"Claudia Lindlahr am Schreibtisch, im Gespräch mit Emmericher Bürgern, Arbeitsplatz Wohlfühlen, Stadt Emmerich"
24. Juli 2026 · Michael Bühs · Emmerich

Claudia Lindlahr: „Ich gehe tatsächlich jeden Morgen gerne ins Rathaus“

Trotz schwieriger Finanzlage blickt die Bürgermeisterin von Emmerich mit Zuversicht auf ihre Aufgabe. Im NN-Sommerinterview spricht sie über Begegnungen mit Bürgern, politische Verantwortung und die Ziele für die kommenden Monate.

EMMERICH. Die politische Sommerpause bringt etwas mehr Luft im Terminkalender, von einer Auszeit kann für Emmerichs Bürgermeisterin Claudia Lindlahr jedoch keine Rede sein. Im NN-Sommerinterview spricht sie über ihre ersten Monate im Amt, die angespannte Haushaltslage, die Erwartungen der Bürger sowie die Herausforderungen und Ziele, die Verwaltung und Politik nach der Sommerpause erwarten.

Frau Lindlahr, es ist wieder „politische Sommerpause“. Gilt die auch für Sie als Bürgermeisterin?

Claudia Lindlahr: Ein bisschen schon – aber eben nur ein bisschen. Dadurch, dass Ausschüsse und Rat nicht tagen, wird der Terminkalender etwas ruhiger. Eine echte Sommerpause gibt es für mich aber nicht. Das Rathaus macht schließlich nicht zu, die Themen bleiben und auch der Haushalt wartet nicht. Gerade diese sitzungsfreie Zeit nutzen wir für viele Gespräche und dafür, wichtige Entscheidungen vorzubereiten. Das ist oft die Zeit, in der wir die Weichen dafür stellen, dass es nach der Sommerpause zügig weitergehen kann. Ich freue mich ehrlich gesagt aber auch schon wieder darauf, wenn es nach der Sommerpause weitergeht. Dann kommen die politischen Beratungen wieder in Gang, Entscheidungen können getroffen werden und Projekte gehen weiter voran. Genau dafür machen wir das ja.

„Erlebe viel Engagement in unserer Stadt“

Ihr erstes Jahr als Emmericher Bürgermeisterin ist zwar noch nicht rum, dennoch die Frage: Wie fällt Ihr Fazit der ersten etwa neun Monate im Amt aus?

Lindlahr: Mein erstes Gefühl ist Dankbarkeit. Ich durfte in den vergangenen Monaten unglaublich viele Menschen kennenlernen und habe erlebt, wie viel Engagement es in unserer Stadt gibt. Wenn ich auf diese Zeit zurückblicke, denke ich nicht zuerst an Ratssitzungen (lacht) an die natürlich auch, aber insbesondere an meinen ersten Karneval im Rathaus, die Kirmeseröffnung, die Schützenfeste, Jubiläen zum Beispiel von Vereinen, dem Plauschcafé, unserm Familienbüro oder die Eröffnung des Waldspielplatzes in Elten. Dort kommt man mit den Menschen ins Gespräch und erfährt, was sie bewegt. Genauso wichtig waren für mich aber auch die Unternehmergespräche. Wirtschaftsförderung beginnt für mich nicht erst bei Neuansiedlungen. Mir ist der regelmäßige Austausch mit den Betrieben wichtig, die bereits hier investieren, Arbeitsplätze schaffen und ausbilden. Deshalb werde ich diese Besuche fortsetzen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Der Austausch mit unseren Nachbargemeinden Montferland und Oude IJsselstreek sowie mit der Provinz Gelderland gehört für mich selbstverständlich dazu. Themen wie Wirtschaft, Mobilität oder Arbeitsmigration enden schließlich nicht an der Grenze. Und natürlich spielen auch das Ehrenamt und die Bürgersprechstunden eine große Rolle. Gerade dort erfahre ich oft, welche Ideen, Sorgen und Erwartungen die Menschen haben. Diese Gespräche sind für mich genauso wertvoll wie die Arbeit am Schreibtisch – auch wenn diese oft im Hintergrund stattfindet.

Gab es in der Zeit Dinge, die Sie überrascht haben – sei es im positiven oder negativen Sinn?

Lindlahr: Positiv überrascht hat mich, wie offen die Menschen auf mich zugehen. Mir war vorher schon klar, dass eine Bürgermeisterin viele Gespräche führt. Ich hätte aber nicht erwartet, wie persönlich viele Begegnungen werden. Im Plauschcafé – eine tolle Einrichtung im Übrigen; mein Dank gilt hier den Initiatoren - erzählen Menschen nicht nur von ihren Anliegen, sondern oft auch von ihrem Alltag, von Einsamkeit oder von ihren Hoffnungen für unsere Stadt. Das sind Gespräche, die mich berühren und meinen Blick auf manche Themen verändern. Gerade darin sehe ich ein großes Vertrauen – und das empfinde ich keineswegs als selbstverständlich.

„Verspreche nichts, was ich nicht halten kann“

Gab es auch weniger positive Erlebnisse oder Begebenheiten?

Lindlahr: Ja. Manchmal hat mich überrascht, wie groß die Erwartung ist, dass eine Bürgermeisterin jedes Problem sofort lösen kann. Das würde ich mir manchmal selbst wünschen. Die Realität ist aber eine andere. Es gibt Gesetze, Zuständigkeiten, Eigentumsverhältnisse und finanzielle Grenzen. Viele Entscheidungen werden außerdem am Ende durch den Rat getroffen. Deshalb verspreche ich den Menschen lieber nichts, was ich später nicht halten kann. Mir ist wichtiger, offen zu erklären, warum etwas Zeit braucht oder im Moment nicht möglich ist. Ich glaube, Ehrlichkeit schafft auf Dauer mehr Vertrauen als schnelle Versprechen.

Die angespannte Haushaltslage hat in den vergangenen Monaten vieles überschattet. Wie sehr hat sie Ihre Arbeit erschwert?

Lindlahr: Die Haushaltslage begleitet mich tatsächlich jeden Tag. Denn am Ende hängt fast jede Entscheidung auch mit den finanziellen Möglichkeiten unserer Stadt zusammen. Trotzdem darf man Haushalt nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt des Sparens betrachten. Für mich geht es vor allem um Verantwortung. Verwaltung und Politik müssen gemeinsam Entscheidungen treffen, die unsere Stadt auch in Zukunft handlungsfähig halten. Ich möchte den Menschen dabei nichts vormachen. Natürlich könnte ich versprechen, möglichst viele Wünsche schnell zu erfüllen. Das wäre aber nicht ehrlich. Manche Projekte werden Zeit brauchen, andere werden wir verschieben müssen und auf manches werden wir vorerst auch verzichten müssen. Mir ist wichtig, dass Haushaltskonsolidierung nicht automatisch Stillstand bedeutet. Unser Anspruch muss sein, trotz knapper Mittel weiter gestalten zu können. Genau darin liegt aus meiner Sicht verantwortungsvolle Kommunalpolitik.

„Müssen uns auf einige schwierige Jahre einstellen“

Gibt es Ansatzpunkte, die Sie bezüglich der Haushaltslage etwas positiver in die Zukunft blicken lassen? Oder werden erst einmal einige schwierige Jahre auf die Stadt Emmerich zukommen?

Lindlahr: Ich glaube, wir müssen uns auf einige schwierige Jahre einstellen. Das Problem ist strukturell. Es liegt vielfach nicht daran, dass Kommunen schlecht gewirtschaftet haben, sondern daran, dass uns immer mehr Aufgaben übertragen werden, ohne dass sie ausreichend finanziert werden. Das ist keine Besonderheit der Stadt Emmerich, sondern betrifft Städte und Gemeinden in ganz Deutschland. Ein gutes Beispiel ist der Rechtsanspruch auf einen Ganztags- oder Kitaplatz. Diese Aufgaben müssen wir erfüllen, erhalten dafür aber nicht im ausreichenden Maße die notwendigen finanziellen Mittel von Land und Bund. Dadurch geraten viele Kommunen zunehmend unter Druck. Ich hoffe, dass sich hier politisch etwas bewegt. Erste Signale gibt es durchaus. Bis sich das allerdings spürbar in den kommunalen Haushalten niederschlägt, wird es voraussichtlich noch einige Zeit dauern.

Welche Projekte konnten Sie in den vergangenen Monaten bereits erfolgreich umsetzen beziehungsweise sind Sie mit Nachdruck angegangen?

Lindlahr: Für mich sind Erfolg und Sichtbarkeit nicht immer dasselbe. Manche Veränderungen sieht man sofort, andere wirken zunächst im Hintergrund. Einiges davon wird erst später sichtbar, bildet aber schon heute die Grundlage für künftige Entscheidungen. Vieles geschieht deshalb zunächst hinter den Kulissen. Aus den vielen Gesprächen mit Bürgerinnen und Bürgern weiß ich, dass Themen wie Sauberkeit, Ordnung und das Sicherheitsgefühl viele Menschen bewegen. Diese Rückmeldungen nehme ich sehr ernst und versuche gemeinsam mit den zuständigen Fachbereichen sowie externen Partnern konkrete Verbesserungen zu entwickeln. Deshalb führe ich beispielsweise Gespräche mit unserem Entsorgungspartner Schönmackers und der KBE, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Auch beim Thema Sicherheit prüfen wir unterschiedliche Maßnahmen, die anschließend politisch beraten und entschieden werden müssen. Das sind Prozesse, die nach außen zunächst kaum sichtbar sind, die aber die Grundlage für konkrete Verbesserungen bilden. Ein Projekt, das die Menschen unmittelbar erleben, ist die Bürgersprechstunde. Dieses Format liegt mir sehr am Herzen, weil ich den direkten Austausch wichtig finde. Gemeinsam mit den Ortsvorstehenden entwickeln wir deshalb ein Konzept, um die Bürgersprechstunden künftig auch in den Ortsteilen anzubieten. Ich finde, wir dürfen nicht erwarten, dass alle Menschen den Weg ins Rathaus finden. Politik und Verwaltung müssen auch dorthin gehen, wo die Menschen leben. Mir war von Anfang an außerdem wichtig, den Austausch mit den vielen Ehrenamtlichen in unserer Stadt zu intensivieren. Deshalb bin ich bewusst bei Vereinen, Jubiläen, Schützenfesten, in Schulen, Kitas und bei vielen weiteren Veranstaltungen vor Ort. Mir geht es dabei nicht darum, einfach Präsenz zu zeigen. Ich möchte wissen, was die Menschen bewegt, wo Unterstützung gebraucht wird und welche Ideen sie für unsere Stadt haben. Dieses unmittelbare Feedback hilft mir, Entscheidungen besser einzuordnen und die richtigen Schwerpunkte für unsere Arbeit zu setzen.

„Die schönsten Seiten meines Berufs“

Aber?

Lindlahr: (lacht) Ja, manchmal höre ich tatsächlich den Satz: „Die Bürgermeisterin feiert ja nur noch.“ Ich kann darüber schmunzeln. Denn natürlich machen mir diese Begegnungen Freude – sie gehören zu den schönsten Seiten meines Berufs. Gleichzeitig sieht man dabei eben nur einen kleinen Ausschnitt meines Arbeitsalltags. Die vielen Stunden im Rathaus mit Besprechungen, Entscheidungen und Gesprächen finden meistens ohne Öffentlichkeit statt. Mir ist aber noch etwas anderes wichtig: Hinter jedem Schützenfest, jedem Vereinsjubiläum, jeder Sport- oder Kulturveranstaltung stehen Menschen, die sich ehrenamtlich mit unglaublich viel Herzblut engagieren. Wenn sie ihre Bürgermeisterin einladen, dann ist das für viele auch ein Zeichen gegenseitiger Wertschätzung. Und genau diese Wertschätzung möchte ich ihnen zurückgeben, indem ich mir Zeit nehme, zuhöre und Präsenz zeige.

Sind auch Dinge liegengeblieben, die Sie sich vorgenommen hatten und die Sie nun in naher Zukunft angehen wollen?

Lindlahr: Ich habe im Wahlkampf ganz bewusst keine Versprechungen gemacht, die ich am Ende vielleicht nicht halten kann. Ehrlichkeit war mir von Anfang an wichtig. Das Blaue vom Himmel zu versprechen, war noch nie meine Art – und wird es auch nicht werden. Dieses Amt wird nie den Punkt erreichen, an dem man sagen kann: „Jetzt ist alles erledigt.“ Kommunalpolitik ist ein ständiger Prozess. Während wir an einem Thema arbeiten, entstehen an anderer Stelle schon die nächsten Herausforderungen. Die Haushaltslage, die Stadtentwicklung, unsere Schulen und Kitas oder die Weiterentwicklung der Innenstadt werden uns auch in den kommenden Jahren beschäftigen. Entscheidend ist für mich, diese Themen mit der nötigen Sorgfalt anzugehen. Denn gute und nachhaltige Entscheidungen brauchen manchmal etwas Zeit.

Haushalts-AG für eine „tragfähige Konsolidierung“

Haben Sie bereits Punkte auf dem Aufgabenblock, die Sie nach der Sommerpause angehen wollen?

Lindlahr: Ja, ganz oben auf der Agenda steht der Haushalt. Dafür haben wir eine Haushalts-AG gegründet, in der Verwaltung und Politik gemeinsam an einer tragfähigen Konsolidierung arbeiten. Das ist eine gemeinsame Aufgabe. Die Politik trifft die Entscheidungen, die Verwaltung liefert die fachlichen Grundlagen. Nur wenn beides gut zusammenarbeitet, werden wir einen Haushalt aufstellen können, der unsere Stadt auch in Zukunft handlungsfähig hält. Mir ist dabei auch die Zusammenarbeit in unserem Verwaltungsvorstand besonders wichtig. Wir sind als Führungsteam noch nicht lange in dieser Konstellation zusammen. Umso mehr freut es mich, wie vertrauensvoll wir miteinander arbeiten. Wir diskutieren offen und auch kontrovers, wenn es nötig ist, bringen unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen ein und sind bereit, auch neue Wege zu denken. Genau daraus entstehen aus meiner Sicht die besten Lösungen. Genau dieses konstruktive Miteinander zeichnet unseren Verwaltungsvorstand aus. Darauf bin ich ehrlich gesagt auch ein bisschen stolz, denn ich glaube, dass genau so gute Entscheidungen entstehen. Neben dem Haushalt bleiben natürlich weitere wichtige Themen. Der Ausbau unserer Schulen, zusätzliche Kita-Plätze und viele andere Aufgaben werden uns weiter beschäftigen. Die Diskussion um die Elternbeiträge hat gezeigt, wie emotional manche Entscheidungen sind. Das kann ich gut nachvollziehen. Gleichzeitig müssen wir ehrlich sein: Unsere finanzielle Situation lässt nicht mehr alles zu, was wir uns wünschen würden. Gerade deshalb wird es nach der Sommerpause darum gehen, klare Prioritäten zu setzen und gemeinsam verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Das wird nicht immer einfach sein. Aber ich bin überzeugt, dass wir diesen Weg gemeinsam mit Politik, Verwaltung und Bürgerschaft gut gehen können.

Bleibt in den kommenden Wochen für Sie auch noch ein Moment der Ruhe?

Lindlahr: Ein richtiger Urlaub ist in diesem Sommer nicht geplant. Ich werde mit einer Freundin für zwei oder drei Tage an die See fahren. Ansonsten möchte ich die etwas ruhigere Zeit nutzen, um Dinge aufzuarbeiten, für die im normalen Arbeitsalltag oft zu wenig Zeit bleibt. Dazu gehören verwaltungsinterne Themen genauso wie Gespräche, die im Alltag manchmal zu kurz kommen. Ich habe mir aber auch fest vorgenommen, bewusst etwas Zeit für mich zu nehmen. Das gelingt mir nicht immer, weil ich meinen Beruf wirklich sehr gerne mache und dabei manchmal vergesse, auch auf mich selbst zu achten. Ich gehe tatsächlich jeden Morgen gerne ins Rathaus. Bürgermeisterin dieser Stadt sein zu dürfen, empfinde ich als großes Privileg. Für das Vertrauen, das mir die Bürgerinnen und Bürger entgegengebracht haben, bin ich sehr dankbar. Es ist für mich Ansporn und Verpflichtung zugleich, jeden Tag mein Bestes für Emmerich am Rhein zu geben. Ich weiß, dass man es nie allen recht machen kann. Aber ich möchte Entscheidungen nachvollziehbar treffen, zu ihnen stehen und dabei immer das Wohl unserer Stadt im Blick behalten. Und weil ich gerade von Dankbarkeit spreche: Mein Dank gilt auch den Kolleginnen und Kollegen im Rathaus. Ich erlebe jeden Tag, mit wie viel Engagement, Fachwissen und Herzblut dort gearbeitet wird. Das wird von außen oft gar nicht gesehen. Ohne dieses Team könnte eine Bürgermeisterin ihre Arbeit gar nicht machen.

Ein Arbeitsplatz zum Wohlfühlen: Claudia Lindlahr bei der Arbeit am Schreibtisch – mindestens ebenso wichtig sind ihr die Gespräche mit den Emmericher Bürgern. Foto: Stadt Emmerich

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