Ameland-Ferienlager in Rees: Warum die Tradition trotz steigender Kosten weiterlebt
Pastoralreferentin Christine Pohl spricht im NN-Interview über den großen Einsatz der Betreuer, steigende Kosten, Spenden und die Zukunft der beliebten Ferienfreizeit.
REES. Für rund 50 Kinder zwischen acht und zwölf Jahren startet am heutigen Samstag wieder eine aufregende Zeit. Sie fahren für zwei Wochen mit der Ferienfreizeit der Pfarrgemeinde St. Irmgardis Rees nach Ameland. Pastoralreferentin Christine Pohl, die mit Nicole Schmidt und Shania Esser die Organisation und Lagerleitung übernimmt, spricht im NN-Interview für die jahrzehntelange Tradition der Reeser Ameland-Lager, über organisatorische und finanzielle Herausforderungen und das abwechslungsreiche Programm.
Frau Pohl, für die Kinder stehen jetzt zwei Wochen Ferien auf Ameland an. Und für Sie?
Christine Pohl: Für uns als Betreuerteam heißt es, 24/7 bereit zu sein. Der Ort ist klasse, und ich selbst war auch schon als Kind auf Ameland. Ich verbinde tolle Erinnerungen mit der Insel. Aber man muss sich nichts vormachen: Für uns Betreuende ist es bei allem Spaß, den wir definitiv auch haben, viel Arbeit. Nach den 14 Tagen ist man einfach sehr kaputt.
Die Bubble Balls sorgen bei den Kindern auf Ameland für großen Spaß.
Foto: privat
Pohl: Wir müssen von morgens bis abends bereit sein, wach sein, schauen, was die Kinder brauchen. Wir geben den Kindern eine Tagesstruktur, die eingehalten werden muss. Wir achten darauf, dass alle bei den Mahlzeiten sind, dass ein Programm auf die Beine gestellt wird. Das stellen wir bereits seit Anfang des Jahres zusammen. Überhaupt fängt die Arbeit für uns ja nicht erst an, wenn wir im Bus sitzen. Wir treffen uns vorher regelmäßig, wir haben eine Präventionsschulung zusammen besucht und unser Küchenteam Hygieneschulungen. Für das Programm muss das Material besorgt und vorbereitet werden. Material heißt aber auch, dass für die Kinder Spiele und Bücher bereitstehen, wenn mal kein Programm ist. Wir haben das Glück, dass hier die örtliche Bücherei uns Bücher zur Verfügung stellt für diese Zeit, die die Kinder sich dann ausleihen können.
„Von den Ehrenamtlichen wird immer mehr erwartet“
Ist es im Laufe der Jahre mehr Arbeit geworden?
Pohl: Auf jeden Fall. Es gibt Schutzkonzepte, die beachtet werden müssen. Es gibt Präventionsschulungen, Fort- und Weiterbildungen, die Betreuende absolvieren müssen, um den Kindern den notwendigen Schutz und Sicherheit zu bieten. Wir brauchen von allen Betreuenden ein Führungszeugnis, eine gewisse Anzahl an Betreuenden muss einen Rettungsschwimmerschein besitzen, eine gewisse Anzahl an Betreuenden braucht die sogenannte Juleica-Karte für Jugendleiter. Es wird immer mehr, was von diesen Ehrenamtlichen erwartet wird, die 14 Tage ihrer Freizeit opfern, und immer mehr, was geleistet werden muss.
Wie schwierig wird es dadurch für Sie, immer genügend Betreuer zu finden?
Pohl: Zum Glück ist es eine Tradition, dass viele Jugendliche und Erwachsene, die selbst als Kinder mitgefahren sind, auch als Betreuer nach Ameland mitfahren oder andere dazu animieren, ebenfalls die Erfahrung zu machen. Dann haben wir vereinzelt auch Betreuende, die eine sozialpädagogische Ausbildung anstreben; sie nutzen die Ameland-Fahrt für ihren Lebenslauf als Praktikum. Für dieses Jahr ist das Team gut aufgestellt, aber wir freuen uns immer über neue Interessierte, die im nächsten Jahr dann als Betreuende mitfahren.
Es heißt, es gibt kaum Reeser, die nicht mit der Ferienfreizeit schon mal nach Ameland waren.
Pohl: Stimmt, das habe ich auch gehört. Ich selbst komme aus Friedrichsfeld, bin dort als Kind auch schon nach Ameland gefahren. Hier in Rees hat Ludger Dahmen, ein echtes Urgestein, bereits in den 1970er Jahren getrennte Jungen- und Mädchenlager durchgeführt. Damals waren das keine Ferienlagerhäuser, wie er mir erzählt hat, sondern Kuhställe, in denen man Betten aufgestellt hat. Für die Ferienfreizeit wurden die Tiere dann nach draußen auf die Felder geschickt. Inzwischen muss man auch sagen, dass wir längst nicht mehr nur Reeser Kinder mitnehmen. Auch Kinder aus Emmerich, Kalkar und Isselburg sind dabei – überwiegend sind es aber immer noch die Reeser Kinder, die mitfahren und deren Eltern erzählen, dass sie selbst schon als Kind mitgefahren sind. Das ist eine schöne, gewachsene Tradition.
Zuschüsse der Stadt, Spenden von Firmen in Rees
Neben dem bereits angesprochenen Arbeitsaufwand dürfte in den vergangenen Jahren auch der finanzielle Aufwand gestiegen sein.
Pohl: Auf jeden Fall.
Wie schaffen Sie es, die Kosten so zu gestalten, dass nach Möglichkeit jede Familie in Rees es ihren Kindern erlauben kann mitzufahren?
Pohl: Es gibt die Möglichkeit für sozial schwache Familien, über die Stadt Rees einen Zuschuss für Ferienfreizeiten zu erhalten. Die Familien müssen dann noch etwa ein Drittel der Kosten selbst tragen. Außerdem versuchen wir immer, den Teilnehmerbeitrag mit 400 Euro so gering wie möglich zu halten. Wir haben in den vergangenen beiden Jahren viele Spenden akquiriert. In der Vorbereitungszeit lassen wir einmal samstagmorgens auf dem Markt die Spendenbüchse rumgehen. Auch dürfen wir einmal im Jahr in der Kirche bei einem Gottesdienst die Kollekte rumgehen lassen. Dazu sprechen wir gezielt Firmen und Menschen an, die selbst auf Ameland waren, ob sie uns unterstützen. Wir werben um Lebensmittelspenden, sodass das Küchenteam weniger ausgeben muss für Lebensmittel, auch bei hiesigen Supermärkten. Und es gibt über den Kreis Kleve einen Fördertopf für Zuschüsse, und auch die Sparkasse Rhein-Maas hat einen Jugendfördertopf. Heißt: Das Klinkenputzen ist in den vergangenen Jahren immer mehr geworden, damit wir den Teilnehmerbeitrag so gering wie möglich halten können.
Wird das auch in den kommenden Jahren gelingen?
Pohl: Das bleibt abzuwarten. In den Niederlanden geht ja auch die Kostenspirale sehr nach oben. Die Lebensmittel waren dort ohnehin immer teurer, und in diesem Jahr sind auch die Hauskosten noch mal immens gestiegen aufgrund einer Übernachtungssteuer, die in den Niederlanden erhöht wurde. Ich werde am Ende des Jahres sehen, was das bedeutet und ob ich unter Umständen gezwungen bin, im nächsten Jahr tatsächlich den Beitrag etwas höher anzusetzen. Deshalb auch ein ganz großes Lob an die Menschen und die Geschäfte hier in Rees und Umgebung, die uns unterstützen.
Die Strand bei Buren auf Ameland ist besonders bei Sommerwetter ein beliebtes Zeit der Reeser Ferienfreizeit.
Foto: privat
Pohl: Zum einen ist die Insel einfach schön. Auch das Haus macht viel aus. Wir haben hinten eine Wiese, auf der die Kinder spielen können; bei anderen Häusern müssen sie dazu erst die Straße überqueren. Und zum anderen sind es die Menschen, die ihr Herzblut in die Ferienfreizeit stecken, die – wie Ludger Dahmen – die Lagerfahrten seit vielen Jahren begleiten und sie so tragen.
Wie schaffen Sie es, Jahr für Jahr ein spannendes und abwechslungsreiches Programm für die Kinder auf die Beine zu stellen?
Pohl: Es gibt natürlich viele bewährte Aktionen. Eine Treckerfahrt und ein Ausflug mit dem Kutter zu der Robbenbank sind immer ein fester Bestandteil des Lagers. Dabei haben die Kinder einfach Spaß. Dann gibt es das Betreuenden-Suchspiel, an dem sämtliche Ferienlager teilnehmen, die gerade auf der Insel sind: Dabei verkleiden sich die Betreuenden, und die Kinder müssen sie suchen. Das ist immer eine Mordsgaudi. Auf der anderen Seite hat sich die Gesellschaft in den vergangenen Jahren auch sehr verändert. Wir können nicht mehr sagen: „So, wir haben jetzt Pause, und die Kinder gehen auf die Wiese und spielen zusammen.“ Das ist schwierig geworden, da die Kinder teilweise nichts mehr mit sich anzufangen wissen. Man muss sie immer wieder motivieren: „Nimm doch mal ein Kartenspiel oder nimm doch mal den Ball und spiel mit dem oder mit der.“ Das war vor einigen Jahren noch einfacher.
Teilnehmerzahlen sind leicht rückläufig
Wie haben sich die Teilnehmerzahlen in den vergangenen Jahren entwickelt?
Pohl: Sie sind etwas rückläufig. Einerseits gibt es Familien, die in den Sommerferien ihre Kinder so für 14 Tage gut untergebracht wissen. Andererseits gibt es Familien, die sich diese Fahrt nicht mehr leisten können. Dann gibt es Eltern, die mit den Kindern selbst in den Urlaub fahren. Und es hat auch ein wenig damit zu tun, dass sich in der Gesellschaft etwas verändert hat: Es wird zwar oft von Helikoptereltern gesprochen, es gibt aber auch Kinder, die sagen: „Nein, 14 Tage weg von zu Hause und woanders schlafen, das mach ich nicht, das will ich nicht.“
Das Lager-Motto in diesem Jahr lautet „Heldenakademie“. Wie wichtig ist ein solches Motto?
Pohl: Für uns als Betreuende ist es sehr wichtig, weil wir danach unser Programm gestalten können. Mit Bastelaktionen Spieleangebote beispielsweise kann man in diese Themenwelt eintauchen. Auch für die Lager-T-Shirts und die Türschilder an den Zimmern ist ein Motto wichtig. Auch aus Sicht der katholischen Kirche muss ich ehrlich sagen, dass ich „Heldenakademie“ toll finde: Es gibt ja viele theologische Helden, die man bei einem Gebet morgens, mittags, abends einfließen lassen kann, die man bei einem Gottesdienst einfließen lassen kann.
Christine Pohl mit Küchenchef Ernst-August Voß. 
Pohl: Ich glaube, es wird für nächstes oder übernächstes Jahr auf jeden Fall ein Thema sein. Es gibt ja beispielsweise bei den Betreuenden und bei den Eltern im Küchenteam immer wieder welche, die selbst eine Ameland-Tradition haben und viele Jahre mitgefahren sind. Zum Beispiel Maria Saalmann: Sie ist in Rees eine Institution, hat hier lange Zeit als Krankenschwester im alten Krankenhaus gearbeitet, viele Jahre den Küsterdienst gemacht, ist immer noch Küsterin im Agnesheim – und sie hat auch jahrelang in der Lager-Küche auf Ameland gekocht. Inzwischen haben Ernst-August und Agnes Voß die Küche übernommen. Jedenfalls kann ich mir sehr gut vorstellen, dass wir das Stadtjubiläum aufgreifen werden.
Für jedes Wetter gerüstet: Pastoralreferentin Christine Pohl bei der Treckerfahrt auf Ameland im vergangenen Jahr. Foto: privat