Emmerich probt den Ernstfall
Dreitägige Großübung zum Hochwasserschutz auf der Rheinpromenade von 20. bis 22. März
EMMERICH. „Die Innenstadt von Emmerich wird sich an diesem Wochenende blau färben!“ Mit diesen Worten blickt Holger Friedrich, Geschäftsführer des Deichverbandes Bislich-Landesgrenze auf die Großübung zum Hochwasserschutz, die von Freitag, 20., bis Sonntag, 22. März, in Emmerich stattfindet. Mit bis zu 250 Einsatzkräften proben der Deichverband und das Technische Hilfswerk (THW) entlang der Rheinpromenade den Ernstfall: ein Hochwasser mit einem kritischen Rheinpegel von zehn Metern. „Die letzte Übung dieser Art war 2014, es wird also wieder Zeit“, sagt Frank te Kempel, Ortsbeauftragter des THW in Emmerich.
Statistisch tritt ein Szenario, wie es bei der Großübung simuliert wird, alle 50 Jahre auf. „Das letzte große Hochwasser ist rund 30 Jahre her. Eine ganze Generation hat eine solche Bedrohung nicht mehr erlebt“, sagt Deichgräf Harry Schulz. „Mit dieser Übung stärken wir nicht nur die Fähigkeiten unserer Einsatzkräfte, sondern wirken auch der ‚Hochwasser-Demenz‘ in der Bevölkerung entgegen und schärfen das Bewusstsein für die enorme Leistung, die hinter dem Schutz unserer Heimat steckt.“ Holger Friedrich erinnert an das Hochwasser im Ahrtal: Obwohl erst fünf Jahre her, sei es bereits aus dem Blickfeld vieler Menschen wieder verschwunden. „Man muss das Thema Hochwasser immer wieder in den Fokus rücken“, betont Friedrich.
Weiter verweist er auf die Bedeutung des Hochwasserschutzes für die Region. So schützt der Deichverband als größter Verband in Nordrhein-Westfalen nicht nur 70.000 Menschen in seinem Verbandsgebiet. Als Teil des Deichrings 48 schütze man auf deutscher und niederländischer Seite insgesamt etwa 240.000 Menschen – hinzu kommen Unsummen an Sachwerten.
Mobiler Schutz für die Innenstadt von Emmerich
Bei der anstehenden Übung konzentrieren sich die Akteure auf die Rheinpromenade, die Teil des 3,5 Kilometer langen Bezirks „Stadtgebiet Emmerich“ ist. Dieser besteht ausschließlich aus Hochwasserschutz-Mauern und mobilen Elementen. „Bei Hochwasserschutz denkt man an grüne Deiche“, weiß Friedrich, „die haben wir in der Emmericher Innenstadt jedoch nicht.“ Dabei hat sich der Hochwasserschutz hier ebenfalls verändert: Vor der Neugestaltung der Rheinpromenade verlief dieser direkt an den Häusern, mit der „neuen“ Promenade wurde nach vorne an die Rheinseite verlegt. Die mobile Variante des Hochwasserschutzes sei ein Kompromiss, der „städtebaulich die einzig machbare Variante“ gewesen sei, sagt Friedrich. „Damit es weiterhin ‚Emmerich am Rhein‘ und nicht ‚Emmerich an der Mauer‘ heißt.“ Die Kehrseite: Die mobile Variante bedeutet viel Arbeit bei einem Hochwasserereignis, da die Schutzelemente im Ernstfall vom Lager zum Einsatzort transportiert und dort aufgebaut werden müssen. Erstmals wurde dies 2008 geübt, damals auf etwa 450 Metern Länge. 2014 folgte die zweite Übung, diesmal auf der gesamten Strecke von 850 Metern.
Genau das soll nun bei der Übung geprobt werden. „Jeder muss wissen, was zu tun ist“, erläutert Friedrich. Es gehe unter anderem um organisatorische Abläufe, Logistik, handwerkliches Geschick und das Zusammenspiel der Akteure wie Deichverband, THW und Stadtverwaltung. Hauptakteure sind, betont Friedrich, die Kräfte des THW, die nicht nur aus Emmerich, sondern aus dem gesamten Regionalstellenbereich Wesel kommen – insgesamt 188 Männer und Frauen in Blau sind dabei.

Die mobilen Hochwasserschutz-Elemente im Lager des Deichverbandes in Emmerich. NN-Foto: MB Foto: Michael Bühs
Material-Zwischenlager am Alten Markt
Sie transportieren mehr als 1.100 Meter an mobilen Hochwasserschutzelementen mit Lkw vom Lager beim Deichverband an der Stadtweide über die Steinstraße zunächst zu einem Zwischenlager am Alten Markt. „Die Lkw-Gespanne fahren den ganzen Tag über im Rundverkehr“, erläutert Frank te Kempel. Vom Zwischenlager verteilen Stapler und Telelader die Elemente an die jeweiligen Montageorte. Das eingesetzte Material, das auf mehr als 150 Paletten lagert, umfasst 34 große Stützen mit einem Einzelgewicht von etwa 250 Kilo, 220 kleinere Stützen und mehr als 2.900 Dammbalken mit einer Einzellänge von je drei Metern. „Die Logistik ist eine Großaufgabe“, weiß te Kempel.
Die Großübung startet am Freitag mit dem Eintreffen der auswärtigen Einheiten und ersten vorbereitenden Arbeiten. Haupttag ist dann Samstag, 21. März: Ab 9 Uhr sind die Großfahrzeuge in Emmerich unterwegs, und auf der Rheinpromenade sowie am Rheinpark und der Bastion werden die Hochwasserschutzelemente installiert.
Der Deichverband und das THW sind nach dem Aufbau mit einem Info-Stand auf der Kranplatte vertreten. Zudem werden die Absperrungen auf der Promenade geöffnet. „Wir möchten den Hochwasserschutz für die Bürger erlebbar machen“, sagt Holger Friedrich. Daher können Besucher die Übung auch von gewissen Punkten aus verfolgen. Zudem haben sich zahlreiche Beobachter aus anderen Rheinstädten wie Düsseldorf und Köln, von der Bezirksregierung sowie aus den Niederlanden angekündigt. „Diese Veranstaltung hat eine große Bedeutung über die Region hinaus“, sagt Friedrich. Mike Nienhaus, Leiter der THW-Regionalstelle Wesel, ergänzt: „Es geht hierbei auch im Wissenstransfer.“
Am Sonntag schließlich „geht das Ganze rückwärts“, sagt Frank te Kempel, wenn um 9 Uhr der Abbau beginnt. Er erinnert an die letzte Übung von 2014: „Sie hat uns wichtige Erkenntnisse gebracht.“ Die erhoffe man sich auch in diesem Jahr. „Für uns ist wichtig, den Umgang mit dem Material zu lernen, aber auch zu wissen, welche Fahrzeuge wir im Ernstfall benötigen und wie viele Einsatzkräfte“, sagt Jonas Brüggemann, Zugführer beim THW-Ortsverband Emmerich und Einsatzleiter während der Übung. „Solche Dinge zu wissen, gibt uns Sicherheit.“
Einschränkungen während der Großübung in Emmerich
Rund um die Großübung kommt es zu Einschränkungen für Anwohner und Besucher. Von Freitag, 20. März, 12 Uhr, bis Sonntag, 22. März, 22 Uhr, erfolgen die Vollsperrung des Rathausvorplatzes und der Stadtplatte, die halbseitige Sperrung des Geistmarktes, die Sperrung des Parkplatzes am Regenüberlaufbecken/Kindergarten. Der Schotterparkplatz „Kleiner Wall“ bleibt nutzbar. Halteverbote werden in der Steinstraße und am Alten Markt eingerichtet. Der Treidelpfad unterhalb der Promenade wird voll gesperrt.
Ab Samstag, 21. März, 7 Uhr, gelten außerdem noch folgende Maßnahmen: Vollsperrung der Rheinpromenade für den Fahrzeugverkehr ab Hausnummer 25 (ehemals „Onder de Poort“), Sperrung der Steinstraße ab der Einmündung „Hinter dem Engel“ sowie des Parkrings ab dem Wassertor in Fahrtrichtung Rheinpromenade für den Kfz-Verkehr, Vollständige Sperrung von Krantor/Stadtplatte.
Die Außengastronomie entlang der Promenade kann eingeschränkt genutzt werden. Besucher sollte dabei aber beachten, dass der Zugang zur Gastronomie ausschließlich über Christoffeltor und Wassertor/Parkring möglich ist.
Bürgermeisterin Claudia Lindlahr hebt abschließend das Engagement des Deichverbandes und des THW hervor, denn „Hochwasserschutz ist ein wichtiges Thema für eine Stadt am Rhein. Deshalb möchte ich Danke sagen, dass Sie sich auf den Weg gemacht haben für einen Fall, der hoffentlich nie eintreten wird“.
Bereiten sich auf die Großübung in Emmerich vor: (v. l.) Mike Nienhaus (Leiter THW-Regionalstelle Wesel), Jonas Brüggemann (Zugführer THW Emmerich), Deichgräf Harry Schulz, Frank te Kempel Ortsbeauftragter THW Emmerich), Bürgermeisterin Claudia Lindlahr und Holger Friedrich (Geschäftsführer Deichverband Bislich-Landesgrenze). NN-Foto: Michael Bühs