Demenz, Delikte, Diagnosen
Fachtagung befasst sich mit Herausforderungen und Perspektiven im Maßregelvollzug
BEDBURG-HAU. In der LVR-Klinik Bedburg-Hau hat gestern die 27. Forensische Fachtagung „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“ begonnen. Die renommierte Veranstaltung steht unter dem Titel „Once in a Lifetime“, einem berühmten Song der US-Band Talking Heads. Dieser bezieht sich auf die Momente und Phasen im Leben, die richtungsweisend sind – die prägen, die Weichen stellen oder sich in einer Krise manifestieren.
Eine dieser Phasen ist die Jugend, die für manche junge Menschen in Grenzüberschreitungen oder sogar strafbare Handlungen mündet. Wie kann präventiv verhindert werden, dass solche vielleicht „einmaligen Momente“ lebenslange Konsequenzen nach sich ziehen? Dass bereits Jugendliche auf unbestimmte Zeit in der Forensik untergebracht werden? Gleich mehrere Vorträge und Workshops beschäftigen sich mit psychisch erkrankten Kindern und Jugendlichen, die schwere Straftaten begehen - und von denen einige nach Ausschöpfen oder gar Scheitern anderer Maßnahmen der Jugendhilfe und Justiz in einer forensischen Klinik behandelt werden. Stellt die Unterbringung dort eine Chance dar für die jugendlichen Patienten?
Dr. Wolfgang Weissbeck, Leitender Arzt und Unterbringungsleiter des Jugendmaßregelvollzugs in Rheinland-Pfalz, gibt einen Überblick über die Behandlung in der Jugendforensik und deren kontinuierliche Verbesserung. Die Fachtagung deckt eine große Bandbreite der forensischen Arbeit über die komplette Lebensspanne der Patienten ab. „Demenz, Delikte und Diagnosen: Die besondere Herausforderung der Versorgung älterer Patienten in der forensischen Psychiatrie“ lautet der Titel des Vortrags von Dr. Sandra Verhülsdonk vom LVR-Klinikum Düsseldorf. Die Zahl älterer forensischer Patienten wächst kontinuierlich und erfordert vielfältige Anpassungen in der Betreuung und Behandlung dieser Patientengruppe.
Einen bekannten Fall greift Professor Dr. Henning Saß in seinem Vortrag „Zur Differenzierung von Wahn, Extremismus und Verschwörungsdenken“ auf. Der ehemalige Ärztliche Direktor der medizinischen Fakultät der RWTH Aachen und Gutachter erörtert anhand des „Attentäters von Hanau“, der neun Menschen mit Migrationshintergrund erschossen hat und sich dann selbst tötete, wie sich ein krankhaftes Wahnsystem mit rassistischen, nationalistischen und verschwörungsgeneigten Themen angereichert hat.
Forensische Patienten sind Menschen, die in speziellen Kliniken untergebracht werden, weil sie aufgrund einer psychischen Erkrankung oder einer Suchterkrankung straffällig geworden, jedoch nur eingeschränkt oder gar nicht schuldfähig sind. Der Landschaftsverband Rheinland verfügt über ein Netzwerk von Spezialeinrichtungen für den Maßregelvollzug. An acht Standorten mit unterschiedlichen Behandlungsschwerpunkten werden psychisch kranke Straftäter therapiert. Die forensischen Abteilungen der LVR-Klinik Bedburg-Hau, in denen rund 430 Patienten stationär behandelt werden, sind von überregionaler Bedeutung und darüber hinaus im Bereich der ambulanten Betreuung mit den regionalen Anbietern psychiatrischer Versorgungsangebote gut vernetzt.
Bei der Fachtagung (obere Reihe, v.l.): Dr. S. Verhülsdonk (LVR-Klinikum Düsseldorf), H. Höhmann (LVR-Klinik Bedburg-Hau), Professor Dr. H. Saß (Gutachter, Aachen), V. Horn (LVR-Klinik Bedburg-Hau), (untere Reihe): Dr. W. Weissbeck (Pfalzklinikum), M. Adomat (LVR-Klinikum Bedburg-Hau), S. Stephan-Gellrich (LVR Köln). Foto: LVR / Brigitte Lohmanns