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Heinz Nielen hat mehr als 30 Jahre im Knast verbracht – als Diplomsozialpädagoge. NN-Foto: HF
16. Januar 2026 · Heiner Frost · Kranenburg

Die Moral von der Geschicht‘

Heinz Nielen und die Dilemma-Geschichten: Die Förderung von moralischer Kompetenz als Baustein

KRANENBURG. Auf die Frage nach dem Plural (der Mehrzahl also) von Dilemma finden sich zwei Antworten: Dilemmata oder [eingedeutscht) Dilemmas. Heinz Nielen ist 76 und hat mehr als 30 Jahre seines Lebens in der Justizvollzugsanstalt (in Geldern) verbracht: als Diplomsozialpädagoge. Er war also einer von denen mit Schlüssel – einer, der morgens kommen und abends wieder gehen konnte.

Eigentlich hatte Nielen – übertragen gesprochen – mehrere Schlüssel. Da war einmal der Schlüssel für die Türen – und davon gibt es im Knast jede Menge – und dann war da noch der virtuelle Schlüssel zur Lösung von: Dilemmas. Es ging, genauer gesagt, um die „Förderung moralischer Kompetenzen“ bei jungen Straftätern. Moral – das ist ein irgendwie großformatiges Wort. In der Nachbarschaft wohnen andere Begriffe: Gewissen könnte einer davon sein. Moral – das hat etwas mit einem Standpunkt zu tun: mit einer Idee von richtig und falsch, von Mühen und Bemühen, von Mut zum Nachdenken. Nielens Erfahrungen mit seinem Projekt „Moral im Knast“ sollten eigentlich in (s)eine Dissertation einfließen, aber dann machte eine Krankheit das Arbeiten an der Doktorarbeit unmöglich. Was aber vorhanden war: die Erfahrung. Erfahrung geht nicht verloren. So setzte Nielen sich hin und schrieb unter dem Titel „Förderung von moralischer Kompetenz ...“ (siehe oben) eine Zusammenfassung seines Projektes. Untertitel: „Moral lehren.“ Ein großes Wort. Moral lehren – das richtet sich doch irgendwie an alle – ist auch für Jugendliche ohne Strafakte relevant. Nielen im Vorwort zu seinem Buch: „Das Ziel war die Förderung von moralischer Kompetenz. Das Projekt sollte Grundlage meiner Dissertation sein. Leider kam es aus Krankheitsgründen nicht mehr zum Abschluss. [...] Ich möchte die Ergebnisse meines Projektes als Zusammenfassung kostenlos zur Verfügung stellen.“ Nielen hat übrigens vor seinem Studium der Sozialpädagogik Philosophie studiert. Eine gute Voraussetzung, wenn es um Moral geht. Der in Kranenburg lebende emeritierte Hochschullehrer Jean-Pierre Wils scheibt in einer Vorbermerkung zu Nielens Buch: „Als moralischer Versager ersten Grades fristen die Inhaftierten ihr sehr übersichtliches Leben, [...] Es gibt aber keinen Grund, die Straffälligen auch noch moralisch im Stich zu lassen. Warum sollte man nicht den Versuch unternehmen, gerade sie moralisch zu bilden? [...] Heinz Nielen kam auf diese Idee und sein Büchlein legt Zeugnis ihrer Umsetzung ab. Da wurde überlegt, gezweifelt, erprobt, angepackt und experimentiert.“

Kern-Element des Projektes: die Dilemma-Geschichten. Es geht um Situationen, die infolge eines Konfliktes Handeln erfordern. Da entsteht aufgrund eines moralischen Dilemmas eine Art von Weggabelung. Die Jungstraftäter wurden mit den Fallkonstruktionen konfrontiert. Eine davon lässt sich in drei Worten zusammenfassen: Beruf oder Baby? Eine andere: Was tun, wenn man um eine bevorstehende Straftat weiß – den (noch nicht) Täter aber gut kennt? Ein weiterer „Klassiker“: Sterbehilfe. Was ist erlaubt? Was nicht? Wer auf Fragen wie diese Antworten sucht, muss zunächst einmal den eigenen Standort hinterfragen. Eben das war auch das Ziel von Nielens Projekt. In seinem Buch finden sich am Ende verschiedene Dilemma-Geschichten und die Fragen, die dazu gestellt wurden. Wurde „richtig“ oder „falsch“ gehandelt? Ein moralisches Terrain musste sorgfältig sondiert werden.

„All das“, ist Nielen sicher, „kann man nicht nur im Vollzug anbieten“. Seine Vorstellung: Interessierten seine Arbeit anzubieten. „Wer sich dafür interessiert, kann mich gern anschreiben und bekommt dann von mir das Buch als PDF-Datei kostenlos geschickt.“ Nielens Idee: An Schulen darüber zu sprechen. „Das funktioniert auch bereits mit Kindern aus dem 2. Schuljahr, wenn man die Geschichten, um die es geht, auf das entsprechende Alter abstimmt.“ Am Ende geht es darum, über Lösungsansätze nachzudenken. „Und eben da beginnt das Nachdenken.“ Es muss nicht unbedingt das Wort „Moral“ bemüht werden. Vieles lässt sich auch in eine Frage kleiden wie „Hättest du etwas anders gemacht?“ Sobald es eine Antwort gibt, gibt es auch ein „Warum (nicht)?“ Was in Nielens Buch unter „Philosophie“ oder „konsequentialistische Ethik“ auftaucht, taucht letztlich mit anderen Vokabeln im Alltag jedes Menschen auf. Es geht darum, die passende Andockstelle auszumachen. Nielen: „Ich würde mich freuen, wenn sich Menschen bei mir melden und ich bin natürlich gerne bereit, mit diesem Thema auch in Schulen oder Jugendheime zu gehen.“ Ein Ansichtsexemplar seines Buches wird Nielen in der Klever Buchhandlung Hintzen auslegen. „Wer sich dafür interessiert, kann sich das Buch dort ansehen und mir anschließend eine Mail schreiben.“ (heinz.nielen@online.de).

Heinz Nielen hat mehr als 30 Jahre im Knast verbracht – als Diplomsozialpädagoge. NN-Foto: HF

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