Bruno oder: Das Ende der Selbstverständlichkeit

KREIS KLEVE. Der 28. Mai 1979 war ein Montag. Bruno war damals 17 – sein Leben noch im Anmarsch: die Zukunft größer als die Vergangenheit.

Das war’s jetzt

Bruno war mit seinem Mofa unterwegs. Beim Linksabbiegen übersah er ein Auto. „Ich weiß noch, wie ich mit dem Rücken auf dem Bordstein aufgeschlagen bin“, sagt er, „und mir war klar: Das war‘s jetzt.“ Brunos 12. Brustwirbel: ein Splitterbruch. Dazu ein Trümmerbruch des rechten Sprunggelenks. „Mein Fuß sah aus, als ob der gar nicht zu mir gehört.“ Sie fliegen Bruno in eine Spezialklinik nach Bochum. Der 28. Mai: Ende und Anfang. Der letzte Tag in Brunos Leben, an dem er eigenständig laufen kann. Das Ende der Selbstverständlichkeit. Das neue Zuhause für jedes Unterwegssein: der Rollstuhl. „Ich habe das im ersten Jahr total verdrängt. Einmal habe ich geweint. Das war‘s“, sagt Bruno heute.

Keine Option

Aufgeben? Suizid? „Keine Option.“ Fragt man ihn: Optimist oder Pessimist, kommt die Antwort blitzschnell: „Optimist.“ Zurück ins Damals: Bruno macht sein Abitur. Studiert und wird Lehrer: Erdkunde und Biologie. Brunos Leidenschaft: Trommeln.
Bruno selbst hat sein Leben so beschrieben: „Mit 17 hat man noch Träume, heißt es in einem bekannten Schlager. Manche Träume zerplatzten allerdings für mich, als ich am 28. Mai 1979 – damals war ich Schüler der Jahrgangsstufe 11 am Konrad-Adenauer-Gymnasium – auf dem Heimweg von der Schule mit meinem Mofa – schwer verunglückte. Als ich spät abends mit dem Hubschrauber nach Bochum in eine Spezialklinik überführt wurde, offenbarten mir die Ärzte mit ihrer Diagnose eine bittere Wahrheit, die mein Leben auf das nachhaltigste verändern sollte: Querschnittslähmung durch einen Splitterbruch des zwölften Brustwirbels.“ Heute ist Bruno 60. Die Vergangenheit ist größer geworden. Wenn man im Rollstuhl sitzt, wird die Welt eine andere. Plätze, die für andere zum Alltag gehören, werden zur Festung.

-Anzeige-

Was ist Luxus?

Wenn Bruno an seinen Ausflug auf den Schwanenturm denkt, kommen ihm die Tränen. „Da wollte ich immer rauf: Kleve von oben sehen.“ Freunde haben ihn – Bruno saß längst im Rollstuhl – hoch getragen. Ein unglaubliches Erlebnis an einem für ihn magischen Ort. „Natürlich ist es schade, dass Menschen, die wie ich im Rollstuhl unterwegs sind, eine solche Chance einfach nicht haben. Okay: Der Ausflug auf den Schwanenturm ist vielleicht … man bricht den Gedanken ab. Ist das wirklich ein Luxus? Etwas, das nicht wirklich nötig ist? Ja. Vielleicht. Wer bestimmt, was für wen Luxus ist und was nicht? Eigentlich geht es um Ermöglichung. Jeder soll überall hin können und am Ende selbst entscheiden. So sollte es sein. Bruno ist einer, der sich engagiert. Seit November 2020 ist er Mitglied des Klever Rats. Er erzählt von einem Ratsbeschluss. „Ich glaube, es war im Dezember 2020 – da wurde im Rat beschlossen, eine behindertengerechte Toilette am Bahnhof einzurichten. Der Beschluss ist da – die Toilette noch nicht.“ Bruno ist der einzige Rollstuhlfahrer im Rat. „Da nimmt man so etwas schnell persönlich“, sagt er.

Ein Ort, aber kein Örtchen

Zwei Wochen später: Bruno ruft an. „Nur, damit ich nichts Falsches sage: Mittlerweile ist der Stand der Dinge, dass die behindertengerechte Toilette am Bahnhof ins alte Postgebäude soll.“ Ein Datum ist noch nicht genannt. Es gibt also einen Ort, aber „das Örtchen“ noch nicht. Das Engagement für eine möglichst barrierefreie Stadt ist Brunos Ding. „Ich habe ein Mandat – also habe ich einen Auftrag. Eine Verantwortung“, sagt er. „Die will und werde ich wahrnehmen. Das gehört zu meinem Verständnis von Politik.“

Protesttag

Am 5. Mai, dem Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, war Bruno einer von denen, die mit einer besonderen Aktion Aufmerksamkeit erregt haben. „Wir haben ein Dixi-Klo auf einem Rollwagen durch die Stadt geschoben – von der Versöhnungskirche bis zum Bahnhof.“ Das Toilettenhäuschen: mit einem Spanngurt verriegelt. Dazu ein Schild mit der Aufschrift: „Wir müssen leider draußen bleiben.“ Das Zeichen: Ein durchgestrichener Rollstuhl in einem roten Kreis. „Wenn du ganz normal in der Stadt unterwegs bist, denkst du nicht daran, wie es für Menschen mit Behinderung ist, wenn sie eine Toilette suchen“, sagt Bruno.

Einzelkämpfer

Ein Rückblick: Sein Leben, sagt Bruno, sei seit dem Unfall von einem stillen, stetigen Kampf geprägt. Ein Kampf, den andere kaum wahrgenommen haben. Ein Kampf um Dinge, die für andere selbstverständlich sind. „In manchen Zeiten wurde ich bewusst oder unbewusst zum Einzelkämpfer: ein langfristiger, gefährlicher Weg, der in die Isolation und Verbitterung führen kann. Mehr als andere bin ich als Behinderter auf Hilfe und solidarisches Handeln angewiesen – darauf, dass meine Mitmenschen erkennen, dass der Schlüssel zur Integration darin liegt, dass wir zusammen und nicht allein um das Leben kämpfen und so neue Lebensträume entstehen sehen.“

Konsequenzen

Natürlich: Man sieht Menschen im Rollstuhl, aber sich in die Konsequenzen eines solchen Lebens einzudenken und einzufühlen erfordert Mut – es ist der Mut, sich auf das Ausgeschlossensein einzulassen – auf all die Hindernisse des vermeintlich Normalen. Auf all die Kämpfe um das, was Teilhabe genannt wird. Bruno schickt mir eine Whatsapp-Nachricht. „Sieh dir das mal an.“ [https://youtu.be/ 7HBJDQSopM0]. Drei Menschen in Köln: Ein Rollstuhlfahrer, eine Blinde und eine Frau ohne Behinderung versuchen von A nach B zu kommen. Man schaut sich das Video an und plötzlich wird klar, was es heißt, nicht einfach sich nur mit Einschränkungen bewegen zu können. Plötzlich öffnet sich da eine andere Welt – eine, über die man vielleicht viel zu selten nachgedacht hat.
Plötzlich wird klar, was Bruno Janßen meint, wenn er von seiner Verantwortung spricht und davon, dass die Arbeit für alle, die mit einem Handycap durchs Leben müssen, sein Ding ist.

Umbau

„Kennst du das Josefshaus?“, fragt er. „Das ist das Haus der Fraktionen des Klever Rates.“ Als Bruno in den Rat gewählt wurde, verfügte das Haus über keine behindertengerechte Toilette. „Das haben die jetzt umgebaut“, erzählt er und sagt, dass ihn das freut. Ich stelle mir vor, dass jemand erzählt, irgendwo sei ein Haus gebaut worden, dass sogar über eine Toilette verfügt. Das wäre irgendwie absurd, denke ich. Wieder werden Dimensionen klar. Behindertengerechte Toiletten sind kein Normalzustand. „Ich will den Menschen nichts vorwerfen“, sagt Bruno, „aber es geht darum, dass ein Bewusstsein entsteht.“ In den 43 Jahren, die er im Rollstuhl sitzt, hat sich natürlich viel getan, aber der Jetzt-Zustand kann kein Endzustand sein.

Schöne Orte

„Hast du schon den Urlaub geplant?“, frage ich und im selben Augenblick wird mir klar, dass auch das ein Problem sein kann. „Wir fahren für eine Woche nach St. Peter-Ording“, sagt Bruno und wenn er ‚wir‘ sagt, meint er sich und Petra. „Wir sind seit 15 Jahren zusammen“, erzählt Bruno. Ja – auch Urlaub sei ein Problem. „Es ist nicht einfach, schöne Orte zu finden. Manchmal siehst du dir Sachen an: Da steht dann was von behindertengerecht – du kommst an und stellst fest, dass doch irgendwo noch zwei Stufen sind, von denen vorher nie die Rede war.“ Hindernisse bedeuten Stress und Stress ist nun einmal der natürliche Gegner der Erholung.

Das Glück hängt nicht vom Laufen ab

Je länger wir sprechen, desto mehr beginne ich zu begreifen, was es bedeutet, mit einer Behinderung den Alltag zu meistern. Tatsächlich: Es geht ums Bewusstmachen. „Wenn du einen Wunsch hättest, was wäre das?“ Natürlich erwarte ich, dass Bruno sagt, es möchte wieder laufen können. Stattdessen überlegt er – lange. „Vielleicht ist es der Wunsch, keine Schmerzen mehr zu haben.“ Einen Augenblick lang ist es still. Sehr still. „Das Glück hängt nicht vom Laufen ab“, sagt Bruno. Glück ist die Möglichkeit, am Leben teilnehmen zu können. Ob man es tut, ist dann die eigene Entscheidung.