BRASILIEN. Tobias Hückelhofen und seine Frau Ariane Marques haben in diesem Jahr alles zurückgelassen. Sie haben ihre Wohnung und Jobs gekündigt, ihr Hab und Gut auf das Notwendigste beschränkt, alles in einen Van gepackt, mit dem sie nun seit Oktober durch Brasilien reisen. Dort wollen sie nicht nur Land und Leute besser kennenlernen, sondern auch einen Dokumentarfilm über die Mobilität in Brasilien drehen (die NN berichtete). „Es ist eine unfassbare Erfahrung. Im Moment könnten wir uns gar nicht vorstellen, in unsere alten Jobs zurückzukehren und wieder sesshaft zu werden“, sagt Hückelhofen, der bereits 2012 nach Südamerika auswanderte und dort seine heutige Frau Ariane Marques – eine gebürtige Brasilianerin – kennenlernte. Gemeinsam schmiedeten sie den Plan vom großen Roadtrip, der in diesem Jahr beginnen konnte.

Dazu machte sich Hückelhofen selbstständig. Anfang 2020 gründete der gebürtige Gelderner mit seiner Frau das Portal ,Peabiru‘ für nachhaltigen Abenteuertourismus. „Wir stellen damit eine Plattform zur Verfügung, die es wanderlustigen Seelen und Abenteurern erlaubt, Gleichdenkende zu finden und ihre Reisen unvergesslich zu machen“, sagt der 33-Jährige. Auf dem Portal, das bisher nur in portugiesischer Sprache verfügbar ist und sich primär an Einheimische richtet, präsentieren sich mehrere Guides, die Touristen fernab des Massentourismus die Natur Brasiliens näherbringen möchten. Auch auf ihrer Reise arbeiten beide weiter an diesem Portal. Im Fokus steht aber der Dokumentarfilm, der ihnen dieses Abenteuer überhaupt erst ermöglicht. Denn mehrere deutsche Firmen aus der Automobilbranche sponsern das Ehepaar.

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Abendsonne in Pantanal.

Verspäteter Start

Unter anderem hat ihnen ein großer deutscher Autobauer den Van, der für ihre Zwecke umgebaut wurde und mit dem die beiden seit Oktober unterwegs sind, zur Verfügung gestellt. Er war allerdings auch der Grund, warum die beiden erst mit zweimonatiger Verspätung auf Reise gehen konnten. „Es fehlten noch Zulassungen und Papiere, die auf sich warten ließen. Statt wie ursprünglich geplant im August, sind wir daher erst am 3. Oktober losgefahren“, sagt Hückelhofen. Nach ihrem Deutschland-Aufenthalt im Sommer dieses Jahres ging es für die beiden am 31. August erstmal nach Sao Paulo zurück, wo sie erstmal bei Freunden unterkamen. Die plötzlich gewonnene Zeit nutzten sie für eine Reise nach Jalapao, wo die beiden ihre Arbeit am Dokumentarfilm begannen. „Dort gab es nur Sandwege. Das nächste Krankenhaus war eine siebenstündige Fahrt mit einem Bus, den die Gemeidne organisiert hat, entfernt. Ansonsten gab es nur kleinere Ärztehäuser. Für Schwangere bedeutet dies, dass sie erst im siebten Monat sieben Stunden lang mit dem Bus zum Krankenhaus fahren können, um einen ersten Ultraschall vornehmen zu lassen“, berichtet Hückelhofen.

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Zurück in Sao Paulo, wo beide viele Jahre gelebt haben, starteten sie am 3. Oktober ihre große Reise. Seitdem ist für sie jeder Wochentag gleich. „Wir achten eigentlich nur noch auf das Wochenende, wenn wir unseren Film drehen. Der Verkehr am Wochenende ist natürlich ruhiger als unter der Woche. Damit wir ihn wahrheitsgetreu abbilden, drehen wir dafür meistens unter der Woche. Ansonsten gibt es für uns aber kein wirkliches Wochenende mehr“, sagt Hückelhofen. Dafür seien die Tageszeiten entscheidender geworden. „Wir haben hier zwar zurzeit auch Winter, aber am Tag ist es trotzdem 36 bis 38 Grad warm. Im Van ist es dann unerträglich heiß. Also arbeiten wir morgens etwa von 6 bis 9 oder 10 Uhr und dann in den Abendstunden von 18 bis 21 Uhr. Dazwischen versuchen wir unterwegs zu sein oder eben zu fahren“, sagt Hückelhofen. Eine klassische Klimaanlage habe das Auto nämlich nicht. „Dies würde die Batterie nicht mitmachen. Wir haben aber einen Luftfilter im Auto“, sagt Hückelhofen.

Neuer Alltag

Abenteuer
Tobias Hückelhofen und seine Frau Ariane Marques sind in diesem Jahr zu einer Brasilien-Rundreise aufgebrochen.

Die ersten Wochen habe das Paar gebraucht, um sich in ihrem neuen Alltag zurechtzufinden. „Wir mussten uns erstmal an den wenigen Platz gewöhnen. Wir können zum Beispiel nur für zwei Tage einkaufen“, sagt der 33-Jährige, der in dieser Zeit vor allem eines gelernt habe: „Ich habe vor Beginn der Reise wirklich viel Zeit in die Planung gesteckt und versucht wirklich alles so detailliert wie möglich zu planen. Dabei geht das gar nicht, da man erst vor Ort sieht, wie die Gegebenheiten sind. Es gibt hier zum Beispiel nur sehr wenige Campingplätze. Meistens campen wir dadurch bei Bekannten oder auf Parkplätzen vor Hotels, die wir gefragt haben“, sagt Hückelhofen. Statt der ursprünglich angedachten 30 Tage planen die beiden nur noch die nächsten sieben Tage im Voraus. Dabei achten sie jedoch darauf, dass sie nur im Hellen fahren und nirgendwo erst abends im Dunkeln ankommen. „Das ist wichtig für unsere Sicherheit. Viele Straßen sind vor allem im Regen unbefahrbar. Zwei Mal sind wir bereits steckengeblieben – ein Mal konnten wir uns selbst wieder befreien; ein Mal mussten wir rausgeholt werden“, berichtet Hückelhofen. Seitdem würden sie darauf achten, bestimmte Straßen bei Regen zu umfahren oder gar nicht erst loszufahren und stattdessen an solchen Tagen lieber am PC zu arbeiten.

Einheimische in Rondonia

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Das Volk der „Surui Paiter“ haben die beiden in Rondonia kennengelernt.

9000 Kilometer haben die beiden bislang in Brasilien zurückgelegt. An ihrer geplanten Route haben sie dabei bis auf kleinere Änderungen festgehalten. In Rondonia haben sie etwa das Volk der „Surui Paiter“ in der Aldeia 7 de Septembre besucht. Ihre für sie bisher überraschendste Erkenntnis: „Die Menschen – selbst in den kleinen Dörfern – sind sehr gebildet und wollen sich sehr gerne weiterbilden. Wir haben sogar schon einen Hotelangestellten kennengelernt, der eigentlich Chemie studiert hat, aber in dem Beruf nicht arbeiten kann, weil es in seiner Region nur eine einzige Chemiefabrik gibt.“ Auch hier sei Mobilität ein bedeutsames Thema. Denn einfach von einem Ort zum anderen zu fahren, sei in Brasilien nicht so einfach möglich. „Die Städte liegen sehr weit auseinander. Hier muss man schonmal mehrere hundert Kilometer in die nächste Stadt oder in den Supermarkt zurücklegen“, sagt Hückelhofen. Die Einheimischen würden daher auch immer direkt für einen Monat im Supermarkt einkaufen.

Die geographischen Begebenheiten mache die Mobilität in Brasilien auch um eines schwieriger als in Europa. „Während man in Deutschland vielleicht noch die Wahl zwischen einem Verbrennungs- oder einem für die Umwelt besseren Elektromotor hat, ist das in Brasilien nicht der Fall. Bei einer Reichweite von 300 bis 400 Kilometer macht einen Elektromotor hier für niemanden einen Sinn“, sagt Hückelhofen. Da es auch keine öffentlichen Verkehrsmittel wie Busse oder Bahnen gebe, müsse der Klimaschutz in diesen Regionen hintenanstehen.

Eingeschränkte Mobilität

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Eine Straße in Jalapao.

Viele Brasilianer hätten jedoch gar kein Auto, da sie es sich nicht leisten können. „Es geht für sie ja nicht nur darum, überhaupt eines zu besitzen. Das, welches sie sich leisten könnten, bringt ihnen nichts. Sie bräuchten schon einen Pick-up mit Allradantrieb. Und der ist für die meisten finanziell nicht zu stemmen“, sagt Hückelhofen. Da es nur kleinere Busse, die man per Smartphone ruft, gebe, sei die Mobilität sehr eingeschränkt. Genau das möchten die beiden in ihrem Dokumentarfilm darstellen. „Auf unserer Reise werden wir Städte in allen 26 brasilianischen Bundesstaaten besuchen und ein Bild davon zeichnen, wie sich die Menschen und Güter bewegen. Wir beleuchten die Rolle verschiedener Verkehrsmittel, die Existenz von öffentlichem Transport und den Zustand der Infrastruktur. Mit Hilfe von unseren Beobachtungen, Filmaufnahmen und Interviews werden wir eine detailgenaue Studie erstellen“, sagt Hückelhofen.

Dazu führen sie einmal wöchentliche Interviews mit Einheimischen und führen an etwa drei bis vier Tagen in der Woche Dokumentaraufnehmen durch. Gleich an ihrem ersten Stopp haben sie etwa an einer Ratssitzung teilgenommen, in der es um eine Verkehrsbehörde ging. „Wir haben durch Zufall jemanden kennengelernt, der uns dem Bürgermeister vorgestellt hat. In Alcinopolis gibt es zurzeit noch keine Verkehrsbehörde. Das übernimmt der Staat“, sagt Hückelhofen.

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Auf ihrer Reise haben die beiden in Pantanal einen Jaguar gesehen.

Der Dokumentarfilm nimmt für beide derzeit die meiste Arbeit ein. Zwischen den Drehs versuchen sie, das Material zu sichten, gegebenenfalls zu löschen und vor allem zu sichern. Daneben arbeiten beide noch an ihrem Blog und für diverse Firmen, für die sie etwa Webseiten verfassen. Dadurch und mithilfe der Sponsoren ist ihre Reise finanziell abgesichert. Sie nehmen sich aber auch bewusst Auszeiten, in denen sie das Land erkunden. „Hier gibt es schöne Wasserfälle und atemberaubende Sonnenuntergänge, die ich zuvor noch nirgendwo so schön gesehen habe“, sagt Hückelhofen. Bis auf den Lobo Guara oder „Guara-Wolf“ hätten sie schon sämtliche einheimische Tiere wie Jaguars, Pumas und Tapire gesehen.

Trekking-Trip an Silvester

Fürs nächste Jahr haben sie sich vorgenommen, die Zeit noch bewusster zu genießen. „2021 war für uns der Anlauf, um uns einzuleben. Wir haben in jedem Fall gelernt, dass es sich lohnt, an Träumen festzuhalten und Dinge zu wagen. 2022 wollen wir nun einfach nur genießen“, sagt Hückelhofen. Das Paar nutzt dafür aktuell auch die Tage rund um Silvester und Neujahr für einen Trekking-Trip mit Zelt mit Bekannten in „Chapada dos Veadeiros“. „Wir wollten uns mal eine kleine Auszeit gönnen“, sagt Hückelhofen. Danach gehe es aber wieder mit voller Kraft weiter. Denn um den nächsten Jahreswechsel 2022/23 herum soll der Dokumentarfilm bereits fertig sein.