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Klaus Frankens neue Mappe.
3. Dezember 2024 · Heiner Frost · Kranenburg

Ein Kompass ohne Nadel

Klaus Franken legt neue „Poems on Linoleum“ vor: Normal absurd

KLEVE. Das blaue Blatt wirkt magnetisch. Blau und Schwarz auf weißem Grund. Die Worte, die ins Auge stechen: „Häfen der Sehnsucht“. Und dann ...

„Was hat auf Dauer noch Bestand, das Meer ist aufgebracht und außer sich vor Wut, die Häfen der Sehnsucht sind geschlossen, mit aller Macht stürmt nun die Flut an Land. Wohl dem, der jetzt gut schwimmen kann. Ob es was nützt, ist jedoch ungewiss. Das Meer ist voller Haifischflossen.“ Man schluckt. Innerlich. Äußerlich.

Da liegt sie: die neue Mappe von Klaus Franken. Poems in Linoleum VI: „Normalabsurd“. Eigentlich ist alles in Großbuchstaben gegossen. Zwei Worte oder eines? „Das liegt im Auge des Betrachters“, sagt Klaus Franken. Er sagtschreibt auch: „Die Normalität des Absurden oder das Absurde der Normalität – wir versuchen uns einzurichten in einer Welt, in der wieder einmal nichts unmöglich erscheint.“ „Normalabsurd“ – ein Reisebericht vom Rand des Kraters, den wir Wirklichkeit nennen? Klaus Franken – ein Seimsmograph: Einer, der Schwingungen aufzeichnet. Und erzeugt. Oder weiterreicht. Ein Denker mit zwei Waagschalen, der – im Gegensatz zu Justitia – nicht erblindet ist. Die eine Waagschale: gefüllt mit Worten. Die andere: gefüllt mit Bildern. Beide Schalen: gefüllt mit Weltbeschreibungen. Gefühlt mit dem Herz des Denkers und dem Auge des Malers.

Franken – wir wissen das seit Poems on Linoleum I – ist nicht zuständig fürs Wohlfühlen. Franken ist einer, der mit dem Kompass durch die Welt geht. Es gibt da nur ein Problem: Die Kompassnadel ist entfernt. Wer also soll die Richtung weisen? Wieder landet man beim Auge des Betrachters. Kunst ist das, was wir beim Hinsehen verstehen. Die Künstlermeinung: vielleicht eine Art Bonus-Track.

Immerhin: Wenn sich Bildgedanken mit Worten paaren, werden Spuren gelegt, die deutlicher sind als die einer alleinstehenden Bildwelt.

Liest man die Texte, fällt auf, dass da einer im Schwarz des Hoffnungslosen startet („die Urwälder werden kahler, kein Tag ohne Kriegsgeburt) und dann immer wieder ein fahler Schimmer auftaucht: „Doch wenn wir noch weiterschauen: Der Urwald wird wieder erblühn und in Kriege wird niemand mehr ziehn. Ist das absurd oder ist das normal? Wir sind soo frei. Wir haben immer noch die Wahl.“

Das Gehirn geht in den Warnmodus. Vielleicht wird in Zukunft niemand mehr in den Krieg ziehen, weil niemand mehr da ist, der noch ziehen könnte. Dann wird sich die Welt von uns erholen. Vielleicht kannmuss man es so sehen? Absurdnormal? Manchmal ist das Absurde der letzte Ausweg aus den Unerträglichkeiten – eine Art Fluchttür. Franken stellt Bezüge zum absurden Theater her – nennt Autoren; Stückenamen. Borchert, Beckett. Irgendwie sind ihre Werke Prequels zu einem Jetztzustand. [Ein Prequel (aus dem Englischen entlehnt) ist eine Erzählung, die als Fortsetzung zu einem Werk erschien, deren Handlung aber in der internen Chronologie vor diesem angesiedelt ist. Das Wort ist eine Analogiebildung zu sequel („Folge, Fortsetzung“), verschmolzen mit dem Präfix pre- „vor“, um das Gegenteil von sequel zu bezeichnen. Prequels finden sich in verschiedenen Kunstformen wie Literatur, bei Film- und Fernseh-Produktionen, in der Oper und bei Computerspielen. Quelle: Wikipedia.]

Manchmal, denkt man, wenn auch das Absurde an seine Grenzen kommt, bleibt nur noch der Sarkasmus als letzter Schild vor dem Untergang: „Die Fliegen, da sind sie wieder, lassen sich auf braunen Haufen nieder, bedecken sie mit ihrem kurzen leben, sind heillos treu dem Scheißgestank ergeben.“ Alles, scheint es, ertrinkt in einem rettungslosen Schwarz. „Wir erwarten Gewitter – und zwar sind sie aus Stahl.“ Nein – das hier ist kein „hidden Bonus Track“ – keine versteckte Zugabe, nach der man erst suchen muss. Hier wird ein zu erwartendes Elend beschrieben. Natürlich: Auch Elend liegt im Auge des Betrachters.

Klaus Franken ist als Künstler kein Wellnessapostel – die Poems on Linoleum kein Wohlfühlgeschenk, das man zur Stimmungsaufhellung unter den Weihnachtsbaum legt. Die frohe Botschaft: Immerhin gibt es noch Weihnachtsbäume. Klaus Franken ist – wie soll man sagen – ein Humanist, der am Zustand der Welt leidet, ohne mit Heilversprechen Kasse machen zu wollen. „Für den Frieden beten angstflattrige Tauben. Der sprachlose Gott heult: Huhuhu. Er verdreht die Augen und macht sie dann zu. Da eilt im Auftrag von Macht und Glauben der Krieg blindwütig im Sauseschritt von Ost nach Süd und West und Nord und schreit: Mein ist das Leben, meine Arbeit ist der Mord. Habt keine Angst, macht einfach mit.“ Fast meint man, Tränentropfen zu hören. Was bleibt denn, bitte schön, am Ende? Frankens letzter Mappensatz: „Wie man es auch wendet oder dreht: Wir sind wohl am Ende einfach zu blöd.“ Da ist kein Besserwisser im Dauereinsatz. Einer, der es besser weiß, würde doch schreiben: „Ihr seid wohl am Ende einfach zu blöd.“ Frankens Poems on Linoleum sind ein Kommunikationsversuch – eingeritzt in nachgebendes Material und – immerhin – mit Farbe versehen. Es liegt im Auge des Betrachters. Das Blatt für meine einsame Insel: Häfen der Sehnsucht. Immerhin: Für Franken hat der Hafen eine Mehrzahl. Aus Sehnsucht wird Hoffnung. „Absurdnormal“: 7+1 handabgezogene Drucke von mehrfarbigen Linolschnitten. Auflage: 24 nummerierte und signierte Exemplare. Preis: 85 Euro. Erhältlich in der Buchhandlung Hintzen in Kleve. Seit dem 8. November und bis Ende Januar sind Arbeiten von Klaus Franken im Café Samocca, Hagsche Straße in Kleve, zu sehen.

Klaus Frankens neue Mappe.

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