Applaus kauft keine Brötchen

LABBECK. Vielleicht wirkt das Portrait nicht verheerend genug. Da steht doch einer am Abgrund … irgendwie. Da bleiben dem noch acht Wochen bis zu dem Punkt, an dem die Zwangsversteigerung droht und damit irgendwie eine Art Erfolglosigkeitstestat der besonderen Art.

Ein Kreativer

Da sitzt der Mann – irgendwie gefasst, aber was soll er denn auch tun? Es reicht ja, mit dem inneren Eingeständnis morgens aufzustehen, den Tag damit zu verbringen und es abends wieder ins Bett mitzunehmen. Was gibt es zu gestehen? Vielleicht das: Jürgen Vogdt, Künstler. Immer gewesen. Ein Kreativer. Auch einer, mit dem auszukommen nicht immer einfach ist, aber Kunst und Künstler voneinander abzulösen ist nicht selten eine gute Idee.
Da sitzt einer auf dem Schaffen von rund 50 Jahren. Es mögen 10.000 Arbeiten sein oder das Doppelte. Ein Großteil davon: zum Niederknien. Aber das hilft nicht, wenn der Durchlauferhitzer Kunstmarkt die Umleitung eingeschlagen hat.
Jürgen Vogdt ist noch immer ein Mann mit Kreativgeist: Einer, der sich nach einem doppelten Herzinfarkt mühsam wieder ins Leben gekämpft hat. Rollstuhl zuerst, davor noch monatelang Intensivpflege – annähernd bewegungslos. Im Krankenzimmer hängte er Bilder auf. Die Botschaft: Ich lebe noch!

Zeichnen, zeichnen, zeichnen

Schon im Rollstuhl hat er, sobald das Elend einmal unaufmerksam war, mit dem Zeichnen angefangen – sozusagen im Rücken der Verzweiflung. Die Kunst hält einen wie ihn am Leben und das Leben hält ihn an der Kunst. Sie sind Siamesische Zwillinge – die Kunst und der Vogdt.

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Nein, das ist jetzt nicht der Punkt, an dem Mitleid gefragt ist. Das sieht auch Vogdt so. Es geht und ging nie um Mitleid. Es ging und geht um Anerkennung. Wertschätzung. Applaus kauft keine Brötchen. Dass Vogdt jetzt da ist, wo er ist, kann nicht als singuläres Produkt seiner Krankheit gesehen werden. Das weiß er selber.

Jürgen Vogdt: Maggischnitte. Foto: Rüdiger Dehnen

Endstation Container?

Vogdt und seine Frau haben keine Kinder, haben die 70 überschritten und so ganz nebenbei taucht für den Künstler die Frage auf: Was wird aus dem, was schnell hingesagt Lebenswerk genannt wird?
Endstation Container? Es geht zurück in den Durchlauferhitzer: Niemand muss sich Gedanken darüber machen, dass „einer von den Großen verloren geht“. Aber wann ist einer groß? Schnell ist man dabei, jenen Streifen Niemandsland zu bepflanzen, auf dem das Ungleichgewicht entsteht. Natürlich ist Vogdt kein Einzelfall, aber er ist der, den man kennt – Jahrzehnte schon. Plötzlich fühlt sich alles Schreiben wie ein Nachruf an auf einen, der noch am Leben ist. Vielleicht hat Kunst auch mit einem Traum zu tun – mit einer Idee. Es ist die Idee des Überlebens auf der Leinwand, auf dem Papier, in den Köpfen.

Kraft und Energie

„Du kommst nicht an die richtigen Leute ran“, sagt Vogdt. Gesucht: Ein Mensch mit Sinn für das, was Kunst ist und kann – für die Kraft und Energie, die in ihr wohnen.
„Stell dir vor, es gäbe da einen, der eine große Firma hat. Der würde den Laden hier kaufen und uns hier wohnen lassen. Am Ende würde all das ihm gehören. Stell dir vor, er würde dann eine Ausstellung machen und jedem seiner Angestellten sagen: ‚Such dir ein Bild aus.‘ Stell dir das vor.“

Was kostet ein Traum

Vogdt lächelt. Was kostet ein Traum? Vogdt ist, schaut man in seine Vita, kein Looser. Er ist einer, der groß denken kann und trotzdem vor einer Art Scherbenhaufen letzte Stellung bezogen hat. Man mag sich nicht vorstellen, wie sich diese Ungewissheit anfühlt. Längst steht fest: Da ist einer Passagier auf der Titanic, aber es steht nicht fest, ob er am Ende auf der Liste der Geretteten stehen wird oder auf der Opferliste. Vogdt, so viel steht fest, hat kein 1.-Klasse-Ticket. Er hat die Kunst. Kunst, so fühlt es sich an, hat einen Preis: auf beiden Seiten des Geschehens. Das Leben, denkt man, hat auf der Zielgeraden etwas mit Weitergabe zu tun. Am Schluss kommt einer und zeichnet ein Effizienzdiagramm. Die Energiebilanz wird erstellt. Es geht um die Frage, ob es ein Danach gibt – einen Erhaltungsfunken. Funken werden weitergegeben – Funken, die vielleicht ausreichen, an anderer Stelle eine Flamme zu entfachen.

Schnäppchenjäger

„Das Leben ist nicht fair. Es ist nur fairer als der Tod, das ist alles.“(William Goldman)

Der Gedanke an Kunst, die niemand haben will, ist der trostloseste Gedanke, der für einen Künstler vorstellbar ist. Haltstop: Das klingt wieder viel nach Mitleid. Vogdt sitzt in seinem Atelier: Ab und an klingelt das Telefon. Dass der Hof in Labbeck, auf dem Vogdt (noch) wohnt, demnächst in die Zwangsversteigerung geht, hat sich herumgesprochen und lockt Schnäppchenjäger an – Leute, denen die Kunst schlimmstenfalls herzlich egal ist.
Vogdt ist auf der Suche nach einem, der weiß, wie sich Besessenheit anfühlt und: der sich Besessenheit leisten kann. „Sieh dir die letzten Arbeiten an“, sagt er. Da liegt ein Stapel Papierarbeiten – jede für sich gut und stark genug, ein Rettungsanker zu sein. Wertvoll sind die allesamt. Eine Zeichnung ist mehr als Striche auf dem Papier, aber es braucht Menschen, die bereit sind, Künstler-Energie gegen Geld zu tauschen. Einer wie Vogdt ist nicht mit Spenden zu retten. „Wir würden auch, wenn etwas Passendes sich anböte, hier wegziehen und uns verkleinern“, sagt Vogdt – aber es muss Platz sein für die Kunst. „Du würdest ja auch deine Kinder nicht zurücklassen“, sagt Vogdt, wuchtet sich aus dem Rollstuhl und bringt mich zur Tür. See you. Vielleicht passt das Portrait nicht zum Untergang, aber irgendwie ist es wie bei den Stadtmusikanten: „… etwas Besseres als den Tod finden wir überall.“

Jürgen Vogdt: Auswandern kann ich nur, wenn ich hier bleibe.

 

NN-Foto: Rüdiger Dehnen