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Harald Kunde vor der Replik eines Baegert-Altars.NN-Foto: HF
25. März 2024 · Heiner Frost · Kleve

Abschied vom Original?

Ist es legitim, in einem Museum Repliken alter Meisterwerke zu zeigen? Gibt es eine Seele des Originals? Ein Gespräch.

KLEVE. Ein Gespräch mit dem Direktor des Museums Kurhaus Kleve, Harald Kunde. Es geht um die Diskussion, ob ein Museum Repliken zeigen darfsollkann. Gibt es die Aura des Originals? Ist Kunst ein Pilgerakt?

In eurer neuen Ausstellung „Schönheit und Verzückung“ ist die 1:1-Replik eines Altars von Derick Baegert zu sehen. Ich habe den Aufbau begleitet und war total begeistert von der Möglichkeit, ein Original mit modernster Technik zu reproduzieren. Ich habe das Original nicht gesehen und frage mich jetzt: Muss ich es noch sehen?

Harald Kunde: Ja und Nein. So viel ist sicher: Die Genauigkeit der Replik ist unglaublich frapieren. Aber wichtig ist mir die Feststellung, dass es uns überhaupt nicht darum geht, ein Original zu ersetzen – und es ist schon gar nicht unser Ziel, die Besucher zu täuschen. Alles, was mit der Aura und der Autorität eines Originals zu tun hat, kann nicht ersetzt werden. Von niemandem. Aber mit den technischen Möglichkeiten, die uns mittlerweile zur Verfügung stehen, sind wir in der Lage, ein Original so nachzubilden, dass eine rein optische Unterscheidung zumindest schwierig werden könnte.

Was aber ist diese „Aura“?

Kunde: Aura ist ein Begriff, der spätestens durch Walter Benjamin fast inflationär wurde. Benjamin hat einen sehr klugen Aufsatz geschrieben – Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit –, in der erstmalig konstatiert wird, was sich im Umgang mit den Kunstwerken durch die Fotografie verändert hat. [Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit; edition suhrkamp, 1963.] Es geht darum, dass die Kenntnis der Kunst sich von den originalen Trägern ablöst und durch die Fotografie quasi immateriell – also für jeden frei verfügbar – wird. Daraus erwachsen Vor- und Nachteile, weil die Einmaligkeit des Originals, das es nur an einem Ort und in einem Zustand gibt, sich gewissermaßen erledigt hat. Das Ganze geht Hand in Hand mit einer enorm anwachsenden Vergleichbarkeit. Es besteht also die Möglichkeit, eine Art imaginäres Museum anzulegen, wie es André Malraux eingeführt hat. Malraux, ein schillernder Kulturpolitiker und Schriftsteller, ging davon aus, dass heutzutage jeder in der Lage ist, sich – anhand von Kunstbänden oder anderen Abbildungen – (s)ein imaginäres Museum zu schaffen. Damit hat Malraux gewissermaßen den Gedanken von Benjamin fortgesetzt. Es findet also nicht allein die Ablösung von der Aura statt – es entsteht auch die Möglichkeit, völlig neue Kombinationen und Zusammenstellungen zu entwickeln. Jeder kann zum idealen Kurator seines eigenen imaginären Museums werden. Plötzlich ist alles verfügbar und niemand muss sich mehr an konservatorische Vorgaben halten. Es existiert kein Transportproblem mehr und es geht demzufolge auch nicht mehr um Geld. Okay – man muss in ein Kunstbuch investieren, aber das ist dann auch schon alles. Wir sind eigentlich noch einen Schritt weiter, denn die Investition in ein Kunstbuch hat sich in vielen Fällen durch das Internet erübrigt. Dort ist ja fast alles als Abbildung abrufbar. Das ist also der Startpunkt für das gigantische Abenteuer, dass du dein eigenes Museum kreierst. Das imaginäre Museum – dieser Begriff von Malraux – ist seitdem ganz folgenreich, denn plötzlich können auch unterschiedlichste Kulturräume miteinander in Korrespondenz treten, was im rein physischen Sinn schlechterdings unmöglich wäre.

Bezugnehmend auf den schon erwähnten Baegert-Altar in der Pinakothek des Museums Kurhaus Kleve finde ich allerdings, dass es ein Riesenunterschied ist, ob ich eine Abbildung in einem Buch sehe oder – wie es ja hier in der Ausstellung der Fall ist – ob ich eine gleichgroße Nachbildung vor mir habe. Die Abbildung in einem Buch kommt ja nicht einmal in die Nähe dessen, was hier zu sehen ist. Dieses – nennen wir es  – „Objekt“ hat sehr wohl eine Aura. Und eben dieses Objekt meine ich, wenn ich mir die Frage stelle, ob ich tatsächlich nach Dortmund fahren muss.

Kunde: Das, was wir in unserer Ausstellung zeigen, ist sozusagen die nächste Stufe der Reproduzierbarkeit. So etwas ist ja in einer solch überragenden Qualität erst seit zwei, drei Jahren überhaupt möglich. Und natürlich ist es etwas ganz anderes, diese Physis im Originalmaßstab plötzlich vor sich zu sehen. Das ist mit der Abbildung in einem Buch überhaupt nicht zu vergleichen und man muss kein Prophet sein, um zu vorherzusagen, dass so etwas für viele kunsthistorische Ausstellungen künftig ein probates Mittel sein wird. So lassen sich dann bestimmte Werklücken schließen. Es lassen sich mit diesem Hilfsmittel bestimmte Bestände zusammenführen. Wenn aber jemand sagt „Ich brauche jetzt kein Original mehr“, dann würde ich das so nicht unterschreiben. Es ist ja trotz alledem noch immer etwas Besonderes, sich zum Standort eines Originals zu begeben. Vielleicht hat es auch etwas mit dem Modebegriff des nachhaltigen Museums zu tun, dass man sagt: „Bestimmte Dinge sollen dort bleiben, wo sie sind, denn die Menschen sind schließlich mobil und können sich zum Original bewegen.“

Das ist ja dann fast so eine Art Pilgergedanke ...

Kunde: Ja. Du begibst dich zum Original, was ja am Ende mehr ist als dessen Betrachtung. Da gibt es ja auch eine Umgebung – also zum Beispiel eine Kapelle oder eine Kirche, wo das Kunstwerk seit hunderten von Jahren steht. Mir fällt da eine Szene aus „Good Will Hunting“ ein. Es geht da um einen hochbegabten jungen Mann, der unglaublich viel weiß. Er trifft dann auf einen Psychologen, der ihm folgendes sagt: „Mir ist etwas aufgefallen. [...] Du warst noch nie aus Boston raus. Du kennst wahrscheinlich jedes Kunstbuch, das je geschrieben wurde. Michelangelo zum Beispiel. Du weißt viel über ihn: Lebenswerk, politische Einstellung, sexuelle Orientierung. [...] Aber ich wette, du weißt nicht, wie es in der Sixtinischen Kapelle riecht. Aura? Ein Kunstwerk – wir reden jetzt vom Original – hat eine Umgebung, die man nicht einfach wegdenken kann. Ist es das? Gibt es die Seele des Originals? Kunde: Ja. Man nimmt eben nicht nur das Artefakt selbst wahr. Was wir hier versuchen – also die Präsentation einer originalgetreuen Replik –, ist für den Ausstellungszweck perfekt geeignet, weil man eine nahezu realistische Reproduktion sieht, die am Ende vielleicht den Leuten Lust darauf macht, das Original zu besuchen. Im Übrigen ist dieser Gedanke nicht wirklich neu. In der Gegenwartskunst gab es nicht selten sogenannte „Exhibition Copies“, die eigens für Ausstellungszwecke hergestellt und anschließend vernichtet wurden; vernichtet werden mussten. So wurde verhindert, dass diese Kopien auf den Markt gelangen konnten. Dass Dinge speziell für Ausstellungen produziert werden, ist also keineswegs neu, aber die Präzision, mit der das jetzt möglich ist – so nah am Original – ist frappierend und lässt einen fast wunschlos zurück.

Ich denke, das „fast“ sollte man sich dabei fett gedruckt und unterstrichen denken.

Kunde: Auf jeden Fall.

Kommen wir noch mal zum Altar zurück. Hier in Kleve kann man auf Reichweite an das Exponat herantreten. In Dortmund – das habe ich mir sagen lassen – ist das aus verständlichen konservatorischen und restauratorischen Gründen nicht möglich. Die Replik bietet also einen Vorteil. Die Nähe zum Exponat löst ja auch ein physisches Empfinden aus. Da stellt sich dann die Frage, ob hier ein intensiveres Erleben stattfindet.

Kunde: Wir kommen jetzt in einen sehr subjektiven Bereich. Das wird jeder anders empfinden. Beim Original bleibt ja noch immer dieses Gefühl, dass du vor einem Exponat stehst, dass Jahrhunderte überdauert hat. Das macht etwas mit dir als Besucher.

Manchmal ist es aber auch so, dass alle Vorsichtsmaßnahmen, die zum Schutz eines Kunstwerks getroffen werden, das Empfinden ... sagen wir ... bremsen.

Kunde: Ein gutes Beispiel wäre da die Mona Lisa. Ich habe das Bild Anfang der 90-er Jahre zum ersten Mal gesehen: Damals war kein Glas davor und man konnte ohne Absperrung hingehen, und jetzt ist der gesamte Raum wie auf einem Flughafen mit Absperrgittern vollgestellt. Am Ende hat das mit der ungetrübten Wahrnehmung dieses Bildes nichts zu tun. Und die Frage, die sich stellt, ist doch die: Ist es möglich, den Gedanken, dass es sich um eine Replik handelt, auszublenden? Macht es etwas mit dir, wenn du weißt: Das Exponat ist tatsächlich 500 Jahre alt. Da hat ein Baegert also selbst Hand angelegt. Und ändert es deine Wahrnehmung, wenn du weißt, dass es sich um eine täuschend echte Replik handelt, die erst vor zwei Wochen entstanden ist?

Aber was, wenn ich es nicht weiß?

Kunde: Dann wirst du es möglicherweise nicht merken.

Tja – wenn ich es denn weiß, dann hat das Original vielleicht ... eine Seele. Und die Replik hat keine. Wir kommen ja auf ein Terrain, wo Glauben und Wissen sich kreuzen.

Kunde: Die Mitarbeiter von Fröbus – das ist die Firma, die für die Erstellung der Replik zuständig war – haben eine wie ich finde sehr angenehme Haltung zu dieser Frage. Sie sagen: „Wir wollen Baegert nicht ersetzen. Wir sind voller Demut gegenüber dem Original, aber wir streben nach einer bestmöglichen Annäherung. Wir fertigen also eine Neuschöpfung an – aber nach der Vorgabe des Künstlers.“ Es wird also so weit wie möglich jede subjektive Spur der Gegenwart gelöscht. In diesem Fall wurde das Ganze nach dem Scannen ja nicht einfach gedruckt – es hat ja auch eine malerische Schlussbehandlung stattgefunden. Dazu kommt, dass die Bilddateien nicht auf Papier gedruckt wurden, sondern auf Holz.

Maximale Annäherung an das Original.

Kunde: Wir haben vorher gesehen, wie das Ganze als reiner 3D-Druck aussieht, aber es ist unbeschreiblich, welchen Unterschied die malerische Behandlung macht. Das können die Leute leider nicht sehen, aber es ist – um das Wort ein letztes Mal zu bemühen – absolut frappierend. [In der Ausstellung ist ein Film zu sehen, der den Entstehungsprozess des Altars zeigt und somit – zumindest aus zweiter Hand – nachvollziehbar macht.] Erst diese Nachbehandlung durch Hans Wäckerlin hat das Ganze perfekt gemacht. Am Ende stand also eine manuelle Tätigkeit, die mit dem Prozess des 3D-Druckens gar nichts zu tun hat. Es braucht einen künstlerisch-sachverständigen Menschen, der die Baegert-Idee in die heutige Sichtbarkeit übersetzt.

Es gibt da aber eine noch unbeantwortete Frage: Was wird nach dem Ende der Ausstellung aus den Repliken?

Kunde: Es gibt schon jetzt Interessenten und Anwärter. Es ist aber noch nicht geklärt, wie wir am Ende damit umgehen werden. Auch die Rechte-Inhaber – also die Besitzer der Originale – haben bis jetzt lediglich einer Nutzung für diese Ausstellung zugestimmt. Da befinden wir uns auch noch in einer Art Grauzone, in der insgesamt noch keine klaren Regelungen bestehen.

Thema Nachhaltigkeit und Pilgergedanke.

Kunde: Es gibt viele Beispiele, bei denen der Mobilitätsgedanke in sein Gegenteil umschlägt. Versuch mal, ohne Anmeldung in die Sixtinische Kapelle in Rom zu kommen oder dir Leonardos Abendmahl in Mailand anzusehen ... – unmöglich. Da sprechen wir von Hotspots, die sich im Laufe der Globalisierung enorm entwickelt haben. Alle Menschen auf der Welt scheinen plötzlich das Bedürfnis zu haben, diese Dinge sehen zu müssen – und das möglichst in Kombination mit einem Selfie vor dem Kunstwerk. Dieses Bewusstsein hat ja auch etwas mit einer Sehnsucht zu tun – mit dem Wunsch authentisch zu sein. Am Ort des Originals zu sein. Das wird auch nicht aufhören. Das können Repliken am Ende nicht bieten. Ich bin gespannt, wie viele Leute in unserer Ausstellung Selfies vor dem Baegert-Altar machen werden.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass Menschen mit Sehnsucht einen der von dir genannten Orte aufsuchen, aber dass es nicht mehr um die Erkundung des Ortes und des Kunstwerks geht, sondern nur um eine Art Trophäe: Selfie mit Mona Lisa. Selfie mit Abendmahl. Selfie mit der Sixtinischen Kapelle. Selfie vor den Pyramiden. Die Botschaft: „Ich war dort.“

Kunde: Da fehlt noch etwas. „Ich war dort und habe es gepostet.“ Das ist mindestens genauso wichtig. Die anderen müssen erfahren, dass du dort gewesen bist. Es gibt viele Dinge, die sich zum Schlimmsten hin entwickeln. Das Eigentliche wird zur Staffage. Da entsteht bei mir dann die Sehnsucht nach früheren Zeiten, als man sich auf ein Kunstwerk einlassen konnte und vielleicht sogar das Glück hatte, vor Spitzenstücken plötzlich staunend allein zu stehen.

Seid ihr darauf vorbereitet, dass es für das Baegert-Projekt Kritik geben wird?

Kunde: Ich rechne damit, dass es solche Stimmen geben wird, aber wir müssen uns da nicht verstecken. Es bleibt abzuwarten, ob es deutliche kritische Äußerungen geben wird, oder ob das quasi hinter vorgehaltener Hand passiert. Wir werden sehen, was da ankommt. Wenn wir es schaffen, dass sich die Menschen wieder mehr für Baegert interessieren, ist viel gewonnen.

Heiner Frost
Eine Replik – allerdings wird am Ende noch einmal Hand angelegt.NN-Foto: HF

Eine Replik – allerdings wird am Ende noch einmal Hand angelegt.NN-Foto: HF

Harald Kunde vor der Replik eines Baegert-Altars.NN-Foto: HF

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