"Young Ju Kim arbeitet konzentriert am Schreibtisch, Büro, Porträt, Rüdiger Dehnen Foto"
11. September 2026 · Heiner Frost · Kalkar

Die Wahrhaftigkeit der Träume

Young Su Kim ist Kirchenmusikerin in Kalkar

KALKAR. „Die Katholische Kirchengemeinde Heilig Geist in Kalkar in Zusammenarbeit mit der katholischen Kirchengemeinde St. Clemens in Kalkar sucht zum 1. März 2025 einen Kirchenmusiker m/w/d (B-Examen / Bachelor Kirchenmusik) in unbefristeter Beschäftigung (25-39 Wochenstunden). Eine Einstellung als Berufseinsteiger oder in Teilzeit in Form eines Stellensplittings ist möglich.”

Wo beginnt man? Wie viele Anfänge hat eine Geschichte? Wie viele Handlungsstränge? Vielleicht mit einer uncharmanten Frage beginnen. Wie alt sind Sie, frage ich Young Ju Kim, als ich sie treffe. Sie zögert. „Eigentlich möchte ich das nicht sagen”, sagt sie und nennt dann ein Datum: „Ich bin 1977 geboren.”

Kim kommt in Südkorea zur Welt. Der Vater: Elektriker, die Mutter: Hausfrau. „Ich habe einen älteren Bruder.” Kim lernt Klavier spielen. „Ich glaube, der Unterricht hat fünf oder sechs Jahre gedauert”, sagt die Frau, die locker 15 Jahre jünger wirkt als eine vom Jahrgang '77. „Ich müsste das nachschauen”, sagt Kim. Musik ist etwas, das Kims Interesse weckt. Dann die Einschränkung: „Meine Eltern haben gesagt, dass Musik eine brotlose Kunst ist. Und ich war ein braves Mädchen.” Übersetzung: Ende der Musiklaufbahn. Beginn einer musikalischen Generalpause.

Kim studiert: BWL – ein Fach, irgendwie am entgegengesetzten Ende des Musikuniversums: am anderen Ende des BWV – das steht übrigens für Bach-Werke-Verzeichnis. Kim schließt ihr Studium an der Chung-An Universität in Anseong 2000 mit einem Bachelor of Economics ab und arbeitet zunächst als Sachbearbeiterin in den Abteilungen Import und Export in Seoul. Eigentlich der Beginn einer Karriere, aber manchmal kommt es anders, wenn man denkt.

In Kims Hinterkopf: Musik. „Was Musik angeht, hat Deutschland einen guten Ruf.” Kims Entschluss: ein Studium in Deutschland. Terra incognita. Sprache: unbekannt. Die erste Station: Freiburg. Kim beginnt mit einem Studium der Musikwissenschaft. Diese Disziplin geht das Thema Musik von der historisch-wissenschaftlich-theoretischen Seite an. Es ist ein bisschen wie bei jemandem, der Kunst studieren möchte und bei der Kunstwissenschaft landet. Machen – das Eine; nachdenken über das Machen – das Andere. Kim schließt ihr Studium an der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität 2014 mit dem Master ab. Ihre Arbeit schreibt sie über den Generalbass. Nein – das ist nichts Militärisches. Generalbass – das ist eine Art barocker Stenografie fürs Notenschreiben.

Da kommt also eine aus Korea und studiert Musikwissenschaft. Ja – Noten sind international, aber Sprache kann zum Hindernis werden. „Ich habe Kurse belegt”, sagt Kim, als ob irgendwie nichts passiert wäre. Man stelle sich vor, von jetzt auf gleich nach Südkorea zu gehen und dort Musikwissenschaft zu studieren: Andere Sprache, andere Schriftzeichen. Abgründe tun sich auf. Man spürt, dass der Hochachtungspegel steigt.

Es folgt: Ein BWL-Intermezzo. Der Plan: Geld verdienen. Danach: Studium der Kirchenmusik. Da ist er wieder – der elterliche Satz: Musik ist eine brotlose Kunst. Rücksturz ins „Bürokratische”: Assistentin der Geschäftsleitung von Daewoo Electronics Co., Ltd Frankfurt. Und dann: Das Einbiegen auf die Zielgerade. Neben dem Studium: Mini-Jobs – in der Uni-Cafeteria; in der Bibliothek. (Musik ist eine brotlose Kunst.) Aber wen es einmal erwischt ... Kims Lebenslauf erzählt von Besessenheit – von irgendwie unbändigem Willen, der nur ein Ziel kennt.

2019 also ein Studium der Kirchenmusik an der Hochschule für Kirchenmusik der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Nach der theoretischen Annäherung nun also die Praxis der Töne. 2024: Bachelor für Katholische Kirchenmusik. Und jetzt? Stellenangebote suchen, Bewerbungen schreiben. Die Schreiben gehen nach Stuttgart, Trier, Münster und ... Kalkar. „....Eine Einstellung als Berufseinsteiger oder in Teilzeit in Form eines Stellensplittings ist möglich.”

Kim wird eingeladen: Vorspielen. Probedirigat. Chorleitung. Das Ergebnis: Sie wird genommen. Aus dem Süden Deutschlands fährt sie Richtung Westen. Umzug in das, was Kim „Norden” nennt, „obwohl die Leute hier mir gesagt haben, dass Kalkar nicht im Norden liegt”. Unterschiede zwischen gefühlter und geografischer Wirklichkeit. Und was sagen die Eltern? „Eltern machen sich immer Sorgen.”

In Kalkar – und vielleicht auch schon vorher – wird Young Ju Agnes genannt. Das ist übrigens ihr katholischer Taufname. Agnes also ab sofort im gefühlten Norden Deutschlands. Im Winter schmerzen die Gelenke. „Die Kälte hier ist feucht”, sagt sie und irgendwie fühlt sich das an wie ein unsichtbarer Trauerflor über dem neuen Leben. Ist Kalkar Zuhause? „Das kann ich nicht sagen. Ich bin ja noch nicht so lange hier, aber eingelebt habe ich mich.” Agnes spielt ein großes Instrument. Die Orgel kann laut sein – Agnes dagegen ist leise; irgendwie zurückgezogen.

Wer keine Träume hat, lebt in Trauer. Gibt es also Träume? „Ich würde sehr gern einen Kinderchor gründen”, sagt sie. Fragt man nach Liebligskomponisten, folgt eine lange Denkpause. Natürlich: Bach ist immer Teil der musikalischen DNA. Gibt es Stücke, von denen sie träumt, egal, ob sich das realisieren lässt oder nicht? Zwei Tage später schickt Agnes eine Liste – darauf: Bachs Johannes Passion, Mozarts Requiem, Saint Saens' Weihnachtsoratorium und Faurés Requiem. Übrigens macht Agnes nicht nur selbst Musik. Neben dem Orgelspiel und der Chorleitung ist sie als Kuratorin verantwortlich für die Konzertreihe „Geistliche Abendmusik”. Man sucht nach dem Schlusssatz – nach der vorläufigen Ende des Erzählens, aber es lässt sich nichts finden, denn jedes Ende wäre ein Fehlschluss. Vielleicht – in drei oder vier Jahren – den Faden nochmals aufnehmen. Oder das Schlusswort an Eleanor Roosevelt abgeben: „Die Zukunft gehört denen, die an die Wahrhaftigkeit ihrer Träume glauben.”

Young Ju Kim an ihrem Arbeitsplatz. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

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