"Guido Cantz jubelt im VfB Stuttgart- und DFB-Trikot, unterstützt die DFB-Elf. Foto: Patrick Liste"
5. Juni 2026 · Michael Bühs · Niederrhein

„Eine gute Truppe, aber es fehlen die Superstars“

Comedian Guido Cantz spricht vor der Fußball-WM 2026 im NN-Interview über die deutsche Mannschaft, ihre Erfolgsaussichten, über Top-Spiele und -Nationen und sein ganz persönliches „Public Viewing“.

NIEDERRHEIN. Nicht nur auf der Bühne fühlt sich Comedian und Moderator Guido Cantz zu Hause, auch auf dem Fußballplatz ist er regelmäßig anzutreffen. Der bekennende Anhänger des VfB Stuttgart ist aktiver Fußballspieler bei der Altherrenmannschaft des SSV Troisdorf, lief für die SpVg Wahn-Grengel in der Landesliga und den 1. FC Spich in der Bezirksliga auf. Auch das Geschehen rund um die deutsche Nationalmannschaft begleitet er seit vielen Jahren mit Humor und einem Augenzwinkern. Im NN-Interview spricht er über den aktuellen Kader von Bundestrainer Julian Nagelsmann und dessen Erfolgschancen, die anstehende Weltmeisterschaft und Mit-Gastgeber USA – und natürlich die Personalie Manuel Neuer.

Herr Cantz, eines der bestimmenden Themen im Vorfeld der WM war die Kaderbekanntgabe von Bundestrainer Julian Nagelsmann und seine Entscheidung, Manuel Neuer als Nummer eins mitzunehmen. Wie bewerten Sie diese Entscheidung?

Guido Cantz: Der Alte ist ein Neuer – oder der Neuer ist ein Alter, wie auch immer man das nennen mag. Ich find es jedenfalls sehr überraschend und merke seit einiger Zeit, dass ich am Anfang von unserem Bundestrainer so begeistert war, aber seine kommunikativen Fähigkeiten wohl doch überschätzt habe. Natürlich ist Manuel Neuer ein Top-Torwart und hat sicherlich eine andere Ausstrahlung als Oliver Baumann. Aber wenn ich Oliver Baumann wäre, wäre ich doch sehr enttäuscht. Ich glaube, das hätte man ein bisschen besser in der Öffentlichkeit kommunizieren können.

Ist es aus Ihrer Sicht von Bundestrainer Nagelsmann ein kluger Schachzug, nur schlecht kommuniziert?

Cantz: Mit Blick auf die internationale Wirkung ist Manuel Neuer die richtige Entscheidung, denn ich glaube, wir werden ohnehin Probleme haben, bei dieser WM weit zu kommen. Neuer hat eine internationale Strahlkraft, das hat man ja auch im Champions-League-Halbfinale gesehen. Also: Warum nicht? Wenn er sich das zutraut. Mit Manuel Neuer haben wir einen tollen Torwart hinten drin. Er ist sicherlich jemand, auf den sich die Mbappés dieser Welt nicht freuen werden.

Sie sagten, Sie erwarten, dass Deutschland Probleme haben wird, weit zu kommen. Das klingt, als wäre Ihre Vorfreude auf die WM recht gedämpft.

Cantz: Ich bin jemand, der sehr, sehr viel Spaß an Fußball hat, weil ich mein Leben lang auch selbst auf dem Platz gestanden habe. Aber die große Vorfreude stellt sich bei mir in diesem Jahr noch überhaupt nicht so richtig ein – weil die Vorzeichen so merkwürdig sind. Vieles ist noch nicht richtig greifbar: Iran soll mitspielen, aber auf der anderen Seite wird Iran von dem Land attackiert und bebombt, das einer der drei Ausrichter ist. Dann soll Iran auch in den USA spielen. Ich kann mir das gar nicht so richtig vorstellen. Die Zeiten, in denen ich mich aufs Panini-Album gefreut und mir ein Trikot gekauft habe, die haben sich noch nicht eingestellt.

„DFB und FIFA wollen, dass wir
die Vorrunde mal wieder überstehen“

Die Vorfreude scheint bei uns im Land insgesamt noch sehr verhalten zu sein. Hängt das vielleicht auch damit zusammen, dass die Fans einfach übersättigt sind? Früher hatte man rund einen Monat zwischen DFB-Pokalfinale und EM- oder WM-Start. Jetzt liegen gerade mal anderthalb Wochen zwischen Champions-League-Finale und Eröffnungsspiel.

Cantz: Ich glaube, dass es tatsächlich schon fast ein Overkill ist bei all den vielen Übertragungen im Fernsehen. Europa-League-Finale, DFB-Pokal-Endspiel, Relegation und, und, und. Aber generell ist eine WM schon was Besonderes, weil sie eben nur alle vier Jahre stattfindet. Vielleicht trauen wir alle auch unserer Nationalmannschaft gar nicht so viel zu. Bei den letzten Großveranstaltungen haben wir nicht gerade geglänzt, sind bei den letzten zwei Weltmeisterschaften in der Vorrunde ausgeschieden. Immerhin: Jetzt kann man ja fast gar nicht ausscheiden. Als die Gruppenauslosung stattgefunden hat, habe ich mir gesagt: ‚Wahnsinn, Curacao, das haben wir früher getrunken!‘ Wahrscheinlich wollen DFB und FIFA, dass wir mal wieder die Vorrunde überstehen. Und mit dem Sechzehntelfinale sollte das ja zu schaffen sein. Aber insgesamt glaube ich, fehlt auch ein bisschen der Optimismus.

Es hört sich an, als wäre aus Ihrer Sicht das DFB-Team nicht unbedingt bereit für Großes.

Cantz: Ach, das will ich gar nicht sagen. Vor zwei Jahren, bei der Europameisterschaft im eigenen Land, bin ich mehrfach im Stadion gewesen und fand, dass die Atmosphäre toll war. Damals sind wir sehr unglücklich gegen Spanien ausgeschieden. Da hat mich der Auftritt unserer Nationalmannschaft positiv überrascht. Jetzt aber gibt es einfach zu viele Unwägbarkeiten. Dazu kommt noch dieser durchgedrehte, wahnsinnige amerikanische Präsident, bei dem man auch nicht so genau weiß: Was passiert denn da jetzt?

„Wir haben keinen Topstürmer wie
Klose 2014, mit dem man Weltmeister wird“

Deutschland galt lange als Turniermannschaft. Diesen Nimbus haben wir verloren. Gibt es aus ihrer Sicht einen Zeitpunkt, ab dem es gekippt ist?

Cantz: Ich würde sagen, das war 2018. Nach der Weltmeisterschaft haben wir aus meiner Sicht noch eine sehr gute Europameisterschaft 2016 gespielt. Da hätte ich uns im Laufe des Turniers sogar den Titel zugetraut. 2018 war dann das Problem, dass wir eine Mannschaft hatten, die satt war. Das Ganze hat Jogi Löw wohl auch falsch eingeschätzt. Hinzu kamen einige Spieler, die ihren Zenit überschritten hatten. Diese Talsohle haben wir inzwischen durchschritten, das war bei der Europameisterschaft schon zu sehen. Wir haben wieder richtig gute Fußballer am Start. Ob das ausreicht, bei der WM weit zu kommen, da bin ich ein bisschen hin- und hergerissen. Uns fehlt, glaube ich, der absolute Topstürmer. Auch wenn Kai Harvartz englischer Meister geworden ist, fehlt uns einer, mit dem man Weltmeister wird, wie 2014 Klose. Wir haben eine gute Truppe, aber die Superstars haben wir nicht. Ich glaube, die Franzosen und Spanier sind schon deutlich besser.

Gibt es Spieler, die unverzichtbar für die DFB-Mannschaft sind?

Cantz: Ich hoffe, dass Musiala es schafft, sich noch zu verbessern, mehr Selbstvertrauen zu bekommen. Er ist ein Ausnahmespieler, der aber nach der schweren Verletzung noch nicht wieder da ist, wo er mal war. Aber in der Kombination mit Wirtz haben wir da sicherlich Möglichkeiten. Was mir am meisten weh tut ist, dass Gnabry nicht mit dabei ist. Er hat eine herausragende Saison gespielt und wäre jemand gewesen, der eine tolle WM gespielt hätte. Ich glaube, dass auch Dennis Undav ein wichtiger Spieler sein kann, der sich anscheinend jetzt wieder ein bisschen besser versteht mit Herrn Nagelsmann. Er wird wahrscheinlich nicht von Anfang an spielen, ist aber jemand, den man bringen muss, weil er einfach ein super Lauf hat. Auch Kimmich ist wichtig. Allerdings habe ich den Eindruck, dass er in den entscheidenden Spielen nie richtig performt hat. Auch gegen Paris hat er nicht seine beste Leistung abgerufen. Wichtig wird sein, dass wir in der Abwehr gut stehen. Ich halte Tah für einen sehr soliden und guten Abwehrspieler, glaube aber trotzdem, dass auch Rüdiger wichtig ist. Jemanden wie ihn braucht man in Spielen gegen Topstürmer, denn keiner möchte gegen Antonio Rüdiger spielen. Auch wenn er ab und zu mal einen kleinen Aussetzer hat, ist er ein wichtiger Mann für unsere Truppe.

„Frankreich, England und Spanien sind
die Top-Favoriten auf den WM-Titel“

Was trauen Sie Deutschland zu?

Cantz: Pflicht muss sein, die Gruppenphase mal wieder zu überstehen. Das haben wir zweimal nicht geschafft. Das wäre jetzt das absolute Muss und muss bei der Gruppenauslosung auch zu schaffen sein. Wobei die Elfenbeinküste sicherlich ein schwerer Gegner ist und Ecuador auch nicht so leicht zu besiegen ist. Ab der K.o.-Phase muss man mal gucken – je nachdem, wer dann auf uns trifft. Im Viertelfinale könnte schon Frankreich auf uns warten. Das wäre dann der entscheidende Test. Frankreich ist für mich einer der absoluten Topfavoriten, zusammen mit England und Spanien. Wenn man im Viertelfinale gewinnt, dann kann man auch den Titel holen. Wobei ich nicht glaube, dass die Mannschaft schon so weit ist, ins Finale zu kommen.

Brasilien und Argentinien zählen für Sie nicht zum Kreis der WM-Favoriten?

Cantz: Ich glaube nicht, dass sie so weit kommen werden. Sie haben natürlich gute Kicker, die auch international in Top-Clubs spielen. Deshalb ist es richtig, solche Nationen, die auch schon den Pott in der Hand hielten, in den Favoritenkreis zu rücken. Aber ich glaube ganz sicher, dass der Weg zum WM-Titel über England und Frankreich führen wird.

„Wenn es um einen Geheimfavoriten
geht, würde ich auf Österreich setzen“

Gibt es eine Nation, der Sie eine Überraschung zutrauen?

Cantz: Ach, da bin ich immer so schlecht drin. Ich habe über viele Jahre immer die Belgier genannt, weil sie damals diese „goldene Generation“ hatten, die aber letztlich nie etwas gerissen hat. Dann war ganz oft Kroatien dabei, wo es hieß: Die kommen weit. Ich glaube, dass die Österreicher eine richtig gute Truppe haben – denen traue ich einiges zu. Dazu haben sie einen richtig guten Trainer mit Ralf Rangnick. Wenn es um einen Geheimfavoriten geht, würde ich sie nennen.

Wissen Sie schon, wie Sie die Weltmeisterschaft verfolgen werden? Schauen Sie so viele Spiele wie möglich oder eher nur die deutschen Spiele?

Cantz: Wenn es geht, schaue ich viele Spiele. Bei einem deutschen Spiel könnte es eng werden, da bin ich auf Tournee mit meinem Comedyprogramm „Komische Zeiten“ in München im Schlachthof. Als wir den Termin vor zwei Jahren gebucht haben, konnte man noch nicht davon ausgehen, dass an dem Tag Deutschland spielen wird. Ansonsten haben wir eine WM-Garage: Ein Freund von uns macht sich eine Riesenmühe, bei sich im Innenhof eine Garage auszuräumen, sie zu schmücken und mit einer Riesen-Leinwand, Beamer und mehreren Kühlschränken auszustatten. Dann schauen wir mit vielen Freunden, jeder bringt etwas zu trinken und zum Knabbern mit. Das ist immer ein Riesen-Event, mit Tippspiel und einer tollen Atmosphäre.

Comedian mit Ballgefühl: Guido Cantz jubelt für den VfB Stuttgart und die DFB-Elf. Foto: Patrick Liste

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