Stardust – Ballettpremiere in Düsseldorf

Ein Vorwort

Hat man es schon erlebt, dass der Vorhang sich öffnet und der Intendant auf der Bühne steht? Eigentlich hat sich nicht der Vorhang geöffnet – es war eine Seitentür, aber: da steht er – Christoph Meyer – und spricht über pandemische Widrig- und Wirklichkeiten. Da ist es wieder – das Wort der letzten Monate: eigentlich. Eigentlich war die Ballettpremiere ausverkauft. Es war ein corona-ausverkauft: 460 Plätze in einem Haus, das sonst megr als 1.200 Plätze anbietet.

Dann die Fahrplanänderung: Nur 250 Zuschauer dürfen kommen. Was soll man tun? „Unser wunderbarer Ballettdirektor Demis Volpi hat dann gesagt: ‚Lass uns doch die Premiere zwei Mal spielen.‘ Er hat die Compagnie gefragt und die Musiker: Alle haben ja gesagt.” Applaus brandet auf. „Wir haben hier eine tolle Mannschaft”, sagt Meyer. Natürlich: Was nützt die Bereitschaft der Tänzer und Musiker, wenn sie im Dunkeln spielen würden – wenn niemand die Türen öffnete – es keinen Ton gäbe? Man muss das erwähnen, weil es von Zumutungen einerseits (Zumutungen für das Haus) und Bereitschaften andererseits erzählt. „Wir hätten ja sonst die Hälfte von Ihnen nach Hause schicken müssen”, sagt Meyer. Applaus. Abgang. Der Abend beginnt. Maske auf und durch.

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Details

Es ist ein Abend der Kleinigkeiten – der Details: ein Aquarell aus Musik und Tanz – hingehaucht wie der Sternenstaub, der in Volpis Uraufführung „A Simple Piece” den Tänzern aus den Hosentaschen rieselt. „Far and near are all around” – der Titel des Abends. Es gibt kein Entkommen.

Ballett kann in diesen Tagen keine Großbaustelle sein: kein Orchester, keine Tanzszenen, in denen alle Tänzer auf der Bühne sind. Alles hier und jetzt gehorcht den Gesetzen der Pandemie. Kunst, denkt man, wäre nicht Kunst, wenn sie nicht zu reagieren in der Lage wäre. Hier und heute: die Kunst der kleinen Dinge, die nur vermeintlich klein sind. Ein Streichquartett bestimmt den ersten Teil des Abends. Nein – das reicht nicht aus: es ist ein phänomenales Streichquartett, das ein phänomenales Stück (Juanjo Arqués: Spectrum) Tanz begleitet. Was sich an Korrespondenz zwischen Tänzern auf der Bühne und den Musikern (Franziska Früh, Marina Peláez Romero, Ralf Buchkremer, Nikolaus Trieb) entwickelt, ist – so viel steht fest – am Ende mehr als die Summe der einzelnen Komponenten. Arqués demonstriert in seiner Choreographie, was in „kleiner Besetzung” möglich ist. Eine junge Compagnie findet zueinander. Findet Einsamkeit im Miteinander und in der Einsamkeit das Großeganze. Da tanzt eingangs einer vor einer Gaze; dahinter – wie ein Scherenschnitt: ein tänzerischer Widerpart. Kommunikation im Gedachten. Erst später öffnet sich der Raum und verschließt sich wieder. Irgendwie, denkt man, lässt sich, was uns derzeit umgibt, so abbilden. Die Krise tritt zur Momentaufnahme an.

Szene aus „Spectrum“. Foto; Bettina Stoess

Auch Pausen waren gestern. Wo man sonst das Foyer bevölkerte, ein Gespräch führte über Gesehenes und Kommendes, ist jetzt Musik: Noch einmal das Streichquartett: Noch einmal ein großes Miteinander.

Doppeloktett

Danach ein Doppeloktett: acht Tänzer, acht Vokalisten – die einen leibhaftig auf der Bühne, die anderen eingespielt als Tonkonserve. Es beginnt mit Sprache: „The Detail of the Pattern is Movement.” Das Detail des Musters ist Bewegung. „A Simple Piece” – ein Tanz für ein Permanentensemble: die acht auf der Bühne werden sich nicht trennen. Was sie erleben, erleben sie zusammen. Nicht alles, was zusammen erlebt wird, ist Gemeinsamkeit. Man muss den Blick schärfen für die kleinen Ausbrüche von Einzigartigkeit. Man muss immer wieder das Ensemblebild mit den Individuen abgleichen, um zu sehen, dass Gemeinsamkeit eben nicht Gleichschaltung ist. Man muss den Blick Schärfen für Kleinigkeiten – die Bewegungen, die zum Muster gehören und doch davon abweichen. Für den Sternenstaub, der den Tänzern aus den Hosentaschen rieselt, sobald sie ausbrechen aus dem Bewegungsminimalismus. Im Hintergrund die Musik von Carolin Shaw. Aber bitte: Was ist Hinter- – was Vordergrund? Auf beiden Seiten variieren sie das Minimale, das eben dadurch zum Universum wird. Was die beiden Programmhälften eint: die Kompaktheit der Besetzungen: das Streichquartett als Maschinenraum des Zusammenklang hier – das Tonuniversum der Klänge, die aus dem Nichts zu kommen scheinen dort. Was – vielleicht das einzige Wehrmutströpfchen des Abends – eine weitere Verbindung herstellt: Beide Musikquellen erscheinen diesen Tick zu lang, weil sie ihr Material auch dann noch ausbreiten, wenn es eigentlich verbraucht ist. Schwamm drüber. Nichts ist subjektiver als die Wahrnehmung.

Chapeau

Vielleicht ist „Far and near is all around” nichts für die Freunde des Theaterdonners. Man muss stillhalten können in diesem Abend, der alle Kraft aus dem Wenig saugt. Man muss den Hut ziehen vor dem Sieg des Kreativen über das fast unmöglich werdende. „Far and near is all around“ ist – die Kunst im Home-Office. Man muss – auch das soll gesagt werden – den Hut ziehen vor allen, die zwei Aufführungen hintereinander auf die Bühne bringen und vor allen, die im Hintergrund zur Maschinerie des Unsichtbaren gehören. Danke!

Aufführungsternine und Karten für „Far and near is all around“

Spectrum: