Ein Ort des NS-Terrors wird zum Ort der Erinnerung
Enthüllung einer Gedenktafel am ehemaligen Café Paris in Kleve
KLEVE. Mehr als 75 Bürger, darunter Gäste aus den Niederlanden, sind an der Briener Straße 2 in Kleve zusammengekommen. Am Gebäude des ehemaligen Café Paris, in dem sich heute das Restaurant Athen befindet, wurde eine Gedenktafel enthüllt. Sie erinnert an Klever Bürger, die zwischen 1933 und 1945 unter der nationalsozialistischen Diktatur entrechtet, verfolgt und ermordet wurden.
Der Ort wurde bewusst gewählt: In den Kellerräumen des Café Paris hielten die Nationalsozialisten bereits im Frühjahr 1933 politische Gegner fest. Sozialdemokraten und Kommunisten wurden dort gedemütigt, schwer misshandelt und gefoltert. Mit der Gedenktafel wird dieses dunkle Kapitel der Klever Stadtgeschichte dauerhaft im öffentlichen Raum sichtbar.
Josef Gietemann begrüßte die Gäste im Namen der Vereinigung für Kultur und Wohlfahrtspflege sowie des niederländischen Projektpartners, der Stichting voor Cultuur en Solidariteit aus Nijmegen.
Seit 2013 beschäftigt er sich mit der Geschichte des ehemaligen Café Paris und den Schicksalen der dort verfolgten Menschen. Bereits während seiner langjährigen Tätigkeit als Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Kleve hatte er gemeinsam mit Mitstreitern immer wieder an die Ereignisse des Jahres 1933 erinnert.
In seiner Ansprache betonte Gietemann, es gehe darum, den Opfern ihre Geschichte und Würde zurückzugeben. Die Gewalt habe nicht irgendwo in der Ferne stattgefunden, sondern mitten in Kleve, vor den Augen der damaligen Stadtgesellschaft.
Für ihn ist die Erinnerung untrennbar mit der Gegenwart verbunden. Wer die Verbrechen des Nationalsozialismus ernst nehme, müsse auch heute aufmerksam bleiben, wenn Menschen ausgegrenzt, demokratische Grundwerte infrage gestellt oder rechtsextreme Positionen gesellschaftsfähig gemacht würden.
Im Anschluss sprach die stellvertretende Bürgermeisterin Andrea Schwiete im Namen der Stadt Kleve. Sie würdigte die neue Gedenktafel als sichtbares Zeichen der Erinnerung an die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung. Zugleich erinnerte sie an das Frühjahr 1933, als die Nationalsozialisten auch in Kleve begannen, ihre politischen Gegner systematisch auszuschalten.
In ihrer Ansprache verwies sie auf die Verhaftungen und Misshandlungen, die unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtübernahme auch in Kleve bittere Realität wurden. Sie betonte die Verantwortung, diese Ereignisse im öffentlichen Bewusstsein wachzuhalten und kommenden Generationen die Bedeutung von Demokratie, Freiheit und Menschenwürde zu vermitteln.
Einen besonders eindrucksvollen Beitrag gestalteten vier Schülerinnen des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums Kleve. Sie hatten sich mit dem Schicksal des Klever Sozialdemokraten Otto Schmidt beschäftigt und stellten seine Geschichte in den Mittelpunkt ihres Beitrags.
Schmidt gehörte von 1919 bis 1933 dem Klever Stadtrat an. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde er verfolgt und gewaltsam zur Aufgabe seines politischen Mandats gezwungen. Auch er war von den Repressalien und Misshandlungen betroffen, mit denen die Nationalsozialisten ihre politischen Gegner einschüchterten.
Die Schülerinnen machten deutlich, dass hinter historischen Ereignissen keine anonymen Zahlen stehen, sondern Menschen mit eigenen Lebenswegen, Familien und Überzeugungen. Ihr Beitrag verlieh der Gedenkfeier eine besondere persönliche Note und zeigte, wie wichtig es ist, junge Menschen aktiv in die Erinnerungsarbeit einzubeziehen.
Anschließend richtete Daniel Boumanns, der das grenzüberschreitende Erinnerungsprojekt wissenschaftlich begleitet, den Blick auf die Bedeutung des Gedenkens für unsere Gegenwart.
Er machte deutlich, dass mit der Gedenktafel nicht nur ein historischer Ort gekennzeichnet werde. Vielmehr entstehe ein Ort, der zum Nachdenken anregen und Fragen nach Verantwortung, Menschlichkeit und dem eigenen Handeln aufwerfen solle.
Erinnerung dürfe nicht bei der Betrachtung der Vergangenheit stehen bleiben. Sie müsse auch dafür sensibilisieren, wenn Menschen heute ausgegrenzt, diskriminiert oder in ihrer Würde verletzt werden.
Boumanns verwies zudem auf die weiteren Bestandteile des Projekts „Gedenken. Nachdenken. Handeln.“, darunter eine historische Audiotour durch Kleve und eine begleitende Buchveröffentlichung über Verfolgung und Widerstand.
In seinem Dank würdigte er die Mitwirkung der Stadt Kleve, der Schülerinnen und ihrer Lehrkräfte, der deutschen und niederländischen Projektpartner sowie aller Unterstützerinnen und Unterstützer. Ein besonderer Dank galt der Eigentümerfamilie Savouisdakis, die die Anbringung der Gedenktafel am heutigen Restaurant Athen ermöglicht hatte.
Den Abschluss der Gedenkfeier bildete die gemeinsame Enthüllung der Gedenktafel. Unter Beteiligung der Schülerinnen wurde die europäische Flagge entfernt, die bis dahin die Tafel verdeckt hatte. Zum Vorschein kam die Inschrift: „Im Gedenken an die Klever Bürgerinnen und Bürger, die von 1933 bis 1945 unter der nationalsozialistischen Diktatur entrechtet, verfolgt und ermordet wurden.“
Ein bewegender Moment, der die historische Bedeutung des Ortes noch einmal unterstrich. Gerade die Beteiligung der jungen Generation machte sichtbar, worum es den Initiatoren geht: Die Erinnerung an die Opfer soll lebendig bleiben und an kommende Generationen weitergegeben werden.
Die Gedenktafel ist Bestandteil des deutsch-niederländischen Projekts „Gedenken. Nachdenken. Handeln.“, das von der Vereinigung für Kultur und Wohlfahrtspflege in Kleve und der Stichting voor Cultuur en Solidariteit aus Nijmegen gemeinsam verwirklicht wird.
Gefördert wird das Vorhaben durch die Euregio Rhein-Waal im Rahmen des Kleinprojektefonds mit Mitteln des europäischen Interreg-Programms Deutschland-Nederland.
Das Projekt verbindet historische Forschung, biografische Erinnerungsarbeit und moderne Vermittlungsformen. Neben der Gedenktafel sollen insbesondere die Audiotour und das begleitende Buch dazu beitragen, die Schicksale verfolgter Menschen in Kleve dauerhaft sichtbar und zugänglich zu machen.
Die deutsch-niederländische Zusammenarbeit unterstreicht dabei eine besondere Botschaft: Aus einer gemeinsamen, vielfach schmerzhaften Geschichte ist eine grenzüberschreitende Freundschaft erwachsen, die heute von Verständigung, Zusammenarbeit und dem Bekenntnis zu demokratischen Werten getragen wird.
Die große Beteiligung von mehr als 75 Menschen zeigte, dass die Erinnerung an die nationalsozialistische Vergangenheit auch mehr als acht Jahrzehnte nach dem Ende der Diktatur nichts von ihrer Bedeutung verloren hat.
Mit der Enthüllung ist ein lange verfolgtes Anliegen Wirklichkeit geworden. Ein Ort, an dem Menschen einst wegen ihrer politischen Überzeugungen eingesperrt, misshandelt und gefoltert wurden, trägt nun ein dauerhaftes öffentliches Erinnerungszeichen. Aus einem Ort des Terrors ist ein sichtbarer Ort des Gedenkens geworden. Die neue Gedenktafel erinnert nicht nur an das Unrecht von damals. Sie richtet zugleich einen Auftrag an die Gegenwart und an kommende Generationen: Gedenken. Nachdenken. Handeln.