Das Aktivcenter-Programm bietet neben Bewerbungstrainings und Co. auch die Gelegenheit, in der Werkstatt zu arbeiten (v.l.): Julia Blind, Viola Polchow und Khadidjah Wasiq. NN-Foto: vs

NIEDERRHEIN. Das Coronavirus stellt viele Familien vor große Herausforderungen. Großeltern, die Alleinerziehende, berufstätige oder schlichtweg überlastete Eltern unterstützen könnten, sollen nach Möglichkeit nicht eingebunden werden. Zwar wechselt Nordrhein-Westfalen am Montag in der Kindertagesbetreuung von der erweiterten Notbetreuung in den eingeschränkten Regelbetrieb, doch für ältere Kinder bleibt es weiter offen, wann sie wieder ein geregeltes Schulleben führen können. Noch ist fraglich, ob nach den Sommerferien eine Rückkehr zum „Normalbetrieb“ überhaupt möglich ist.

Dass die Qualität des Homeschooling sehr von der jeweiligen Schule abhängt, weiß Viola Polchow aus eigener Erfahrung. Die alleinerziehende Mutter hat eine siebenjährige Tochter, die ins erste Schuljahr geht und einen elfjährigen Sohn, der die sechste Klasse einer Realschule besucht. „Anfangs war es entspannt, aber nach ein paar Tagen fing der Stress an“, sagt die 41-Jährige. Dem Jungen fehlte es an Motivation, mangelnde soziale Kontakte und der Wegfall des Sportangebots sorgten für zusätzlichen Frust. Zudem stieß Viola Polchow bei der Vermittlung neuen Lernstoffs an ihre Grenzen. „Lehrer können das einfach besser erklären“, findet sie. Gerade in den Hauptfächern müsse einiges aufgeholt werden, ist ihre Einschätzung. Seit Anfang Mai darf ihre Tochter in die Notbetreuung der Grundschule. „Dann werden die Hausaufgaben da schon erledigt und wir müssen nur ab und zu nachmittags noch etwas machen“, ist Polchow froh.

Zumal sie jetzt wieder Zeit findet, ihre eigene Zukunft in die Hand zu nehmen. Sie nimmt am Angebot „Aktivcenter Erziehende“ des SOS-Kinderdorfs Niederrhein teil. Das richtet sich an Frauen und Männer mit Kindern, die sich eine berufliche Perspektive aufbauen möchten. „Seit drei Wochen können wir uns wieder treffen. Davor war nur telefonischer oder medialer Kontakt möglich“, ist auch Sozialpädagogin Julia Blind erleichtert. Sie betreut im Aktivcenter viele Eltern, überwiegend sind es Mütter, deren Alltag sich in den zurückliegenden Wochen ausschließlich um die Kinder gedreht hat. „Da bleiben die eigenen Ziele leider auf der Strecke“, weiß sie.

Mit fünf Kindern auf engem Wohnraum

Das kann Khadidjah Wasiq (39), Mutter von fünf Kindern, absolut bestätigen. Der Nachwuchs ist 3, 5, 9, 10 und 14 Jahre alt und hat sie rund um die Uhr gefordert. Während ihr Mann gearbeitet hat, blieb sie in dieser Situation überwiegend auf sich allein gestellt. „Wir haben nicht so viel Platz und durften ja auch nicht raus auf den Spielplatz“, erklärt Wasiq. Die älteren Kinder konnten sich schlecht konzentrieren, es kam immer wieder zu Streit unter den Geschwistern. Einige Schulen haben Arbeitsblätter ausgedruckt und verteilt – andere Schulen haben sich auf das Verschicken von Mails mit zigseitigen Anhängen beschränkt. Weil Familie Wasiq im Moment keinen funktionierenden Drucker hat und die Geschäfte zunächst auch geschlossen waren, blieb der Fünffach-Mutter nur das SOS-Aktivcenter als Anlaufstelle.

Doch mit dem ausgedruckten Material in Händen lief es auch nicht unbedingt rund. „Das sind zum Teil wirklich viele Hausaufgaben“, sagt Khadidjah Wasiq. Die Familie kommt aus Afghanistan, Deutsch ist nicht ihre Muttersprache. „Bei manchen Fragestellungen wusste ich nicht weiter“, sagt sie. „Da hätte ich schon gern einen Lehrer angerufen und nachgefragt.“ Eine Telefonnummer gab es aber nicht. Unterstützung hätte sie auch beim Einrichten der Videokonferenzen benötigt. Die fanden mitunter statt. „Aber ohne uns“, sagt sie. Zwischenzeitlich sei sie derart frustriert und gestresst gewesen, „da hätte ich nur noch schreien können“. Ständig habe sie die Sorge umgetrieben, wie es mit der Schule weitergehen soll und ob ihre Kinder dem Ganzen gewachsen sind.

Trotzdem will sie nicht nur das Negative sehen. „Auch wenn es schwere Zeiten sind, hat es auch gute Dinge mit sich gebracht“, sagt sie. So habe sie von vielen Familien gehört, denen es durchaus gut tut, mehr Zeit miteinander zu verbringen. Zumindest sind dank der Hilfe von Julia Blind die beiden Jüngsten seit Mai in der Notbetreuung. „Das war nicht so einfach, weil Khadidjah nicht alleinerziehend ist“, sagt Blind. „Für sie war es aber trotz aller Anstrengungen zuhause auf kleinem Raum absolut nicht mehr leistbar“, ist Blind überzeugt.

Grenze der Belastbarkeit

„Ich weiß, dass viele Familien in den letzten Wochen an die Grenze ihrer Belastbarkeit gekommen sind und vielen Kindern ohne frühkindliche Bildung täglich Chancen genommen werden“, erklärte NRW-Familienminister Joachim Stamp mit Blick auf die Kita-Öffnungen. Die Phase des eingeschränkten Regelbetriebs ist zunächst bis zum 31. August vorgesehen. Mitte August will man über die nächsten Schritte entscheiden. Nach dem mehrwöchigen Ausfall des Schulunterrichts fordern Elternverbände aktuell Betreuungsangebote für Schulkinder in den Sommerferien. Außerdem sind beim Oberverwaltungsgericht des Landes NRW mehrere Klagen eingereicht worden, die sich auf das Recht auf Bildung stützen und mehr Präsenzunterricht einfordern.

Eltern und Kinder im Rollenkonflikt

„Der Rollenkonflikt wurde mit der Zeit immer deutlicher“, ist eine Erfahrung, die Marlies Tenbruck in den zurückliegenden Wochen gemacht hat. Die Erzieherin ist beim SOS-Kinderdorf Teil des Teams Ambulante Erzieherische Hilfen und kümmert sich im Auftrag der Jugendämter um Familien in psycho-sozialen Problemlagen. Überwiegend hat Marlies Tenbruck mit alleinerziehenden Müttern zu tun. „Viele haben die Herausforderung angenommen und ihre Kinder gut begleitet, obwohl sie selbst vorbelastet sind und eigene Probleme haben, mit denen sie sich befassen müssten“, weiß Tenbruck.

Trotzdem wurden mittlerweile viele Kinder in die Notbetreuung vermittelt. Ausschlaggebend dafür sei zum einen die Dauer des Ausnahmezustands. Zum anderen biete die „Doppelrolle“ – Eltern und gleichzeitig Lehrer sein – sowohl für die Eltern als auch für die Kinder reichlich Konfliktpotential. „Am Anfang waren es ja „nur“ Hausaufgaben, aber dann ging es irgendwann auch darum, neuen Stoff zu vermitteln – das ist nicht für alle Eltern einfach“, gibt Tenbruck weiter zu bedenken. Die Öffnung der Notbetreuungsplätze für Kinder von Alleinerziehenden war aus ihrer Sicht überfällig. „Man darf nicht vergessen, was die Mütter in den Wochen davor schon geleistet haben“, betont sie.

Dass viele Kinder im nächsten Schuljahr auf Unterstützung angewiesen sein werden, davon ist Marlies Tenbruck überzeugt. Das fange mit fehlender technischer Ausstattung innerhalb der Familien an und setze sich beim sehr unterschiedlichen Umgang der Eltern mit dem Homeschooling und auch mit dem Engagement der Schulen fort. „Viele Kinder sind jetzt klar benachteiligt. Da muss hingeschaut werden“, sagt sie.

Eine Übersicht über die vielfältigen Hilfen des SOS Familienzentrums gibt es hier.