Kindesmissbrauchsprozess: „Er hat Vertrauen missbraucht“

Im Prozess wegen Kindesmissbrauchs gegen einen Sozialpädagogen sagten sein Neffe und Betreuer aus

KLEVE/KEVELAER. Als der heute 29 Jahre alte Neffe seine Aussage im Kindesmissbrauchsprozess vor dem Klever Landgericht tätigt, wirkt er gefasst. Jedes Wort, das er sagt, ist wohl gewählt. Seinen Onkel, einen 50-jährigen Sozialpädagogen und Filmemacher aus Kevelaer, würdigt er dabei keinen Blickes. Er soll den 29-Jährigen als Kind mehrfach sexuell missbraucht haben. Insgesamt werden dem Kevelaerer 52 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern – darunter elf Fälle von schwerem sexuellen Missbrauch eines Kindes – vorgeworfen. Neben seinem Neffen soll er auch Kinder zwischen 2013 und Sommer 2019 im Rahmen von Ferienlagern und einer Klassenfahrt sexuell missbraucht haben. Bereits am ersten Prozesstag gestand der heute 50-Jährige im Wesentlichen die Taten (die NN berichtete). Den Besitz von kinderpornographischer Schriften, die bei ihm laut Anklage gefunden worden, stritt er allerdings ab.

Kindesmissbrauchsprozess
Der Angeklagte wurde im Juli 2019 verhaftet und steht nun vor Gericht. NN-Foto: sp

Unterschiedliche Angaben machte der Sozialpädagoge allerdings zu der Häufigkeit der Vorfälle. Während sein Neffe von „bestimmt 60 bis 65 Malen“ zwischen den Jahren 1998 bis 2002 sprach, sagte der Angeklagte, dass es zwischen 1998 und 2001 zu etwa 20, 25 sexuellen Kontakten mit dem damals Acht- bis Elfjährigen gekommen sei. Bis zu einem weiteren Vorfall im Sommer letzten Jahres, bei der die Lagerleitung des damaligen Ferienlagers die Polizei informierte, habe sich der Neffe, wie er selbst aussagte, niemanden anvertraut. „Ich hatte die Sorge, dass er sagt: Weis‘ mir das mal nach. Ich alleine habe mich das nicht getraut“, begründete der 29-Jährige. Auch habe sein Onkel ihn mit der psychischen Drohung, dass er, wenn er alles erzählen würde, die Familie zerstöre, unter Druck gesetzt. Er habe jedoch schon früh gemerkt, dass irgendwas nicht stimme und es nicht okay sei, was sein Onkel mache.

Neffe setzte Frist

Am Tag, als sein Onkel aufgrund eines weiteren Vorfalls einen Tag eher aus einem Ferienlager zurückkehrte, habe seine Tante – die Ehefrau des Angeklagten – seine Eltern besucht. Sie sei noch ahnungslos gewesen. „Ich habe dann gesagt, dass ich mir durchaus vorstellen kann, worum es geht“, berichtete der 29-Jährige in seiner Aussage im Kindesmissbrauchsprozess. An diesem Tag habe er sich zum ersten Mal seiner Familie anvertraut. Gemeinsam mit der Ehefrau des Angeklagten sei er anschließend zu dem 50-Jährigen nach Hause gefahren. Ihm habe er gesagt, dass er erzählen solle, was vorgefallen sei. Zudem habe er ihm eine Frist gesetzt, in der er sich selbst bei der Polizei anzeigen solle. „Ich wollte den anderen Opfern die Möglichkeit der Gerechtigkeit geben. Für Opfer ist das wichtig, damit der Prozess der Verarbeitung beginnen kann“, sagte der Neffe.

„Er weiß wie Kinder funktionieren“

Auch zu dem Angeklagten selbst fand der Neffe deutliche Worte. Man könne an ihm sehen, dass eine Fassade nicht alles sei. „Er ist kein ungebildeter und dummer Mensch. Als Sozialpädagoge wusste er ganz genau, was solche Dinge bewirken. Er weiß, wie Kinder funktionieren. In meinen Augen hat er sich das zu Nutze gemacht. Er hat Vertrauen aufgebaut und dann missbraucht“, sagte der 29-Jährige.

Am Dienstag sagten zudem mehrere betroffene Kinder vor der Jugendschutzkammer des Klever Landgerichts aus. Zu ihrem eigenen Schutz fanden diese Befragungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Darüber hinaus wurden am Dienstag jedoch auch noch Betreuer vom Ferienlager im Sommer 2019 befragt. Einer von ihnen berichtete, wie in einer Nacht ein Junge zu ihm gekommen sei und ihm berichtet habe, dass sich der Angeklagte „auf ihm einen runtergeholt habe“. „Ich war total perplex und habe nur gedacht: Das kann nicht sein“, sagte der Zeuge im Kindesmissbrauchsprozess.

Ein weiterer Junge beobachtete Vorfall

Der Junge habe jedoch erzählt, dass ein weiterer Junge den Vorfall ebenfalls beobachtet habe. Außerdem sei im Zelt etwas gewesen. An einer dort gefundenen Jacke habe der Betreuer dann tatsächlich Sperma gerochen. Ein weiterer Betreuer habe den Angeklagten geweckt. Dieser sei, wie beide Betreuer einstimmig berichteten, schläfrig aus seinem Zelt getorkelt. Beide hätten den Eindruck gehabt, dass er sich zuvor im Tiefschlaf befunden habe. Angesprochen auf die Vorwürfe habe er alles abgestritten.

Verein wird aufgelöst

Ein weiterer Zeuge, der unter anderem gemeinsam mit dem Angeklagten im Rahmen eines Vereins die regelmäßigen Ferienfreizeiten mit Fahrradtouren organisierte, sagte aus, dass er nie etwas gemerkt habe. „Wir haben immer nur positives Feedback erhalten. Ich stand voll hinter diesem Verein und hinter diesem Projekt“, sagte der Zeuge. Er selbst habe den Beschuldigten mit einem Vereinskollegen am Tag nach seiner Wiederkehr vom Ferienlager besucht und ihn auf die Vorwürfe angesprochen. „Er hat alles abgestritten. Ich hatte aber den Eindruck, dass er in einer schlechten Verfassung war und er die Ausmaße, dass es für ihn eine Katastrophe ist, erkannt hat“, sagte der Zeuge. Der Verein werde nun aufgelöst. Während dieser Aussage weinte der Angeklagte leise.

Auffällig sei im Nachhinein gewesen, dass auf den Filmen des Angeklagten überwiegend Jungs und oft auch die selben Jungs zu sehen gewesen seien. „Meine Tochter und andere Mädchen haben schonmal gefragt, warum sie denn nicht gefilmt werden“, sagte der Zeuge. Auch habe es Kinder gegeben, mit denen er ein vertrautes Verhältnis gehabt habe. Auffällig sei das aber zu dem Zeitpunkt nicht gewesen.

Prozess wird fortgesetzt

Der Sozialpädagoge sitzt seit Juli 2019 in Untersuchungshaft. Die Mindeststrafe bei schwerem sexuellen Missbrauch von Kindern liegt bei zwei Jahren. Die Taten können mit einer Freiheitsstrafe von bis zu 15 Jahren bestraft werden. Der Kindesmissbrauchsprozess wird am Freitag, 28. Februar, fortgesetzt. Dann soll auch ein Urteil gesprochen werden.