Am 16. Januar beginnt im Museum Kurhaus die Reihe der Winterlesungen. NN-Foto (Archiv): RD
13. Januar 2025 · Kleve

„Wendepunkte – Von der Freiheit der Wahl“

Auftakt der Winterlesungen im Museum Kurhaus mit Ernest Hemingway

KLEVE. Jeder hat solche Situationen schon erlebt: Entscheidende Momente und Weichenstellungen im persönlichen und gesellschaftlichen Bereich, nach denen nichts mehr so ist wie vorher. Ob man diese Entscheidungen selbst herbeigeführt hat, ob sie von „höheren Mächten“ verhängt oder von repressiven Gewalten erzwungen wurden, ist im konkreten Fall immens wichtig und hat doch immer eine Neuausrichtung oder auch das Ende des bisherigen Lebens zur Folge.

In Kunst und Literatur spielen solche Entscheidungssituationen eine zentrale Rolle, lassen sich in ihnen doch die Konditionen des Menschseins wie in einem Brennspiegel erkennen und exemplarisch gestalten. In den diesjährigen Winterlesungen im Museum Kurhaus werden die Vortragenden in bewährt individueller Weise durch Auswahl und Interpretation ihrer Stoffe höchst anregende Angebote entwickeln und – nicht ganz zufällig im Vorfeld der nächsten Bundestagswahl – von ihrer Freiheit der künstlerischen Wahl berichten.

Los geht es am Donnerstag, 16. Januar, mit Harald Kunde und „Ernest Hemingway: Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber (1929)“. Der Museumsdirektor eröffnet traditionell den Reigen der Winterlesungen, diesmal mit einer bekannten und aus heutiger Sicht doch auch erklärungsbedürftigen Short Story des amerikanischen Nobelpreisträgers (1899-1961). Wie so oft bei Hemingway geht es auf den ersten Blick um Wandlungsprozesse vom Schicksalsfeigling hin zu einer angstfreien Männlichkeit. Am Beispiel einer Großwildjagd im afrikanischen Kenia der 1920er Jahre schildert der Autor dabei eine diffizile Dreieckskonstellation zwischen dem vermögenden, langjährigen Ehepaar Francis und Margot Macomber und dem professionellen Auftragsjäger Robert Wilson. Vor, während und nach der heute als bestialisch empfundenen Tierhatz auf Löwe und Büffel geraten alle drei auf dramatisch unterschiedliche Weise in Entscheidungszwänge einer unumkehrbaren Selbstbegegnung…

Der nächste Donnerstag, 23. Januar, wird von Hubert Wanders gestaltet. Er widmet sich „Lea Ypi: Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte (2021)“. Lea Ypi (geboren 1979) erzählt von ihrer geborgenen Kindheit und Schulzeit in Albanien, gibt Einblicke in den Alltag der kommunistischen Zeit und lässt den Leser teilhaben an den Gefühlen einer Elfjährigen beim Sturz des alten Regimes in 1991. An diesem Wendepunkt erfährt sie auch Fakten aus der Vergangenheit ihrer eng mit der Geschichte Albaniens verbundenen Familie, die ihr bis dahin verschwiegen wurden. In diese autobiografische Erzählung verwebt die Autorin ihre philosophischen Gedanken über unterschiedliche Formen der Freiheit. Hubert Wanders stellt dieses Buch von Lea Ypi vor, dass Die Zeit als ein „leuchtendes Memoir über ein vergessenes Stück Europa“ beschrieb, und ergänzt dies durch Albanien-Bilder aus verschiedenen Zeiten.

Am 30. Januar spricht Oliver Locker-Grütjen zum Thema „Corona und die Kunst – Wie das Coronavirus die Kunstwelt beeinflusst hat und dies noch tut?“ Die Coronakrise traf auch den Kunst- und Kulturbereich schwer: Distanz zu halten wo eigentlich Nähe erwünscht ist, war gerade hier schwer einzuhalten und oft nicht möglich. Geschlossene Museen, Theater oder abgesagte Konzerte trafen insbesondere frei arbeitende Künstler, die auf Publikum angewiesen sind und deren Kunst sich nicht einfach ins Digitale verlegen lässt. Dort, wo es möglich war und Kulturschaffende auf digitale Zwischenlösungen umschwenken konnten, werden diese vermutlich Teil der Kultur- und Kunstszene bleiben und sie ergänzen. Diese Winterlesung beschäftigt sich damit, wie es war zu Zeiten der Pandemie heute im Jahre 2 a. C. (ante Corona), wie es weitergeht und was aus dem Kunst- und Kulturbetrieb geworden ist. Welche Perspektiven bieten sich in Zukunft?

Am 6. Februar spricht Anne-Katrin Kunde über „Victor Klemperer: Die Tagebücher“. „Ich war meines Deutschtums, meines Europäertums, meines Menschentums, meines zwanzigsten Jahrhunderts so sicher. Das Blut? Rassenhaß? Heute doch nicht, hier doch nicht – in der Mitte Europas! Auch Kriege waren nicht mehr zu erwarten, in der Mitte Europas nicht...“, formuliert Victor Klemperer rückblickend auf sein Lebensgefühl vor der Zeit des Nationalsozialismus. Der Machtantritt Hitlers sollte für ihn, den Professor für Romanistik an der Technischen Universität Dresden und konvertierten Juden jedoch einen jähen Wendepunkt darstellen. Alles bisher Erlangte, seine Existenz und wissenschaftliche Karriere brachen zusammen. Während ihm seine bürgerlichen Rechte sukzessive beschnitten wurden, war er gezwungen, ein immer eingeschränkteres, bedrohtes Leben zu führen. Nur die Ehe mit seiner nichtjüdischen Frau bewahrten ihn vor Deportation und Tod. Während all dieser Jahre dokumentierte er die Ereignisse seiner Zeit sowohl mit Blick auf politische Ereignisse, als auch private Begebenheiten in seinen Tagebüchern, um so zum „Kulturgeschichtsschreiber der gegenwärtigen Katastrophe“ werden zu können. Das Tagebuchschreiben wurde für ihn, wie auch für andere Intellektuelle zur Überlebensstrategie. Am 13. Februar beschließt Ludger Kazmierczak die Reihe der Winterlesungen.

Die Lesungen finden jeweils am Donnerstag um 19.30 Uhr in der Lounge des Museum Kurhaus Kleve statt, der Eintritt beträgt fünf Euro (ermäßigt und für Mitglieder des Freundeskreises drei Euro).

Am 16. Januar beginnt im Museum Kurhaus die Reihe der Winterlesungen. NN-Foto (Archiv): RD