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Die Initiatoren des Netzwerks „Stille Stunde“ wollen Barrieren im Supermarkt abbauen. NN-Foto: SP
25. Februar 2026 · Sabrina Peters · Niederrhein

Das Netzwerk „Stille Stunde“ setzt sich für reizarme Einkaufszeiten ein

Das Netzwerk „Stille Stunde“ möchte Supermarkt-Betreiber zur Einführung der „Stillen Stunde“ bewegen

NIEDERRHEIN. Was in Neuseeland begann, ist längst auch schon vielerorts in Deutschland angekommen und soll nun auch den Kreis Kleve möglichst flächendeckend erobern: die „Stille Stunde“. Die Initiative setzt sich dafür ein, dass öffentliche Orte – vor allem Supermärkte – regelmäßig ruhigere Einkaufszeiten anbieten, damit Menschen mit sensorischer Empfindlichkeit der Alltag erleichtert beziehungsweise zugänglicher gemacht wird. Dazu hat sich im Kreis Kleve das Netzwerk „Stille Stunde“ gebildet, das aus Organisationen, Kommunen und Einzelpersonen besteht. Gemeinsam setzen sie sich für eine gleichberechtigte Teilhabe, Barrierefreiheit und Chancengleichheit ein. Auch im Kreis Wesel gibt es bereits das Netzwerk „Stille Stunde“, das die gleichen Ziele verfolgt.

Denn für viele Menschen stellt der meistens laute und reizintensive Alltag eine wahre Überforderung dar. Für Menschen mit zum Beispiel Autismus, Hochsensibilität, chronischen Schmerzen oder Erschöpfungszuständen, psychologischen Beeinträchtigungen, Menschen mit Sinnesbehinderungen oder älteren Menschen sind etwa alltägliche Einkaufssituationen oftmals nicht zu bewältigen. Genau da setzt die Initiative „Stille Stunde“ an: Beispielsweise dimmen Supermärkte für eine bestimmte Zeit das Licht, verzichten auf Musik und Lautsprecherdurchsagen und reduzieren visuelle sowie akustische Reize. Auch laute (Kunden-)Gespräche sollen in dieser Zeit vermieden werden. Für Menschen etwa mit Autismus soll dadurch eine ruhige und entspannte Einkaufsatmosphäre entstehen. Diese Maßnahmen seien sehr wirksam, um den Alltag von Betroffenen, deren Gehirn die Vielzahl an Eindrücken nicht verarbeiten kann, wodurch es zu massivem Stress, Angst, körperlichen Schmerzen, Erschöpfung oder sogar zu Zusammenbrüchen kommen kann, zu erleichtern. „Ich bin selbst Autistin und kann nicht einfach entspannt durch einen Drogeriemarkt schlendern“, berichtet eine Mitstreiterin im Kreis Klever Netzwerk „Stille Stunde“. Die Reizüberflutung sei einfach zu immens. Die „Stille Stunde“ leiste da wertvolle Abhilfe.

Im Kreis Kleve gibt es bislang einen einzigen Supermarkt, der die „Stille Stunde“ bereits durchführt: Der Rewe-Markt Fischer in Geldern bietet seit fast zwei Jahren jeden Mittwoch in der Zeit von 19 bis 22 Uhr ein möglichst stilles und reizarmes Einkaufserlebnis an. Im Kreis Wesel war der Rewe-Markt Karlen in Xanten im Juni 2024 der erste – und bislang einzige – Supermarkt im Kreis Wesel, der die „Stille Stunde“ ebenfalls jeden Mittwoch in der Zeit von 19 bis 22 Uhr eingeführt hat. Darüber hinaus gibt es seit einem Jahr auch im Gelderner Bürgerbüro jeden Montag von 16 bis 17 Uhr die „Stille Stunde“. „Dann ist zum Beispiel nur einer von vier Schaltern besetzt, um Hintergrundgeräusche zu minimieren. Auch die Musik, die sonst aus Datenschutzgründen – damit das Gespräch nebenan nicht mitgehört werden kann – an ist, ist dann ausgeschaltet. Es herrscht insgesamt in dieser Stunde einfach weniger Hektik“, sagt Tanja Angenendt, Inklusionsbeauftragte der Stadt Geldern.

Die beiden Rewe-Märkte in Geldern und Xanten sowie die Stadt Geldern sind damit Vorreiter. Das Netzwerk „Stille Stunde“ hofft jedoch, dass nach ihrem jetzt erfolgten Aufruf, der sich erstmal besonders an Supermärkte richtet, weitere folgen werden. Dabei gehe es nicht darum, jeden Punkt zu 100 Prozent umsetzen zu können. „Manche Supermarkt-Betreiber haben uns etwa schon geschildert, dass sie ihr Licht nicht dimmen oder das Piepen an den Kassen nicht ausschalten können. Dabei hilft es schon, wenn zum Beispiel die Musik ausgemacht wird. Dann wäre ja zum Beispiel nur noch das Piepen der Kassen da“, sagt Anissa Schuckert von der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) im Kreis Kleve. Jeder noch so kleine Schritt zähle.

Das Netzwerk „Stille Stunde“ hat nun 27 Rewe- und Edeka-Märkte sowie Bio-Märkte im Kreis Kleve angeschrieben, um die „Stille Stunde“ dort einzuführen. „Das sind die inhabergeführten Supermärkte, die selbst für ihre Filialen entscheiden dürfen“, begründet Schuckert die Auswahl. Bei Discountern wie Aldi, Lidl oder Netto müsste die Aktion schon bundesweit eingeführt werden. Einzelne Filialen könnten das nicht eigenständig umsetzen, wie das Netzwerk „Stille Stunde“ bereits erfahren hat. Gleiches gelte auch für Drogeriemärkte wie DM oder Rossmann. Umso schöner sei es aber, wenn die inhabergeführten Supermärkte in der Region sich der „Stillen Stunde“ anschließen würden. In einem weiteren Schritt möchte das Netzwerk auch kommunale Betriebe wie Bürgerbüros und Schwimmbäder sowie Friseure erreichen. Auch hier könne die „Stille Stunde“ hilfreich sein.

Unternehmer können per Telefon 02821/78000 oder per E-Mail an kleve@paritaet-nrw.org Kontakt zum Netzwerk „Stille Stunde“ aufnehmen. Kontakt und weitere Infos gibt es online unter www.paritaetischer-wesel.de/selbsthilfe-kontaktstelle/projekte/netzwerk-stille-stunde-kreis-wesel.

Die „Stille Stunde“
Die „Stille Stunde“ setzt ein besonderes Augenmerk auf eine bestimmte Personengruppe und schafft eine ruhige und stressfreie Atmosphäre im Supermarkt.

Basis-Maßnahmen:
•Mindestens eine Stunde wöchentlich
• Möglichst gedimmtes Licht
• Keine Durchsagen oder Musik
• Keine lauten (Handy-)Gespräche
• Keine aktiven Displays


Zusatz-Maßnahmen:
• Geräusche an der Kasse reduzieren
• Angestellte gekennzeichnet für
Unterstützung
• Waren werden in dem Zeitraum nicht sortiert und eingeräumt

Sabrina Peters

Die Initiatoren des Netzwerks „Stille Stunde“ wollen Barrieren im Supermarkt abbauen. NN-Foto: SP

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