Justizminister Benjamin Limbach in JVA Geldern Ausbildungswerkstatt, Industriemechaniker bei der Arbeit. Foto von Theo Leie.
27. August 2026 · Geldern

Ein Funke Normalität: Berufsausbildung im Strafvollzug

Einblicke in das Berufsbildungszentrum für Inhaftierte in der JVA Geldern

GELDERN. 23 Stunden allein in einer Zelle, eine Stunde Hofgang – So sehe der Alltag der Inhaftierten in der Justizvollzugsanstalt Geldern aus, wenn sie nicht arbeiteten. Kein Wunder also, dass sich 71 Prozent der Gefangenen für eine Tätigkeit in einem der vielen anstaltsinternen Betriebe entschieden hat. Hier werden aus Strafgefangenen Fachkräfte ausgebildet und damit für sie neue Zukunftsperspektiven geschaffen.

Möglich wird das durch das „zentrale Berufsbildungszentrum (BZB) für den geschlossenen Männervollzug“. Die Gefangenen können aus einem Angebot von 16 Ausbildungsberufen wählen oder sich für Fort- und Weiterbildungen entscheiden. „Das BZB ist in dieser Form einmalig in Nordrhein-Westfalen. Es gibt 238 Ausbildungsplätze und wir bilden hier auch Inhaftierte aus anderen Anstalten aus. Dafür werden sie für die Dauer der Ausbildung nach Pont verlegt“, erklärt BZB-Leiter Oliver Witschen. Das Spektrum ist groß. Von Handwerksberufen wie dem Holzmechaniker, Maurer, Fliesenleger oder Maler- und Lackierer bis hin zum Koch, Industriemechaniker, Gebäudereiniger oder Mediengestalter ist alles dabei.

Durchgeführt wird das Ausbildungsprogramm in Kooperation mit der Industrie- und Handelskammer sowie der Handwerkskammer. Die Zahlen klingen vielversprechend: „90 Prozent der Gefangenen, die zur Abschlussprüfung zugelassen werden, bestehen diese auch“, teilt Witschen weiter mit. Die Abschlüsse werden offiziell anerkannt und ermöglichen nach der Haft den Start ins Berufsleben. „Wenn die Gefangenen die Ausbildung bestanden haben, werden sie in ihre Stammanstalt zurückverlegt und können bis zum Ende des Vollzugs berufserhaltend als Fachkraft beschäftigt werden.“

Berufsausbildung: Ein wichtiger Teil der Resozialisierung

Zugangsvoraussetzung für eine Ausbildung im Berufsbildungszentrum der JVA ist zunächst eine ausreichende Haftzeit. Die Ausbildungen dauern in der Regel zwei Jahre, diese Zeit muss der Gefangene mindestens absitzen. Es dürfen außerdem keine Sicherheitsmaßnahmen gegen ihn erhoben werden und es wird in Gesprächen erörtert, ob der Gefangene die nötige Motivation mitbringt. „Man kann es sich wie ein Bewerbungsgespräch vorstellen. Die Gefangenen wenden sich bei Interesse an einer Ausbildung an den zuständigen Koordinator in ihrer Anstalt. Anschließend wird das Organisatorische besprochen und die Gründe, wieso der Gefangene die Ausbildung machen möchte. Oft ist das die Familie und die Aussicht auf ein besseres Leben in Freiheit“, erläutert Witschen. Die Arbeit bringt den Gefangenen nicht nur Ausgelassenheit, es lehre auch Toleranz gegenüber Frustration und Misserfolgen und fördere Selbstvertrauen. Auch Anstaltsleiterin Diana Schloderer betont: „Die Berufsausbildung ist ein sehr wichtiger Teil der Resozialisierung.“

Ausbildungsstart der einzelnen Berufe ist über das Jahr verteilt. Vorher wird mit schulischen Tests der Bildungsstand des Auszubildenden geprüft. Witschen: „Wir bieten Förderkurse an, um alle Inhaftierten auf einen schulischen Stand zu bringen, bevor die Ausbildung startet. Da können beispielsweise noch einmal die Grundrechenarten aufgefrischt werden. Für viele ist die Schulzeit schon lange her. Gefangene die keinen Schulabschluss haben, haben die Möglichkeit, ihn nachzuholen. Dafür gibt es Programme in der JVA in Werl.“ Das Netzwerk wächst. Auch Unternehmen aus der Region werden beteiligt. So haben die Gefangenen eine Chance darauf, später an einen Betrieb außerhalb der Gefängnismauern vermittelt zu werden.

Justizminister Limbach zu Gast

Bei einem ausführlichen Rundgang durch die Anstalt machte sich kürzlich auch NRW-Justizminister Benjamin Limbach ein Bild von der Arbeit des BZB. Er besuchte die einzelnen Werkstätten. Auffallend unauffällig: Die Gefangenen wirken produktiv und konzentriert, arbeiten an ihren Stationen an Werkstücken. Die JVA Geldern besitzt als einzige eine eigene Druckerei mit Versandlager. Hier werden Broschüren, Schreibblöcke und weitere Produkte für Behörden und Privatkunden hergestellt. Die Ausbildung zum Fachlageristen startet hier in diesem Jahr unter neuer Leitung zum ersten Mal durch.

In der Druckerei der JVA Geldern werden Produkte wie Broschüren und Blöcke für verschiedene Behörden gefertigt. Die Gestaltung, der Druck und der Versand werden in der Anstalt unter Beteiligung der Häftlinge abgewickelt.

In der Druckerei der JVA Geldern werden Produkte wie Broschüren und Blöcke für verschiedene Behörden gefertigt. Die Gestaltung, der Druck und der Versand werden in der Anstalt unter Beteiligung der Häftlinge abgewickelt. Foto: NN-Foto: Theo Leie

Die Gefangenen selbst schätzen den Ausgleich und die Möglichkeit zu lernen. So berichtet ein Industriemechaniker, er habe Glück, auf den Erfahrungsschatz seiner Ausbilder zurückgreifen zu können, der zusammengerechnet bei über 100 Jahren liege. Nach seiner Entlassung möchte er Maschinenbau studieren. Für einen Maler- und Lackierer im ersten Lehrjahr ist es bereits die zweite Haftstrafe, doch mit der Geburt seiner Tochter hat er neuen Mut gefasst. Das Ziel: Dieses Mal durchziehen und ein Vorbild werden. Ein Papa mit einem Beruf. Gerne würde er im Anschluss noch einen Meister dran hängen.

Auch wenn Arbeit ablenkt. Eine Sache können Beamte und Gefangene dann doch nie vergessen : „Wir sind hier immer noch im Vollzug.“

Justizminister Benjamin Limbach besichtigt die Ausbildungswerkstätten in der JVA Geldern. Hier ein Einblick in die Arbeit der Industriemechaniker. NN-Foto: Theo Leie

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