RHEINBERG. Probleme im sozialen Miteinander sind nichts Neues. Die Pandemie hat den gegenseitigen Umgang aber zuletzt erschwert und nachhaltig beeinflusst. Die Jüngsten betrifft das besonders, müssen sie den Umgang mit anderen doch umso stärker erlernen. Das Kollegium der Grundschule am Annaberg weiß um die Schwierigkeiten und hat zum Thema Mobbing die Frankfurter Autorin Aygen-Sibel Çelik eingeladen. Sie las nicht nur aus ihrem Buch „Alle gegen Esra“, sondern bezog die Kinder gleich auf besondere Weise mit ein.

Das bot sich vor allem angesichts einer Besonderheit ihres Buchs an: Die Leser können an einer Stelle nämlich selbst bestimmen, wie es weitergeht. „Wie würdest du entscheiden?“, erklärt es Çelik.

Ein typisches Beispiel

Mit ihrer Geschichte präsentierte die 53-Jährige den Schülern der Klassen 3a und 3b ein Paradebeispiel dafür, wie Mobbing im Alltag aussehen kann. Dabei greift sie mit unterschiedlichen Figuren die vielen Facetten auf. Denn es gibt Opfer und Täter – letztgenannte selbst dort, wo man sie eigentlich nicht erwartet. Manchmal ist es den Menschen auch gar nicht bewusst, dass sie durch ihre Aussagen oder ihr Verhalten andere Menschen verletzen. Das Buch zeigt eindringlich, dass ein für andere merkwürdiges und nicht nachvollziehbares Verhalten – nicht selten die Quelle des Mobbings – auch einen besonderen Grund haben kann, der aber nicht immer offensichtlich ist. Und damit zeigt es gleichzeitig, dass es niemals eine Rechtfertigung dafür gibt, andere schlecht zu behandeln und vorzuverurteilen.

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Mit Çelik stiegen die Schüler mitten ins Geschehen ein: Ein Mädchen namens Funda sieht die titelgebende Esra, ein einzelgängerisches, zurückhaltendes Mädchen mit türkischen Wurzeln, im Schulflur weinen, ein paar Meter entfernt auch den Grund dafür: Jemand hat den Inhalt ihres Ranzens über den gesamten Schulflur verteilt. Das ist aber nur ein Ausschnitt des Gesamtproblems, mit dem Esra zu kämpfen hat. Ihr andersartiges Verhalten nehmen ihre Mitschüler zum Anlass, sie auf verschiedene Weise zu schikanieren und über sie zu lästern.

Selbst ihre Lehrerin Frau Mertel, die eigentlich Beschützerin und Vertrauensperson sein sollte, erfüllt ihre Pflichten unzureichend und trägt sogar selbst zu Esras Situation bei. Sie versucht zwar, den Täter des Mobbings-Vorfalls ausfindig zu machen, bleibt aber erfolglos. Anschließend kritisiert sie vor den anderen Schülern Esras lange und warme Kleidung im Sommer und rümpft die Nase, „als würde sie stinken.“ Sichtlich wütend ist sie auch, als Esra die Einzige ohne Erlaubnis für den Ausflug ins Schwimmbad ist, nachdem sie doch schon nicht an der Klassenfahrt und immer wieder nicht am Sportunterricht teilgenommen hat. Auch auf dem Elternabend legt Frau Mertel ihre Vorurteile über die türkische Kultur durch abfällige Kommentare offen.

Zwischen den Stühlen

Mitschülerin Funda hingegen erleben die Schüler in der Lesung immer wieder hin- und hergerissen. Sie hat Mitleid, kann die „Heulsuse“ aber eigentlich auch nicht leiden. Sie ist von Esras merkwürdigem Verhalten genervt und bestätigt eine Mitschülerin, als sie über Esra lästert. Wütend ist Funda dann auch darüber, dass sie Esra die Hausaufgaben bringen soll, nachdem diese nach dem Ausflug nicht in die Schule kam.

Bei ihr zu Besuch erkennt Funda aber schließlich den Grund für Esras Verhalten: Diese schämt sich für ihre „feurige Schlange“, ein auffälliges Feuermal an ihrem Körper. Mit dieser neuen Erkenntnis meldet sich ihr schlechtes Gewissen.

„Wie soll sie sich verhalten?“, fragt Çelik die Schüler der Klasse 3a. Die sind sich einig: Helfen sollte sie. Das würden sie jedenfalls selbst tun, oder es zumindest versuchen. Ihre Ansätze: „Ich würde fragen, wieso sie es versteckt“, sagt eine Schülerin. Schließlich sei es ja nicht schlimm. Ein anderer Schüler würde ihr anbieten, die Lehrerin zu verständigen, wieder ein anderer auf die Besonderheit und die Schönheit des Flecks hinweisen. „Es ist ja so etwas wie ein Muttermal“, erklärt er.

Eigene Erfahrungen

Es zeigte sich, dass die Kinder selbst schon ähnliche Situationen durchlebt haben, wurden zum Beispiel beim Spielen ausgeschlossen. „So etwas passiert oft“, sagt Çelik. Wichtig sei, sich in andere hineinzuversetzen. Mal gehöre man zu der einen, dann zu der anderen Gruppe. Dann gelte es aber, die Augen offen zu halten. „Wird jemand ausgegrenzt, solltet ihr so handeln, wie ihr es gerade gesagt habt.“ Wie würde ich mich fühlen, das sei die Frage.

Angesichts ihres großen Interesses und der Anteilnahme machte Çelik den Schülern das Angebot, ihr ihr eigenes Ende der Geschichte zukommen und dabei persönliche Erfahrungen einfließen zu lassen, um es dann zu veröffentlichen – natürlich mit Unterschrift der Kinder. „Ihr seid ja dann auch Autoren!“

Als die Stunde vorbei war, zeigte sich Çelik begeistert von ihrem Publikum: „Sie haben toll zugehört und mitgemacht.“ Dass sich die Schüler so geöffnet haben, freut die Lehrer um Sabine Albrecht ebenfalls sehr. Sie sind sich sicher, dass Autoren ein solches Thema noch durchdringender vermitteln könnten – zumal die Vermittlung durch Lehrer für Schüler etwas Altbekanntes sei.

Finanziert wurde die Lesung zu einem großen Teil vom Friedrich Bödecker-Kreis NRW. Dieser erhält Mittel vom Ministerium für Wissenschaft und Kultur.