"Wolfgang Posten und Dr. Matthias Schrör diskutieren Willi Stophs Identitätswechsel in Buch 'Zwei Namen für ein Leben'"
25. September 2026 · Thomas Langer · Niederrhein

Eine These mit Sprengkraft

Neues Buch legt Identitätswechsel nahe: War der ranghohe DDR-Politiker Willi Stoph tatsächlich Wehrmachtleutnant Walter Blume?

NIEDERRHEIN. Verteidigungsminister, Ministerratsvorsitzender und Staatsratsvorsitzender – Willi Stoph gehörte zu den mächtigsten Männern der DDR. Das neue Buch „Zwei Namen für ein Leben. Die Akte Willi Stoph“ lässt nun wichtige Teile der DDR-Geschichte in neuem Licht erscheinen. Die brisante Hypothese: Willi Stoph war in Wahrheit der seit der Schlacht von Stalingrad vermisste Wehrmachtleutnant Walter Blume – Ehemann der bekannten Sevelener Künstlerin Liselotte Blume.

Vor allem für Wolfgang Posten, Mitglied des Historischen Vereins für Geldern und Umgegend, dürfte es ein besonderer Moment sein, als er im Haus Ingenray in Pont jenes Buch vorstellt, an dem er seit 2009 gearbeitet hat. Dabei hat alles mit einem Zufallsfund angefangen. „Meine Frau und ich haben uns für Kunstobjekte der Frau Blume interessiert“, erzählt Posten. Über eine Zeitungsannonce sei das Paar 2009 nach Sevelen gekommen, wo Posten von einem geplanten Beitrag im Heimatkalender über die Töpferei Haus Irdenbrand sprach – Liselotte Blumes Wirkungsstätte. Darauf habe die Witwe von Egon Kunzmann – der mit Blume als ihr Lebensgefährte lange Jahre die Töpferei betrieben hatte – aus einer Schublade Seiten hervorgekramt: Niederschriften ihres Mannes über sein Leben mit Liselotte Blume. Dieser war während des zweiten Weltkriegs Agent der „Abwehr“ gewesen, dem militärischen Geheimdienst der Wehrmacht im Westen, und pflegte auch nach dem Krieg Kontakt zu alten Kollegen – unter anderem zur rechten Hand von Reinhard Gehlen, in jener Zeit, als der BND aufgebaut wurde. „In diesem Text war angedeutet, dass es eine Identitätsverschiebung gegeben hat und zu erkennen, dass in- und ausländische Geheimdienste involviert waren“, erklärt Wolfgang Posten. Das Projekt geriet ins Rollen.

Von der Quellenkritik bis zur Forensik

Vor drei Jahren stieß dann Matthias Schrör dazu. Er gesteht, das Ganze zunächst für eine Räuberpistole gehalten zu haben. Als Historiker habe er des Öfteren Kontakt mit verrückten Thesen gehabt. Aber hier sei es anders gewesen: Jeder weitere Fund, jedes weitere Indiz überzeugte ihn mehr von Postens Ausgangsthese. Und: „Wir sind an keinem Punkt auf eine Quelle gestoßen, von der wir sagten: Wir haben ein Problem mit unserer These. Dass am Ende ein Identitätstausch steht, hätte ich mir am Anfang nicht vorstellen können.“

Ihr Vorgehen war ein Mix aus Klassikern und innovativen, modernen Ansätzen: klassische Quellenkritik, Untersuchungen mutmaßlich manipulierter Wehrmachtsunterlagen und bislang unbeachtete Archivquellen – nach vielen Formularen und Verschwiegenheitsklauseln lag ihnen auch die Stasiakte Stoph vor –, trafen auf forensisch-anthropologische Fotovergleiche und KI-gestützte Analysen historischer Krankenunterlagen. „Es ist nahezu ausgeschlossen, dass jemand mit den Vorerkrankungen, die beim echten Willi Stoph mit 28 Jahren vorlagen, noch so lange lebt“, kommentiert Schrör. Aber das ist nur ein Beispiel, das die These stützt.

Viele Indizien

Schon Liselotte Blume war überzeugt, ihren vermissten Ehemann im Fernsehen wiedererkennt zu haben. Dass das nur auf ihre Trauer zurückzuführen war, scheint heute unwahrscheinlicher denn je. „Wir sind auf einige Spuren gestoßen, die ihr Leben betreffen und wie sie mit dem Wissen umgehen konnte oder auch musste“, sagt Matthias Schrör. Wolfgang Posten ergänzt: „Es ist bekannt, dass im Haus Irdenbrand Männer aus dem Osten erschienen sind.“ Was besprochen wurde, sei zwar nicht überliefert, einigen Freundinnen gegenüber habe sie allerdings von ihrer Angst vor den Russen erzählt. Posten vermutet hinter den Fremden Stasibeamte, die versuchten, sie zu überreden, ihren Mann in Berlin zu besuchen, um seine Situation zu erklären. „Das soll auch geschehen sein, haben wir gehört.“

Es gebe aber auch lebende Zeugen, die vom Identitätstausch erfahren und ihn für sich behalten oder für nicht besonders spektakulär erachtet hätten. „Oder selbst nur auf wenig Reaktion gestoßen sind“, sagt Schrör. „Wir sind dankbar, dass sie offen mit uns gesprochen haben.“

Doch längst nicht alles ist so glatt verlaufen. „Vielfach sind wir auf verschlossene Türen oder lose Fäden gestoßen“ – verschlossene Archive zum Beispiel. Aber: „Wir konnten auch Archive einsehen, deren Dokumente vor einigen Jahren noch der Geheimhaltung unterlagen.“ Darunter Geheimdienstunterlagen. „Das sind teils so viele, dass die Wissenschaft noch nicht in der Lage war, sie alle zu sichten“, sagt Schrör. Das betreffe auch ehemals geheime Unterlagen des britischen Militärs.

Klarheit beim BND

„Wir können deutlich nahelegen, dass der BND wusste, was Sache ist. Dass der Identitätswechsel in Geheimdienstkreisen bekannt war“, sagt Matthias Schrör. Walter Blume sei nicht nur NSDAP-Parteimitglied, sondern auch SA-Mitglied und Angestellter einer Propagandaabteilung gewesen. „Aus Geschichtswissenschaftlicher Sicht kann man sagen: Er war nicht nur Mitläufer. Er war Nationalsozialist.“ Jemand, der die Ideologie mitgetragen habe. Sicher: Ehemalige Nazis habe es auch im Westen und beim BND einige gegeben. Das Brisante im Osten jedoch: „Die DDR hatte ein Selbstverständnis als der antifaschistische deutsche Staat.“ Bis zum Bedeutungsverlusts Stophs und der DDR sei es damit explosives Wissen gewesen. „Der BND hat diese Bombe aber nie platzen lassen.“

Wendepunkt ab 1943

Den Wendepunkt der dargelegten Geschichte vermuten die Autoren zwischen 1943 bis 1945. Ob sich Walter Blume in russischer Kriegsgefangenschaft der sowjetischen Seite mit seinem Wissen angeboten habe oder die Sowjets ihn selbst auswählten im Bestreben, eine Nachkriegsordnung in Deutschland zu planen, das können die Autoren nicht beantworten. „Vielleicht war Blume/Stoph ein Getriebener, der keine Wahl hatte“, stellt Schrör in den Raum. Das würde jedenfalls zu Aussagen ehemaliger Bediensteter und weiterer Menschen passen. „Stoph hat sich ständig zurückgezogen, hat seine Familie und sein Privatleben abgeschottet. Das könnte aus Sorge vor Enttarnung passiert sein.“

Für die Zeit vor Kriegsende spricht die Geschichte von einem Berliner Maurer namens Willi Stoph, der sich mit Widerstandsaktivitäten gegen den Nationalsozialismus in Verbindung bringen lasse. Für die Zeit nach 1943 lasse die unabhängige Quellenüberlieferung keine gesicherten Aussagen über den weiteren Lebensweg zu. Über die Zeit danach erzählt die Legende von einem „Maurer aus Schöneberg, der es schafft, die NVA aus dem Nichts aufzubauen, der ganze Behörden leiten kann, der von Wirtschaft Ahnung hat – der ein glänzender Autodidakt war.“ Das sei zwar nicht gänzlich auszuschließen, aber die Wahrscheinlichkeit dafür sei viel geringer. Eher besitze ein studierter Verwaltungsbeamter mit Wehrmachterfahrung diese Fähigkeiten.

Das ergänzt sich zudem mit anderen Ungereimtheiten und Widersprüchen in Stophs Geschichte, die auch der SED aufgefallen seien. Viele Ehrungen und Privilegien altgedienter Parteigrößen habe er nie bekommen, ergänzt Schrör. Westliche Medien hätten ebenfalls auf Ungereimtheiten hingewiesen. Spekulationen habe es zwar viele gegeben – zum Beispiel, er sei ein russischer Agent –, „aber niemand kam auf die Idee, dass ein Identitätstausch stattgefunden haben könnte.“ Dabei sei dieses Vorgehen bei den Sowjets keine Seltenheit gewesen.

Passenderweise habe sich Stoph auch trotz gesundheitlicher Probleme nach 1945 gewissen Untersuchungsmethoden verweigert. „Er hat sich unter anderem nie röntgen lassen“, sagt Schrör. Wolfgang Posten verweist auf den forensischen Beweischarakter solcher Untersuchungen. „Wenn man das mit den echten Aufnahmen des echten Stoph vergleicht…“

Dass er sich vieler Tests verweigerte und damit irgendwie durchkam, ist laut Schrör ein klarer Hinweis auf den Schutz durch Moskau. „Das ist ein Fakt. Er hatte engste Kontakte zu den KGB-Spitzen aus Berlin. Er hat sie ständig mit Informationen aus dem Politbüro versorgt. Das war vermutlich seine Hauptaufgabe.“

Einladung zur Auseinandersetzung

Die Autoren betonen den kumulativen Charakter ihrer Untersuchung: „Einzelne Abweichungen sind für sich genommen nicht beweiskräftig, gewinnen jedoch in ihrer Gesamtschau oder als wiederkehrendes Muster an Aussagekraft und Plausibilität.“

„Es war eine spannende Reise“, hält Matthias Schrör fest. Nun freuen sich er und Wolfgang Posten auf die Reaktionen, „die unsere These stärken oder ihr widersprechen.“ Zu kaufen ist das Buch in der Geschäftsstelle des Historischen Vereins für Geldern und Umgegend in Geldern. Für Mitglieder stellt es die Jahresgabe dar, die ebenfalls vor Ort abgeholt werden kann.

Wolfgang Posten (l.) und Dr. Matthias Schrör thematisieren in „Zwei Namen für ein Leben“ den möglichen Identitätswechsel von Willi Stoph. NN-Foto: T. Langer

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