"Team Stadttheater Emmerich: Sabine Sdrenka, Sabine Boers, Andrea Joosten, Gruppenfoto, Theatermitarbeiter"
27. Juni 2026 · Emmerich

„Wir mussten Rollstuhlfahrer über Stufen tragen“: Deshalb wird das Stadttheater Emmerich jetzt umgebaut

Kulturchefin Andrea Joosten erläutert, warum Barrierefreiheit der eigentliche Auslöser für die Maßnahme war und was Besucher künftig erwarten dürfen. Erster Blick auf das Programm in der Übergangsspielzeit 2026/2027.

EMMERICH. Der letzte Vorhang im Stadttheater Emmerich ist gefallen, die Theatersaison 2025/2026 beendet. Gleichzeitig war es der Startschuss für den großen Umbau des Stadttheaters. In der anstehenden Spielzeit 2026/2027 ziehen die Produktionen und Gastspiele ab September deshalb in die Aula der Gesamtschule und ins PAN Kunstforum um. Im NN-Interview spricht Andrea Joosten, Leiterin der Emmericher Kulturbetriebe, über den Umbau, die „Übergangssaison“, die Programmplanung sowie kommende Highlights.

Frau Joosten, die Theatersaison 2025/2026, die letzte vor dem großen Umbau des Emmericher Stadttheaters, ist beendet. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Andrea Joosten: Gut, wenn man auf das Finanzielle schaut. Als wir den gesamten Ablauf geplant hatten, gingen wir ja davon aus, dass wir bereits in dieser Saison das Theater umbauen würden. Das heißt, wir hatten deutlich weniger Mittel, also deutlich weniger Einnahmen eingeplant. Von daher konnte es nur ein Gewinn sein, dass wir gespielt haben. Aber sie ist insgesamt gut gelaufen, obwohl die Verkaufszahlen bei den Sonderveranstaltungen ein bisschen eingebrochen sind.

Weshalb?

Joosten: Die Menschen schauen einfach mehr aufs Geld gucken. Wir haben drei Säulen: Unser Abo, das ziemlich günstig ist, die Sonderveranstaltungen, die zusätzlich zu den Abo-Veranstaltungen stattfinden, bei denen wir auch Veranstalter sind, aber andere Preise nehmen können, sowie die Mietveranstaltungen, bei denen sich externe Veranstalter im Theater einmieten. Bei unseren Sonderveranstaltungen haben wir gemerkt, dass die Menschen genauer hinschauen, nicht mehr so schnell buchen. Glücklicherweise mussten wir keine Veranstaltungen absagen. Das betraf nur die Mietveranstaltungen. Dennoch: Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit der Saison.

Ohne Umbau hätte die Schließung gedroht

Wie wichtig ist es, dass jetzt der Umbau erfolgt?

Joosten: Der ist enorm wichtig. Würden wir jetzt nicht umbauen, hätte es sein können, dass das Theater vom TÜV geschlossen wird, weil die Technik einfach nicht mehr den Ansprüchen genügt – schon gar nicht im Bereich der Brandschutzklappen und Brandschutzvorsorge. Daher ist es wichtig, dass das Gebäude saniert wird.

Der Brandschutz ist das eine große Thema, das zweite ist die Barrierefreiheit.

Joosten: Die Barrierefreiheit ist der eigentliche Anstoß gewesen und für uns auch das Wichtige. Wobei ich immer von Barrierearmut spreche, denn völlig barrierefrei werden wir sicher nie werden. Jedenfalls war dies der Ausgangspunkt, weshalb über einen Umbau nachgedacht wurde. Wir bekommen nach dem Umbau auf jeden Fall Rollstuhlplätze, die von den Rollstuhlfahrern auch selbstständig angefahren werden können. Bisher mussten wir die Rollstuhlfahrer tatsächlich über ein paar Stufen in den Saal tragen – das ist natürlich nicht sehr menschenwürdig. Der zweite Punkt, an dem wir barriereärmer werden, ist für die hörgeschädigten Menschen. Es gibt inzwischen Normen, dass in öffentlichen Gebäuden für Menschen, die nicht mehr gut hören können, Hilfsmittel eingebaut werden. Das kann man heute technisch ganz leicht umsetzen. Das geht über Bluetooth. Wir werden ein System einbauen, bei dem sich Menschen mit einem Hörgerät oder Implantat dort mit ihrem Smartphone einloggen können. Sie erhalten von uns ein Passwort und können dann einfach die Sprache besser verstehen. Was mich fasziniert ist, dass sie sogar die Sprache dann besser verstehen können, wenn die Schauspieler überhaupt kein Mikro haben – was im Theater oft der Fall ist.

Auch die Klimatisierung war ein Thema.

Joosten: An der Klimatisierung wird ebenfalls etwas gemacht, aber das werden die Menschen kaum spüren. Denn die Klimaanlage ist gestrichen worden. Aber die Zuluft und diese ganze Lüftungsanlage werden erneuert.

Die „schönen roten Sitze“ bleiben erhalten

Wie sieht es mit den Sitzplätzen aus?

Joosten: Das wurde ich zuletzt tatsächlich oft gefragt: Sie haben doch so schöne rote Sitze, was passiert damit?

Und Ihre Antwort?

Joosten: Überhaupt nichts! Das bleibt alles so, wie es ist. Die Sitze werden auch nicht abmontiert, sie werden während der Restaurierungsarbeiten abgedeckt. Auch der Fußboden, dieser wirklich besondere Steinboden im Foyer, bleibt erhalten.

Das heißt, die Sitzplatzanzahl bleibt ebenfalls unverändert?

Joosten: Ja. Wir haben überlegt, etwas zu verändern, denn die Sitzreihen sind ja recht eng, gerade für Menschen mit langen Beinen. Aber dann hätten wir jede zweite Reihe rausnehmen müssen und so nur noch knapp 300 Plätze gehabt. Das ist erstens für die Kalkulation schwierig, und zweitens bekommt man viele Produktionen dann auch gar nicht mehr. Denn manche Produktionen, die wir gerne nach Emmerich holen würden, kommen nur in Häuser, die mehr als 700 Plätze haben – zum Beispiel „Die drei ???“. Mit unseren etwa 550 Plätzen sind wir schon gut bestückt, aber würden wir noch weiter runtergehen, würden wir viele Theaterstücke überhaupt nicht mehr präsentieren können, und das wollen wir ja nicht.

Erste Hürde genommen: Stadttheater ist geräumt

Haben die Arbeiten bereits begonnen?

Joosten: Ja, die erste Hürde haben wir bereits genommen – und die war gar nicht so klein. Das war der Auszug aus dem Theater: Wir mussten es in nur drei Tagen komplett leerräumen. Wir haben es geschafft, aber es war ein Kraftakt. Aber hätte es da schon gehakt, hätten wir wahrscheinlich einen Dominoeffekt gehabt, der sich auf den kompletten Zeitplan ausgewirkt hätte.

Wann sollen die Arbeiten abgeschlossen sein?

Joosten: Sie laufen bis Ende August 2027, so dass wir im September wieder ins Stadttheater können. Wir haben uns aber noch ein bisschen Puffer gelassen mit dem Programm, an dem wir für 2027/2028 bereits fleißig arbeiten.

Zuvor haben wir aber die Spielzeit 2026/2027 – mit neuem Programm und vor allem mit neuen Spielorten.

Joosten: Ja, wir weichen zum einen in die Aula der Gesamtschule aus, zum anderen in den Multifunktionsraum im PAN Kunstforum. An beiden Standorten haben wir die entsprechende Technik, in der Aula auch eine Bühne. Was anders ist und was sicherlich für die Besucher auch nicht ganz so komfortabel ist, ist, dass die Plätze nicht nummeriert sind. Das hat man natürlich im Theater, das können wir jetzt aber nicht leisten. Zudem sitzt man auf einer Ebene, während man im Emmericher Theater diese ansteigenden Ränge hat. Das ist natürlich angenehmer. Dafür ist man aber in der Aula der Gesamtschule näher an der Bühne und so näher dran an den Stars. Ich glaube, das ist auch schön und wird eine andere, eine besondere Atmosphäre sein.

Wie schwierig war es, das Programm für diese „Übergangssaison“ zusammenzustellen?

Joosten: Das war nicht ganz leicht. Wir mussten bei jeder Produktion genau abklären, was vor Ort überhaupt möglich ist. In der Aula der Gesamtschule ist die Bühne kleiner, und es gab Produktionen, die gleich gesagt haben: Das geht nicht, wir können das Stück nicht so weit reduzieren, wir können auch das Bühnenbild nicht so klein machen. Der zweite Punkt ist, dass wir in der Gesamtschule keine Backstage-Räume haben. Wir haben zwar einen kleinen Raum, in dem sich die Schauspieler umziehen können, aber keine Künstlerkabinen, wie wir sie im Theater gewohnt sind. Das heißt, wir können keine Produktion mit zehn oder 20 Schauspielern da unterbringen. Ich bin dennoch ein bisschen stolz, dass wir trotzdem ein, wie ich finde, sehr schönes und gutes Programm fürs Publikum gefunden haben.

Zwei besondere Highlights in der neuen Theatersaison

Gibt es die eine oder andere Produktion, auf die Sie sich besonders freuen – speziell unter dem Aspekt der Ausweichstandorte?

Joosten: Ja, zwei gibt es tatsächlich. Zum einen „Kröten in Not“. Wir haben lange überlegt, ob wir das bringen können oder nicht. Irgendwann haben wir aber gesagt: So, wir probieren es jetzt – und es hat geklappt. Tatsächlich ist es im Moment auch das Stück, das am meisten gebucht wird bei den Wahlabos. Das ist für uns auch schön, denn es war ein Wunschstück von uns, bei dem wir dachten, dass es eigentlich den Nerv der Zeit trifft.

Weshalb?

Joosten: Da steckt vieles drin. Ein bisschen Spannung, ein bisschen Familie, es geht ums Geld und um Enkeltricks. Letzteres ist aktuell wirklich ein Thema hier am Niederrhein. Das zweite Stück, bei dem ich mich sehr freue, dass wir es bekommen haben, ist „Pater Brown“. Das ist ein sehr besonderes Stück, in dem mit Antoine Monot und Wanja Mues zwei wirklich bekannte Schauspieler auftreten. Die beiden machen etwas sehr Besonderes: Sie führen diesen Fall von Pater Brown als Hörspiel auf. Das hört sich erst mal unspektakulär an, aber sie machen das zusammen mit jemandem, der die Hintergrundgeräusche macht – live auf der Bühne.

Gibt es auch wieder ein Programm für Kinder?

Joosten: Ja – und ich habe noch ganz naiv gedacht: Dann gehen wir doch mit den Kinderstücken ins Pan, das dürfte nicht so schwierig sein. Aber: Pustekuchen! Die Kinderstücke benötigen oft eine wirklich große Bühne für ihre teils riesigen Bühnenbilder und die ganze Technik. Wir haben jetzt Kinderstücke bekommen, die auch toll sind, aber ich hätte nicht gedacht, dass es bei den Kinderstücken am schwierigsten wird.

Neuer Flyer für die Spielzeit 2026/2027 in Emmerich

Wann erscheint der neue Flyer mit dem kompletten Theaterprogramm für 2026/2027?

Joosten: Anfang bis Mitte Juli. Darin sind dann auch die Sonderveranstaltungen aufgeführt. Eine kann ich schon nennen: Patrick Nederkorn. Ich glaube, er trifft auch hier in Emmerich den Nerv. Er nimmt auf seine ganz eigene Art das Verhältnis zwischen den Niederländern und den Deutschen aufs Korn. Er kommt im Oktober in die Gesamtschule.

Wie sieht es bei den Abo-Preisen aus?

Joosten: Wir haben wirklich lange hin- und herüberlegt, wie wir das machen. Letztlich haben wir entschieden, das Kabarett-Abo durchlaufen zu lassen, aber bei freier Platzwahl. Den Abonnenten unseres Theater-Abos haben wir angeboten, es für ein Jahr ruhen zu lassen; in dieser Zwischenzeit können sie ein Wahlabo abschließen und sich aussuchen, ob sie drei oder fünf Stücke sehen wollen. Und das natürlich bei angepassten Preisen. Was uns besonders freut: Uns sind mehr Abonnenten treu geblieben, als wir vermutet hatten.

Können Sie bereits einen kleinen Ausblick auf die Theatersaison 2027/2028 werfen? Sie sagten ja, dass die Planungen bereits laufen.

Joosten: Da möchte ich noch nichts verraten. Das kann man erst, wenn man eine Saison wirklich komplett durchgeplant hat. Wir versuchen natürlich wieder, möglichst gute Produktionen zu bekommen, mit denen wir den Nerv der Emmericher treffen. Und wir möchten, das ist mein Wunsch, auch mit einem Knall wieder anfangen. Also mit einem ganz besonderen Stück.

Derzeit hat Emmerich keinen Theaterleiter. Gibt es da neue Entwicklungen?

Joosten: Die Stelle war ausgeschrieben, das Verfahren ist noch nicht beendet, da kann ich also noch nichts zu sagen.

Wie sehr freuen Sie sich darauf, wenn die Stelle wieder besetzt sein wird?

Joosten: Das sehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits bin ich sehr, sehr gerne fürs Theater zuständig. Mir macht das auch richtig viel Spaß. Andererseits es ist einfach, neben allem anderen, viel zu viel – deshalb bin ich auch froh, wenn ich dann wieder entlastet werde.

Ein Team fürs Stadttheater Emmerich: Sabine Sdrenka, Sabine Boers und Andrea Joosten (v. l.). NN-Foto: (Archiv) Michael Bühs