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Sabine Verhoeven und die Erinnerungssteine am Zyfflicher Kindergarten. NN-Foto: Rüdiger Dehnen
9. Juli 2025 · Heiner Frost · Kranenburg

Das Ende eines Kindergartens

Kinder und Erzieherinnen trauern: Am 31. Juli wird der Kindergarten in Zyfflich für immer geschlossen

ZYFFLICH. Dinge verschwinden: Das Telefon mit Wählscheibe, Telefonzellen, Hochräder, Yps-Hefte, Dorfkneipen – die Zeit hat keinen Platz mehr für sie. Und dann steht man vor 175 bunten Steinen.

Auf den Steinen: Namen – Jahreszahlen. Irmi: 2015-2018, Josef: 2001-2005 (Namen und Daten sind frei erfunden). Man fühlt sich wie auf einem Kinderfriedhof. Die Steine liegen vor dem Zyfflicher Kindergarten. Die gute Nachricht: Die Kinder leben noch. Die schlechte Nachricht: Der Kindergarten wird sterben – am 31. Juli 2025. Müsste man den „Kindergartengrabstein“ beschriften, trüge er die Jahreszahlen 1972-2025.

Manchmal sind Texte Tränentexte. Sabine Verhoeven sitzt im Büro. Seit 24 Jahren leitet sie den St. Martin Kindergarten. Sie hätte – wie auch ihre Kolleginnen (drei Erzieherinnen, eine Alltagshelferin und eine Raumpflegerin) gern weitergemacht, aber seit November 2024 ist das Aus für den Kindergarten beschlossene Sache. Da sitzt eine und ringt immer wieder mit den Tränen und gleichzeitig hört man eine Kinderkulisse, die nach Spaß klingt. „Natürlich wollen wir unseren Kindern schönstmögliche letzte Tage in ihrem Kindergarten schenken“, sagt Verhoeven.

Irgendwann kam die Idee auf: „Wie wäre es, wenn wir alle Kinder, die hier jemals waren, bitten, einen Stein zu bemalen – einen Stein mit ihrem Namen.“ 175 Steine liegen schon da. Der Traum: Genügend Steine, um den Kindergarten zu umrunden. Im Vorbeilaufen entsteht im Kopf die Mischung aus schönen Erinnerungen einerseits und einem Friedhofsgefühl andererseits. „Einen Stein hat auch unser Postbote bemalt und ein anderer stammt von unserer ehemaligen Raumpflegerin, die wir im Scherz immer unseren liebsten Besen genannt haben“, erzählt Verhoeven und man merkt, wie sie nach Worten sucht, die eine Brücke sind zwischen Betroffenheit, Stolz auf eine Vergangenheit voll schöner Erinnerungen und einer ohnmächtigen Sprachlosigkeit am Ende eines verlorenen Kampfes. „Es hat viele Gespräche gegeben. Gespräche mit dem Bistum, mit dem Kreis- und Landesjugendamt, dem Bürgermeister. Die Eltern haben Briefe geschrieben“, und es wurde die Möglichkeit einer Elterninitiative erwogen, die den Kindergarten – ähnlich wie bei der euregio realschule – quasi privat betreibt. Das aber wäre keine Weiterführung sondern eine Neueröffnung gewesen, die dann nach aktuellen Standards hätte erfolgen müssen. Umfangreiche Umbauten wären nötig gewesen. Diagnose: nicht machbar. Jetzt werden von den 21 Kindern, die derzeit im Kindergarten sind, sieben nach den Sommerferien eingeschult. Rest 14. Die meisten von ihnen werden nach Kranenburg gehen.

Vielleicht ist bei den Kindern der Abschiedsschmerz kleiner als beim Kindergartenteam und bei den Eltern. Der Kindergarten: irgendwie mitten im Dorf. „Wir hatten hier immer ein tolles Verhältnis zu allen Vereinen und beim Abschiedsgottesdienst waren sehr viele Leute.“ Schmerz auf Raten. Fest steht: Am 31. Juli wird ein Stück Geschichte zu Ende gehen. Es wird kein Sondervermögen zur Erhaltung des Kindergartens geben. Schade, denkt man, wenn es im Zusammenhang mit dem wichtigsten „Kapital“, das eine Gesellschaft hat – Kindern – am Ende um Finanzierbarkeiten geht. Ja – der Kindergarten wird nicht abgeschafft, aber irgendwie findet Entwurzelung statt.

Was wird aus Sabine Verhoeven? „Das kann ich noch nicht sagen.“ Natürlich geht es um berufliche Zukunften, die ungeklärt sind. „Wichtig ist aber, dass unsere Kinder bis zum Ende des Kindergartens eine schöne Zeit haben“, sagt Verhoeven. Und schön wäre es, „wenn noch viele Ehemalige uns einen Stein schenken, der an eine schöne Zeit erinnert, die sie hier gehabt haben“.

NN-Foto: Rüdiger Dehnen

NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Sabine Verhoeven und die Erinnerungssteine am Zyfflicher Kindergarten. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

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