Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.OKWeitere InformationenCookies Auflistung
"Weezer Bahnhof 1911, historische Aufnahme, Vintage Zugstation, schwarz-weiß Foto"
29. Mai 2026 · Thomas Langer · Weeze

Eine kleine Reise durch die Weezer Geschichte

Von der Hof-Schenkung bis zur korrigierten Jubiläumsfeier: 800 Jahre Ortsgeschichte

WEEZE. Aufbau, Zerstörung, Veränderung: Über die Jahrhunderte verändert sich das Gesicht eines Ortes ganz zwangsläufig durch unterschiedliche Einflüsse – Weeze bildet da keine Ausnahme. Zum 800. Jubiläum der Gemeinde ist es Zeit für eine kleine Reise durch die Zeit.

Je nach Sichtweise könnte man argumentieren, dass Weezes Geschichte schon viel, viel früher begonnen hat. „Schon 2000 vor Christus hat es hier eine frühe Besiedlung gegeben“, erzählt Helena Reichhart, die stellvertretende Vorsitzende des Arbeitskreises Weezer Heimatgeschichte. 1951 erlebten Schulkinder das auf besondere Weise, als sie mit ihrem Lehrer bei einer archäologischen Untersuchung in Baal selbst buddeln durften – und auf Bruchstücke einer mindestens 2000 Jahre alten Urne stießen. Will man sich jedoch auf Weeze als Weeze beschränken, muss man glücklicherweise nicht ganz so weit in der Zeit zurückreisen – und hat es dabei dank vielseitiger Zeugnisse um einiges leichter, die Geschichte nachzuverfolgen.

Wobei „leichter“ noch immer ziemlich kompliziert bedeuten kann, wie sich vor 70 Jahren auf witzige Art gezeigt hat. Lange vor dem 800. Jubiläum hatten es die Weezer 1956 nämlich fertiggebracht, bereits das 1.100. Jubiläum ihrer Gemeinde zu feiern. Der Grund dafür war eine Urkunde von 855, die Historiker ein Jahr zuvor zutage gefördert hatten. Diese sprach von einem mittelalterlichen Höfekomplex im späteren Bereich Kalbeck – die Villa Geizefurt. „Diese brachte man in Verbindung mit Weeze“, sagt Reichhart. Die Freude über den Fund war in der harten Nachkriegszeit offenbar groß, wie die ausschweifenden Feierlichkeiten zeigen: „Sie haben einen riesigen historischen Festumzug veranstaltet.“ Darin stellten die Weezer verschiedene Epochen und Ereignisse in historischer Kleidung dar. Was man aber übersah: Der Name Weeze wurde in der Urkunde gar nicht erwähnt. „Damit reisen wir mit unserer Feier quasi wieder zurück in die Zukunft“, sagt Arbeitskreis-Vorsitzende Astrid Basten mit einem verschmitzten Lächeln.

Alt-Tag: "Historischer Umzug zum 1.100-Jubiläum der Gemeinde Weeze, Menschen in traditionellen Kostümen feiern."

Das vermeintlich 1.100-Jubiläum der Gemeinde feierten die Weezer mit einem historischen Umzug. Foto: privat

Tatsächlich namentlich erwähnt wurde Weeze erstmals 1226. „Heinrich III., Herr zu Alpen, hatte dem Kloster Kamp einen Hof in der Weezer Bauernschaft Vornick vermacht“, sagt Reichhart. „In der Urkunde ist dabei von der Pfarrei Weeze die Rede.“ Oder vielmehr von der Pfarrei „Wise“, wie Astrid Basten berichtigt. „Über den Ursprung des Ortsnamens wird allerdings noch gerätselt“, ergänzt Reichhart.

Weeze: Ein Ort der Konflikte

Geprägt wurde Weeze in den folgenden Jahrhunderten einerseits durch lokale Konflikte: Als Grenzgebiet war der Ort etwa Zankapfel zwischen den Herzogtümern Kleve und Geldern. „1466 ist Weeze zum Beispiel geplündert und gebrandschatzt worden“, sagt Helena Reichhart.

Andererseits spiegelt sich in Weeze beispielhaft die Geschichte des ganzen Niederrheins wider: „Andauert gab es fremde Besatzungen: Spanier, Franzosen.“ Versteckt bezeugt wird das heute noch durch die alte Heerstraße, über die die Armeen damals marschierten. Ähnliches gilt für die alte Römerstraße. „Die Söldner brachten auch die Pest hierher“, sagt Astrid Basten. Das geschah während des 30-jährigen Krieges – ganz zu schweigen von den üblichen Verwüstungen und Kämpfen.

Für den nächsten großen Einschnitt in der Ortsgeschichte nach dem 30-jährigen Krieg sorgte die Franzosenzeit ab 1794. „Damit waren auch die Weezer Franzosen“, sagt Basten und verweist auf die Geburtsregister: So wurde aus Peter-Jakob schnell Pierre-Jacques oder aus Johannes Jean. „Aber das haben die Franzosen überall gemacht.“ Und abseits der Urkunden schlug sich das auch gar nicht zu sehr in der Lebenswirklichkeit der Menschen nieder. „Die Bevölkerung sprach weiterhin platt“, erläutert Reichhart. Erwähnenswert ist jedoch, dass die französische Vorliebe für Struktur 1803 die erste Einwohnerzählung hervorbrachte. Demnach kam Weeze damals auf 1.650 Einwohner. Zum Vergleich: Stand 2024 lag die Einwohnerzahl bei 12.766 Einwohner. „Die Franzosen haben hier auch die Hausnummern eingeführt“, sagt Basten: von Haus Nummer eins bis 102 im Ortskern.

Auch eine weitere Veränderung in der Kulturlandschaft geht auf das Konto der Franzosen: Bis zum Ende ihrer Herrschaft im Jahr 1815 lösten sie zahlreiche Klöster auf, darunter Marienwasser und die Gaesdonck. Vorausschauend agierte jedoch Prior Johann Lüskens, der Geld beiseiteschaffen und Ausstattung retten konnte, um ab 1809 die Kapelle in Wemb zur Kirche auszubauen. „Das war eine schwierige Zeit für die frommen katholischen Weezer“, sagt Astrid Basten.

Nach ihrem Sieg gegen die Franzosen übernahmen die Preußen am Niederrhein – für die Weezer sollte das aber keine Entspannung bedeuten. „Die Preußen sprachen kein Platt und waren evangelisch, um Gottes willen!“, erzählt Astrid Basten mit einem Lachen.

Drei Gemeinden

Ab 1815 bestand Weeze aus drei Spezialgemeinden mit eigener Verwaltung: Kalbeck, Wissen und Weeze. Noch bis 1818 – 350 Jahre lang – gehörte sogar die niederländische Gemeinde Siebengewald zum Weezer Gebiet. Der Kontakt hält bis heute – auf verschiedene Weise: „Wenn es in der Gaesdonck nichts Gescheites zu essen gibt, wandern Herden von Schülern über die Grenze, um dort Pommes zu essen“, erzählt Astrid Basten.

Wer jedoch in den drei eingangs erwähnten Gebieten unterwegs ist, stößt weniger auf beliebte Frittenbuden, sondern auf drei traditionsreiche Schlösser: Wissen, Kalbeck und Hertefeld. Deren jeweilige Herren hatten damals eine niedrige Gerichtsbarkeit: „Sie konnten also bei geringeren Verbrechen selbst Recht sprechen“, erläutert Helena Reichhart. Schwere Verbrechen wurden seit jeher in Kleve – ab 1820 beim Landgericht – verhandelt.

"Historisches Foto des Krankenhauses Theresienstift 1906, Backsteinarchitektur, schwarz-weiß, privates Archivbild"

Das Krankenhaus Theresienstift 1906. Foto: privat

1863 machte schließlich die Gesundheitsversorgung einen Sprung nach vorne: Weeze erhielt sein erstes Krankenhaus. Gestiftet wurde das Theresienstift gegenüber des heutigen Bürgerhauses vom Ehepaar von Loë von Schloss Wissen. Heute dient das Gebäude als Hotel. Das Krankenhaus selbst wurde ab 1965 an anderer Stelle als Altenheim fortgeführt.

Weeze in den Weltkriegen

Die Preußenzeit hielt an bis zum 1. Weltkrieg – der Beginn massiver Veränderungen für Weeze. Vor allem im 2. Weltkrieg war das Gemeindegebiet Schauplatz großer Kämpfe. Nach der Landung in der Normandie und dem Marsch durch Frankreich „war es das Ziel der Alliierten, über den Rhein zu kommen und von dort Deutschland aufzurollen“, erläutert Basten. Reichhart ergänzt: „Die letzten großen Kämpfe vor der Rheinquerung fanden linksrheinisch im März 1945 zwischen Weeze, Kervenheim und Uedem statt.“ Sogar die Schulkinder wurden in die Kriegsproduktion einbezogen. Sie mussten Seidenraupen für Fallschirme züchten.
Britische Soldaten marschieren auf dem Alten Markt in Weeze, 3. März 1945, historische Kriegsfotografie.

Britische Soldaten rücken in Weeze ein: Alter Markt, 3. März 1945. Foto: privat

Es waren vor allem die Engländer und Kanadier, die Weeze einnahmen. „Es gab auch um einzelne Bauernhöfe, wo sie untergebracht waren, immer wieder Kämpfe“, sagt Basten. Die Bevölkerung sei bereits im Dezember 1944 nach Sachsen-Anhalt evakuiert worden – wer nicht ging, musste damit rechnen, als Verräter gebrandmarkt und erschossen zu werden. Verweigerer gab es jedoch einige. „Gerade die Bauern sind nicht gegangen, weil sie ihren Hof nicht allein lassen wollten. Sie haben das Geschehen daher hautnah miterlebt.“

Unfassbar für die Weezer: Vor ihrem Abzug war es nicht der Feind, sondern die Deutschen, die im Februar 1945 den Kirchturm sprengten: „Es war eine Politik der verbrannten Erde: Man wollte den Briten die Eroberung erschweren“, sagt Helena Reichhart. Letztendlich bezahlte Weeze einen hohen Preis, wie Basten verdeutlicht: „85 Prozent der Häuser wurden zerstört.“ Die Folge: große Wohnungsnot.
"Gesprengter Kirchturm der Wehrmacht, 24. Februar 1945, historische Aufnahme"

Der am 24. Februar 1945 von der deutschen Wehrmacht gesprengte Kirchturm. Foto: privat

Was das Ortsbild angeht, hatte die Nazizeit auch ideell Spuren hinterlassen. So war der Cyriakusplatz zum Adolf-Hitler-Platz umgewidmet worden, während die Schmiedestraße zur „Straße der SA“ wurde. Das hier beheimatete alte Rathaus ist nämlich das erste Haus im Kreis Kleve gewesen, das zum „Haus der NSDAP“ umfunktioniert wurde und damit als Zentrale für SA und Polizei diente.

Die zahlreichen Toten mussten nach Kriegsende von der Bevölkerung bestattet werden. „Jeder, der jemanden fand, musste ihn beerdigen“ – und wenn es im heimischen Garten neben dem Gemüsebeet war. Erst später wurden die Toten, zentral organisiert, zur 1950 eröffneten Kriegsgräberstätte an der Uedemer Straße überführt – ein weiterer Schauplatz vieler Kämpfe. Möglich machte dieses Unterfangen auch der Graf von Loë, der das Grundstück der Gemeinde schenkte.

Die Kriegsgräberstätte war aber nicht der einzige Ort von besonderer Bedeutung: Auf dem Feld gegenüber von Schloss Wissen, wenn man in Richtung Kevelaer fährt, richtete das britische Militär nach Kriegsende ein Kriegsgefangenenentlassungslager ein. Hier wurden die deutschen Gefangenen aus der Region registriert, kontrolliert und in ihre Heimat entlassen. „Es waren 230.000 Kriegsgefangene, die hier durchgeschleust wurden“, sagt Helena Reichhart. Und zwar unter widrigen Umständen: „Es gab keine Zelte, nichts. Sie haben auf nacktem Boden und in Erdlöchern geschlafen“, sagt Astrid Basten. Unter ihnen war auch der berühmte Schriftsteller Heinrich Böll. „Seine Tante Helene führte hier einen Lebensmittelladen“, erzählt Basten.

Die letzte große Folge britischer Besatzung nahm 1954 Gestalt an: der Nato-Flugplatz Laarbruch – heute Standort des gleichnamigen Museums und des Flughafens Niederrhein.

Das Schicksal jüdischer Familien

Wer über den zweiten Weltkrieg spricht, kommt nicht um das Schicksal der jüdischen Familien herum. Vier davon gab es in Weeze, die unterschiedliche Schicksale ereilte. „Hier in Weeze gab es keine wirkliche Reichskristallnacht, aber in Ratsprotokollen wurden Verhaltensweisen gegenüber den Juden angeordnet“, sagt Helena Reichhart. Dazu gehörte ein Kaufverbot in ihren Geschäften.

Der Familie Koopmann gelang mit ihren beiden Töchtern zunächst die Flucht nach Belgien. „Dort wurden sie aber von den deutschen Eroberern deportiert und ermordet.“

Ausgewandert in die USA, konnte die Familie Ludwig de Vries diesem Schicksal entgehen. Die Familie Max de Vries wurde zwar deportiert, überlebte jedoch und kehrte nach dem Krieg sogar nach Weeze zurück. „Max de Vries hat im Rahmen der Entnazifizierung sehr vorteilhaft für viele Weezer ausgesagt“, erzählt Astrid Basten. Tochter Edith schrieb sogar ein Buch über ihre Kindheit in der Gemeinde.

Tragisch endete das Leben von Simon Hertz: „Er ist in Schutzhaft genommen worden und hat sich aus Angst vor Deportation in einer Arrestzelle in Weeze erhängt. Die beiden Söhne konnten aber glücklicherweise fliehen“, sagt Reichhart.

Bewegte Wirtschaftsgeschichte

Die Wirtschaft in Weeze hat sich nach und nach ebenfalls gewandelt: „Die Mehrheit war früher in der Landwirtschaft tätig“, sagt Reichhart. Reiche Bauern sollte man sich darunter aber nicht vorstellen: „Die meisten von ihnen waren Tagelöhner, Knechte, Dienstmägde und Käter, hatten also höchstens nur einen kleinen Hof.“

Um 1850 herum sprechen die Adressbücher jedoch vor allem von Handwerkern. Auch die 1863 errichtete Bahnstation als Bindeglied zwischen Krefeld und Kleve markierte einen wichtigen Meilenstein in Weezes industrieller Entwicklung. „Im 19. Jahrhundert war Weeze als Schusterdorf bekannt“, erläutert Reichhart. Dann entwickelten sich zahlreiche Schreinereien. „Die bekannteste unter ihnen war die Industrie der Familie Geenen. Sie hatten verschiedene holzverarbeitende Gewerke.“ Das sorgte für einen merklichen Zuzug zahlreicher Arbeitskräfte, darunter viele Niederländer.
Postkarte von 1906 zeigt Möbelschreinerei Geenen, historisches Handwerk, antike Werkstatt, Vintage-Design. Foto: privat.

Eine Postkarte von 1906 mit der Möbelschreinerei Geenen. Foto: privat

„In den 1960er Jahren kamen dann 400 Italiener nach Weeze“, sagt Basten. Sich einzuleben, sei nicht immer einfach gewesen, aber die Entwicklung hin zu mehr Internationalität zieht sich bis heute durch: „Ich glaube, wir haben etwa 50 verschiedene Nationen in Weeze, die friedlich miteinander leben“, sagt Basten.

Erst mit dem Konkurs des GG-Werks – damals das größte Werk in Weeze – kam 1975 der große wirtschaftliche Einbruch: 430 Beschäftigte verloren ihren Arbeitsplatz. 1999, am Ende des kalten Krieges, kam der nächste Schlag für die Gemeinde: Der britische Militärflughafen wurde geschlossen, die britischen Soldaten zogen ab. „Ein großer Kaufkraft-Verlust“, erklärt Astrid Basten. „Durch die hohen Steuermittel hatten wir auch ein eigenes Schwimmbad.“

2001 ging es allerdings wieder bergauf, als die Genehmigung zum zivilen Betrieb eines Flughafens erteilt wurde. Mittlerweile ist das Gelände auch Standort der Zentralen Unterbringungseinrichtung des Landes NRW und Austragungsort für Veranstaltungsgrößen wie Parookaville, San Hejmo und Mud Masters – ein starkes Zeichen für die Resilienz und das Zukunftspotenzial kleinerer Gemeinden.

Fehler bei der Sanierung

Was das Ortsbild angeht, hatte man sich schon in den 1960er Jahren daran gemacht, den Ort mit einer „großen Ortskernsanierung“ auf Vordermann zu bringen. „Dabei hat man aber viel Blödsinn veranstaltet, wie überall: Viele alte Gebäude wurden einfach abgerissen“, sagt Helena Reichhart. Erst in den 80er Jahren habe man versucht, „die Sünden der 60er Jahre teilweise zu beheben“: mit einer kontrollierten Sanierung, bei der auch der Cyriakusplatz umfunktioniert wurde.

Auch heute seien die Verantwortlichen bemüht, die Gemeinde attraktiv und zukunftsfähig zu gestalten. Beispiele sind die Niers-Renaturierung im Sinne des Hochwasserschutzes, die neue Niersbrücke und die Nierspromenade.

Das macht die Gemeinde offenbar für junge Familien attraktiv. „Weeze ist meines Wissens seit Jahren die am stärksten wachsende Kommune in ganz NRW“, sagt Astrid Basten. Parallel dazu ist die Anzahl der Kitas in Weeze kreisweit ebenfalls unübertroffen. „Wir haben auch zahlreiche Neubaugebiete, also das, was vielen anderen Gemeinden oft fehlt.“ Hinzu kommen mehr als 70 Vereine und der Tierpark, der in diesem Jahr sein 60. Jubiläum feiert. Astrid Basten betont: „Die Vereine tragen in Weeze unheimlich viel. Hier packen viele Hände mit an, was Weeze zu einem lebens- und liebenswerten Ort macht.“

Historisches Foto: Gaststätte Eymans "Zum roten Hirsch" in der Wasserstraße, frühes 20. Jahrhundert.

Links die Gaststätte Eymans (Zum roten Hirsch) und der Blick in die Wasserstraße zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Foto: privat

Der Weezer Bahnhof um 1911. Foto: privat

Prospekte
weitere Artikel