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"Pressefoto 1969 von Hanns-Jörg Anders, zeigt emotionale Szene, symbolisiert Zeitgeist, ikonisch für Geschichtsbewusste."
6. Mai 2026 · Thomas Langer · Niederrhein

„Die Demokratie lebt vom mutigen Hinsehen“

Zeitexklusive Ausstellung: „ICONIC“ zeigt „Pressefotos des Jahres“ im LVR-Niederrheinmuseum

NIEDERRHEIN. Bildern wohnt eine besondere Kraft inne: Sie wecken Erinnerungen, berühren, inspirieren, rütteln wach – und schreiben in historischen Momenten und gesellschaftlichen Umbrüchen sogar Geschichte. 21 eindrucksvolle Beispiele zeigt drei Wochen lang die Foto-Ausstellung „ICONIC – Verteidigung der Pressefreiheit und Demokratie seit 1955“ der World Press Photo Foundation und des Europäischen Parlaments im LVR-Niederrheinmuseum in Wesel. Besucher erwartet eine Auswahl aus 70 Jahren „Pressefoto des Jahres“.

Schaut man sich das erste Pressefoto von 1955 an, wirkt es überraschend alltäglich: Mogens von Haven hält darin den Sturz eines Rennfahrers von seinem Motorrad fest. Es ist ein starkes Bild, das den Moment greifbar macht, aber es ist weit entfernt von der gesellschaftlichen Tragweite der Siegerfotos späterer Jahre. Die Auswahl nimmt mit auf eine kleine Zeitreise, in der sich viele Themen widerspiegeln: Krieg, Widerstand, Rassismus, Migration – Schrecken, aber auch Hoffnung. Genau diese Dualität möchten die Verantwortlichen mit der Ausstellung widerspiegeln, sagt Museumleiterin Corinna Endlich. Unterfüttert werden die Darstellungen mit Fakten, wie die Zeitleisten zum Weltgeschehen zeigen.

Dass der Fotojournalismus neben den schönen Seiten des Lebens auch die grausame Realität erlebbar macht, ist gut so – auch wenn das manchmal unangenehm sein mag und Kontroversen nach sich zieht. Ein Beispiel dafür ist das Foto des „Napalm-Mädchens“ Phan Thị Kim Phúc (1972), das sie nackt und verängstigt auf einer Straße während des Vietnamkriegs zeigt, zusammen mit weiteren Kindern und Soldaten. Es gehört zu den wohl berühmtesten Bildern der Ausstellung. Bekannt vorkommen dürfte vielen auch das Portrait der Afghanin Bibi Aisha (2010): Nach ihrer missglückten Flucht vor ihrem Ehemann hatte man ihr Nase und Ohren abgeschnitten.

Demonstrant steht vor Panzern in Peking, 1989, Tian‘anmen-Proteste, Symbol des Widerstands.

Peking, 5. Juni 1989: Ein Demonstrant stellt sich friedlich einer Panzerkolonne entgegen – ein Tag nach dem Tian‘anmen-Massaker. Foto: Charlie Cole / Newsweek

Doch auch die übrigen Werke hallen nach, machen nachdenklich: Sei es die friedliche Blockade eines einzelnen Demonstranten in Peking im Angesicht einer Panzerkolonne am Folgetag des Tian‘anmen-Massakers (1989), die dank „Umarmungsvorhang“ erste Umarmung nach vielen Monaten in einem brasilianischen Pflegeheim während der Corona-Pandemie (2020) oder das Bild des Aids-Kranken Kenneth Meeks, nur wenige Tage vor dessen Tod. Letzteres verdeutlicht exemplarisch, welche Bedeutung dem Fotojournalismus zukommt und welche Wirkung er erzielen kann: Fotograf Alon Reininger trug mit seiner Berichterstattung zu einem humaneren Umgang mit der Aids-Epidemie und ihren Opfern bei. „Das sind Momente und Geschichten, die mich auch persönlich faszinieren“, sagt Projektleiter Felix Knauff.

Im besten Fall soll es mit der Ausstellung und dem Demokratieverständnis ähnlich laufen: „Die Menschen anzuregen, sich damit auseinanderzusetzen, dafür ist diese Ausstellung gut geeignet“, findet Endlich. Da der Eintritt für Kinder bis 18 Jahre frei ist, ist das auch als Einladung für Schulklassen zu verstehen. „Die Ausstellung ist geeignet für alle Altersgruppen.“

Viele Parallelen

Erschreckend bleiben die vielen Parallelen zwischen damals und heute, die zeigen, wie wenig sich doch geändert hat. Tatsächlich wird es vielerorts sogar schlimmer, auch was die Pressefreiheit und Demokratie angeht. Die USA sind ein Beispiel dafür, doch nicht jede Entwicklung vollzieht sich weit weg von der eigenen Haustür: „Deutschland ist im Ranking der Pressefreiheit nach unten gesackt. Das ist erschreckend. Umso wichtiger ist es, dass wir so einen Fokus setzen“, sagt Corinna Endlich.

Fotograf Armin Fischer verweist in diesem Zusammenhang auf die Zahl der seit 1993 getöteten Journalisten: mindestens 1.600, „die Zahlen variieren“. Allein für 2025 spricht das Komitee zum Schutz von Journalisten von 129 Todesfällen. Von denen seien, so der Vorwurf, zwei Drittel allein auf israelische Angriffe zurückzuführen. Fischer selbst richtet darüber hinaus den Blick auch hierzulande auf die sinkende Zahl der (nicht nur angestellten) Pressefotografen. Sein Appell an die Medienhäuser: „Behaltet die Lokalberichterstattung bei!“ Diesen Gedanken wird er bei seinem Vortrag zur Ausstellungseröffnung am Donnerstag, 7. Mai, ab 18 Uhr mit einem Zitat von Hape Kerkeling begründen: „Die Demokratie lebt nicht vom Wegsehen, sondern vom mutigen Hinsehen.“

"Protestierende im Sudan 2019, festgehalten von Yasuyoshi Chiba, symbolisieren den Kampf für Freiheit und Wandel."

Mit Bildern wie diesem halten Fotojournalisten wie Yasuyoshi Chiba (2019, Demonstration im Sudan) außergewöhnliche und nicht selten historische Momente für die folgenden Generationen fest. Foto: Yasuyoshi Chiba / Agence France-Presse Foto: Yasuyoshi Chiba / Agence France-Presse

Dazu beitragen können übrigens auch Amateurfotografen vom Niederrhein beim Wettbewerb zur Ausstellung: Interessenten reichen ihr Foto bis zum 25. Mai ein unter niederrheinmuseum-wesel@lvr.de unter dem Motto „Demokratie und Pressefreiheit“, zusammen mit drei kurzen Sätzen zur Begründung des Motivs. Die drei Gewinnerbilder werden im Format 30 x 40 Zentimeter öffentlich ausgestellt.

Letzter Ausstellungstag ist Sonntag, 31. Mai. Weitere Informationen zu Zeiten, Preisen und Führungen gibt es unter niederrheinmuseum-wesel.lvr.de.

Die Ausstellung findet im Rahmen einer Kooperation mit dem Museumsnetzwerk Rhein-Maas und dem Kulturraum Niederrhein statt. Gefördert wird das Projekt durch das Regionale Kulturprogramm NRW des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW.

"Projektleiter Felix Knauff, Museumsleiterin Corinna Endlich und Fotograf Armin Fischer bei Ausstellungseinladung"

Projektleiter Felix Knauff, Museumleiterin Corinna Endlich und Fotograf Armin Fischer (v.l.) laden zum Besuch der Ausstellung ein. NN-Foto: Thomas Langer

Das Pressefoto des Jahres von 1969 spricht heute noch vielen Menschen aus der Seele. Foto: Hanns-Jörg Anders / Stern

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