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Der Rhein führt zwar Hochwasser, doch ist die Lage auch bei Emmerich „nur“ angespannt, nicht kritisch. NN-Foto: Rüdiger Dehnen
17. Januar 2024 · Michael Bühs · Emmerich

Angespannt, aber nicht kritisch

Holger Friedrich vom Deichverband Bislich-Landesgrenze zur Hochwasserlage am Niederrhein

EMMERICH/REES. Mit Blick auf die Lage etwa in Niedersachsen und Teilen Bremens kann Holger Friedrich den Pegelstand des Rheins noch relativ entspannt – dabei aber sehr aufmerksam – betrachten. „Wir haben Glück im Unglück“, sagt der Geschäftsführer des Deichverbandes Bislich-Landesgrenze. „Parallel zu den starken Niederschlägen hat der Rhein kein extremes Hochwasser entwickelt.“ Die Deiche seien zwar durch den langanhaltenden Regen und eine höhere Welle, die seit sechs bis sieben Wochen durch den Rhein laufe, beansprucht. „Immerhin sind zwei Drittel unserer Deiche aber bereits saniert“, sagt Holger Friedrich.

Bereits vor Weihnachten war der Rhein in weiten Teilen auch zwischen Rees und Emmerich über die Ufer getreten. Nach einer Entspannung bis Mitte der Woche steigt der Pegel seit der Nacht zu Donnerstag wieder deutlich an. Bis Sonntag wird in Emmerich ein Wasserstand von knapp acht Metern erwartet, bei Rees könnte der Pegel auf bis zu neun Meter steigen. Ab Montag soll das Wasser dann langsam wieder sinken. „Aktuell funktioniert der Hochwasserschutz“, lautet die gute Nachricht von Holger Friedrich.

Doch auch er weiß: „Es gibt keinen Grund für Applaus.“ Denn ein Drittel der Deiche im Gebiet des Deichverbandes zwischen Wesel und der Landesgrenze sind noch nicht saniert. „Dabei wissen wir seit mehr als 30 Jahren, dass ein Großteil der Deiche in NRW sanierungsbedürftig ist.“ Die zuständigen Behörden wie Bezirksregierung und Landesumweltministerium hätten in der Vergangenheit aber „nicht gut agiert“. Zwar habe sich nach der Ahrtal-Katastrophe einiges getan; speziell Schutzbauwerke im Hinterland habe man seitens des Landes genauer in Augenschein genommen und hier „eine höhere Sensibilität entwickelt“. Doch passiert sei zu wenig, kritisiert Friedrich. „Noch immer höre ich einen Satz besonders oft: Es muss besser werden.“ Werde es aber nicht – oder zu langsam.

Vor allem die Bürokratie sorge für Unmut und Unverständnis bei den Deichverbänden, wie Friedrich, der auch Sprecher des Arbeitskreises Hochwasserschutz und Gewässer NRW ist, berichtet. „Der Aufwand bei Genehmigungsverfahren für die Deichsanierung ist viel zu hoch, bis wir Deichverbände endlich bauen dürfen. Die Anträge werden immer komplexer, gleichzeitig dauert die Bearbeitung durch die Behörden immer länger. Hier fehlt Personal, vor allem mit Ortskenntnis und vielleicht auch Expertise.“ Nun habe NRW-Umweltminister Oliver Krischer (Grüne) angekündigt, die aufgeblähten Verfahren verschlanken zu wollen und damit die dringend notwendigen Deichsanierungen schneller genehmigungsfähig zu machen. Doch bei Friedrich sorgt diese Ansage Krischers nur für „gedämpften Optimismus“.

Ein echter Fortschritt wäre aus Sicht von Holger Friedrich, einen Schritt aus der Vergangenheit rückgängig zu machen. Denn 2007 war unter dem damaligen parlamentarischen Staatssekretär Manfred Palmen das Amt des Oberdeichinspekteurs abgeschafft worden. „Damit haben wir einen Fürsprecher für den Hochwasserschutz verloren“, sagt Friedrich. Mehr noch: Das wichtige Bindeglied zwischen den Deichverbänden auf der einen und der Bezirksregierung beziehungsweise dem Ministerium auf der anderen Seite fiel weg. „Ein großer Fehler“, sagt Friedrich bis heute.

Am Wochenende werden nun wieder bis zu 20 Ehrenamtliche bis zu dreimal täglich auf den sieben Abschnitten des Deichverbandes Bislich-Landesgrenze stehen und vor allem die noch nicht sanierten Bereiche intensiv im Blick haben. Dabei werden sie auch auf die „Ergebnisse“ der Auenwald-Diskussionen achten, wie Friedrich berichtet: „Dadurch haben wir es immer wieder mit größerem Treibholz zu tun, dass wir entfernen müssen, damit es nicht vor die Deiche schlägt und diese beschädigt.“ So könne ein alter Baum, der vom Rhein mitgerissen werde, schnell mehrere Kubikmeter Erde aus einem Deich schlagen. „Darüber macht sich leider kaum jemand Gedanken, wenn es um das Thema Auenwald am Rhein geht.“

Insgesamt sei die Lage am Unteren Niederrhein „angespannt, aber nicht kritisch“, sagt Friedrich. Dies gelte glücklicherweise auch für das Hinterland, wo die Schöpfwerke rund um die Uhr laufen, teils durch zusätzliche Pumpen verstärkt, um die großen Wassermassen nach den langanhaltenden Regenfällen abzupumpen. „Auch darum kümmern sich die Deichverbände“, betont Friedrich – wie auch um die Entwässerungsgräben; allein im Bereich Bislich-Landesgrenze sind es rund 500 Kilometer. Der anstehende Wetterwechsel sei dann auch wichtig, um die Lage zu entspannen. Michael Bühs
Gesperrt: Die Rheinpromenade in Rees. NN-Foto: Theo Leie

Gesperrt: Die Rheinpromenade in Rees. NN-Foto: Theo Leie

Der Rhein führt zwar Hochwasser, doch ist die Lage auch bei Emmerich „nur“ angespannt, nicht kritisch. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

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