Dombauverein Xanten würdigt Wegbereiter des Wiederaufbaus
Kanoniker-Kurie wird zu „Haus Bader“
XANTEN. Der Verein zur Erhaltung des Xantener Domes setzt ein sichtbares Zeichen der Erinnerung an Prof. Dr. Walter Bader (1901–1986): Sein ehemaliges Wohnhaus in der Domimmunität, der heutige Sitz des Dombauvereins, trägt künftig den Namen „Haus Bader“. Mit dieser offiziellen Namensgebung wird einer der bedeutendsten Denkmalpfleger und Archäologen des Rheinlandes gewürdigt, dessen Wirken den Wiederaufbau des St.-Viktor-Doms, der Stiftsimmunität und der Xantener Altstadt nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend geprägt hat. Die Benennung erfolgt anlässlich des 125. Geburtstags Walter Baders am 15. September.
Der in Rottenburg am Neckar geborene Kunsthistoriker, Archäologe und Denkmalpfleger verlagerte bereits mit seinem Studium ab 1921 seinen Lebensmittelpunkt ins Rheinland und hin-terließ hier bleibende Spuren. Schon früh galt er als Ausnahmetalent mit besten Karriereaussichten und hohen Ansprüchen an sich selbst. Dass seine Promotion 1927 trotzdem nicht das bestmögliche Ergebnis erzielte, begründete er in seinem Tagebuch damit, dass ihm „während der Prüfung in Kunstgeschichte ein kleines Malheur passiert ist“. Überhaupt gewähren seine Tagebücher sowie tausende penibel verwahrte Unterlagen bis zum kleinesten Notizzettel in seinem Nachlass Einblicke in Baders Pläne, Gedanken und Emotionen während seines gesamten Erwachsenenlebens. So erfährt man auch, dass der Einstieg ins Berufsleben am Bonner Landesmuseum mit viel Arbeit sowie hohem Erwartungs- und Leistungsdruck verbunden war, denn sein Ziel war „ein ganz wohlsituiertes Tier zu werden“.
Sein erster beruflicher Meilenstein war 1933/34 die Leitung der Ausgrabungen unter dem Xantener Dom und die Auffindung der Märtyrergräber. Mit wissenschaftlicher Präzision und großem Engagement erforschte er die frühe Geschichte des bedeutenden Sakralbaus und schuf damit erste wichtige Grundlagen für die Denkmalpflege im Rheinland. Die viel beachteten Ergebnisse dieser Ausgrabung und die Interpretation des Märtyrergrabes sind bis heute eng mit seinem Namen verbunden, wenngleich sie in der NS-Zeit nur noch wenig Aufmerksamkeit bekamen und es ab 1945 zu neuen Forschungsansätzen und Auslegungen kam. Bader mochte diese neuen Ansichten nie so richtig akzeptieren oder von seinen Interpretationen abweichen, die er während einer Führung im Dom 1971 mit einem Augenzwinkern als „Opas Archäologie“ bezeichnete. 1935 wurde die gradlinige Fortsetzung seiner Karriere durch seine politische Ausrichtung und sein Engagement in Widerstandskreisen jäh unterbrochen. Wegen des Verdachts auf Hochverrat angeklagt, verlor Bader Anstellung und Beamtenstatus und erhielt sie auch trotz Freispruch nicht zurück. Nach eigener Aussage engagierte er sich im politischen Untergrund, weil er aufgrund seiner Überzeugungen nicht anders konnte. Rückblickend musste er froh sein, dass es für ihn „nur“ den Karriereknick bedeutete und er mit dem Leben davonkam.
Es folgten harte Jahre, in denen ihn Honorarverträge und Publikationsaufträge über Wasser hielten, aber an eine gesellschaftliche und berufliche Rehabilitation bis 1945 nicht zu denken war. In dieser Zeit kehrte er für die Aufarbeitung der Domgrabung mehrfach nach Xanten zurück, wo er im Hotel Scholten am Markt wohnte und die Tochter des Hauses Hildegard kennen und lieben lernte. Sie hielt in dieser schweren Zeit zu ihm, wie er seinen Eltern berichtete. Trotz beruflicher und finanzieller Unsicherheit erfolgte 1939 die Hochzeit und Xanten wurde für die nächsten Jahre Baders neue Heimat. Mit dem Vorrücken der Front wurde Bader im September 1944 offiziell zum Bevollmächtigten für die Bergung und Sicherung der gesamten beweglichen und unbeweglichen Kunstdenkmäler des unteren Niederrheins bestellt. Damit eröffnete sich eine neue berufliche Perspektive, die für sein weiteres Leben von großer Bedeutung sein sollte. Die Abholung und der Transport der im Kreuzgang von St. Viktor gesammelten Kunstgüter erfolgten 1945 unter schwierigsten Bedingungen durch Bombenangriffe und Wintereinbruch nach Westfalen. Nach der Zerstörung des Hotels Scholten flüchtete das Ehepaar Bader ebenfalls nach Westfalen in die Nähe des Kunstschutzdepots und erlebte dort das Kriegsende. In seinem Tagebuch vermerkte Bader den Untergang des NS-Regimes mit großer Genugtuung.
Nach den schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurde Bader zur treibenden Kraft beim Wiederaufbau des Xantener Doms. Da auch hier Überlegungen bestanden, auf einen Wiederaufbau historischer Gebäude zu verzichten, setzte er sich mit großer Beharrlichkeit für den Erhalt des Wahrzeichens der Stadt ein. Bereits im Sommer 1945 begann Bader selbst, unterstützt von einem einzigen Helfer, mit den Aufräumarbeiten und Sicherungen am Dom sowie dem Rücktransport der Kunstgüter und beklagte die „unendliche Langsamkeit“, mit der alles voran ging. In den Folgejahren kämpfte er viele Jahre gegen wirtschaftliche Interessen, moderne Stadtplanung, Bauboom und Geldmangel für die Bewahrung und Rekonstruktion von kriegszerstörten rheinischen Kulturdenkmälern, allen voran dem Xantener Dom. Mit dem Abschluss der Wiederaufbauarbeiten im Jahr 1966 war dieses außergewöhnliche Projekt vollendet – bis heute gilt es als sein Lebenswerk.
Neben seiner Tätigkeit in Xanten wirkte Walter Bader hauptberuflich im neuen Kultusministerium für die Denkmalpflege in Nordrhein-Westfalen und als Professor an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Für seine Verdienste erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Große Bundesverdienstkreuz. Im Jahr 1977 verlieh ihm die Stadt Xanten die Ehrenbürgerwürde und nach seinem Tod trug die städtische Realschule bis zu ihrer Aufgabe seinen Namen. Mit dem Kauf der Kanoniker-Kurie Kapitel 10, die unmittelbar am Dom in der Süd-Ost-Ecke der Immunität liegt, entschied sich Bader 1947 trotz anderer attraktiver Optionen unwiderruflich für ein privates und berufliches Leben in Xanten. Für ihn war es „das schönste Haus in Xanten“. Mit großem persönlichem Einsatz ließ er das kriegszerstörte Gebäude, das auf eine lange Geschichte zurück blickt, wieder aufbauen und bezog es 1948 gemeinsam mit seiner Frau. Bis zu seinem Tod 1986 lebte und arbeitete er hier mit Blick auf den Dom und fand Entspannung in seinem Garten.
Gemäß Baders Testament ging die Immobilie in den Besitz des Vereins zur Erhaltung des Xantener Domes über, dessen Arbeitsausschuss er viele Zeit leitete. Ganz im Sinne des be-deutenden Vorbesitzers pflegt und nutzt der Dombauverein das denkmalgeschützte Ensemble mit dem Rokoko-Saal, dem restaurierten Gartenpavillon und dem liebevoll angelegten und gepflegten Garten, damit es eines der schönsten Häuser Xantens bleibt. Mit der Benennung seines Wohnhauses als „Haus Bader“ erinnert der Dombauverein nicht nur an einen herausragenden Wissenschaftler, sondern auch an einen Menschen, der sich mit außergewöhnlicher Beharrlichkeit für den Erhalt des kulturellen Erbes im Rheinland eingesetzt hat. Die neue Bezeichnung macht deutlich, welch herausragende Bedeutung Walter Bader für Xanten hat. Sein Name bleibt auch auf diese Weise dauerhaft mit dem Dom und der Geschichte der Stadt verbunden.
Der 125. Geburtstag und der 40. Todestag des Xantener Ehrenbürgers Prof. Dr. Walter Bader geben in diesem Jahr Anlass, an sein außergewöhnliches Lebenswerk zu erinnern. Im Rahmen eines öffentlichen Vortragsabends am Dienstag, 15. September, um 18 Uhr im Ratssaal der Stadt Xanten sprechen Dr. Godehard Hofmann und Ursula Grote über das Leben und Wirken des Wissenschaftlers, Denkmalpflegers und langjährigen Dombaumeisters, der den Wiederaufbau und die Erforschung des Xantener Domes maßgeblich geprägt hat.
Prof. Dr. Walter Bader im Jahre 1973. Foto: Christoph van Leyen Foto: Christoph van Leyen