinverlegungen oder am 9. November am Synagogenplatz in Kleve erfahren die Schüler, dass Erinnerungskultur abseits der großen Städte im Kleinen und Konkreten vor Ort beginnt und jeder mitmachen kann.

Den besonderen Schwerpunkt und Abschluss des Kurses bietet aber die Gedenkstättenfahrt nach Berlin im März nach den Vorabiturklausuren. Schwerpunkte dieser Fahrt sind der Besuch des Stasi-Gefängnisses in Berlin-Hohenschönhausen und des ehemaligen Konzentrationslagers in Sachsenhausen. Und wenn man dort als fast erwachsener Schüler von Zeitzeugen erfährt, wie ein Oberstufenschüler aus Westdeutschland in den 80er-Jahren von seinem Vater, der unentdeckt von der Familie ein Stasi-Spion in der Bundesrepublik war, in die DDR entführt und dort in Hohenschönhausen inhaftiert wird oder wenn eine Zeitzeugin offen davon berichtet, wie sie als 17-Jährige im Stasi-Gefängnis regelmäßig bei gynäkologischen Untersuchungen sexuell missbraucht wurde, bekommen Diskussionen um den Unrechtsstaat DDR ganz konkrete und emotionale Dimensionen, die ein Unterricht im Klassenraum so niemals leisten kann.

All diese Schwerpunkte des Projektkurses zeigen, dass es so etwas wie einen „Schlussstrich“ gar nicht geben kann. Solange Schüler sich mit ihren eigenen, verschiedenen familiären Biografien beschäftigen und man auf den Gedenkstättenfahrten anderen Menschen mit ihren Diktaturerfahrungen begegnet und darüber miteinander in den Austausch kommt, wird es kein „Ende der Geschichte“ geben, sondern sie wird immer neu geschrieben.

Den besonderen Schwerpunkt und Abschluss des Kurses bietet die Gedenkstättenfahrt nach Berlin. Foto: FvS

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