Weiße Schleier als wirkmächtiges Symbol für die Auflösung der Wirklichkeit. Foto: Lucas Hans
25. Februar 2026 · Kleve

Vom Verschwinden der Welt

Theater im Fluss mit einem Stück, bei dem es um das Thema „Demenz“ geht

KLEVE. Der Vater ist auf der Abschiedsrunde. Seine Welt verschwindet. Die Zeiten geraten durcheinander – manchmal auch die Menschen. Die Wirklichkeit löst sich auf. Dinge, die gerade noch da waren, verschwinden unter einem Schleier. Das Leben maskiert sich.

Das Theater ist ein Ort für das Nacherleben des Wirklichen. Es lässt andere Gegenwarten entstehen. So ist es auch beim neuen Stück „Vater“, das am 13. März um 20 Uhr im Theater im Fluss Premiere hat. Für Regisseur Harald Kleinecke eine Herausforderung der besonderen Art. Es geht darum, den Zustand des geistigen Verschwindens miterlebbar zu machen. Kleinecke: „In den Regieanweisungen steht unter anderem, dass die Möbel aus dem Zimmer, in dem das Ganze spielt, nach und nach verschwinden.“ Kleinecke hat sich für eine andere, weitaus bildgewaltigere, Lösung entschieden: Nach und nach werden die Requisiten mit weißen Schleiern abgedeckt. Der Effekt: Die Szene bleibt erhalten, aber das Mobiliar wird – wie das Leben des Hauptdarstellers – zur Ahnung verzerrt. Die Gegenwart bleibt, aber sie ist nicht mehr greifbar. Die Rolle des Vaters hat Heinz Rogosch übernommen. Er ist ein Urgestein des Ensembles: seit 25 Jahren dabei. Die Rolle habe ihn, sagt Rogosch, gleich getriggert. „Meine Eltern hatten auch mit Altersdemenz beziehungsweise Alzheimer zu kämpfen“, sagt er und man fragt sich, auf welcher Seite der Kampf intensiver ausgefochten wird. Auf der Seite derer, die sich stückweise verabschieden oder bei denen, die in einer vermeintlichen Wirklichkeit mit dem Akzeptieren eines Verlustes ihrer Liebsten bei lebendigem Leib umgehen müssen. Kleinecke: „Es kommen weitere Verfremdungselemente dazu: Zum einen ist die Szenenfolge nicht chronologisch – und zum anderen wird beispielsweise die Rolle von Andrés Tochter von zwei Schauspielerinnen besetzt.“

Man kennt diese Elemente des Zeitsprungs und der Mehrfachbesetzung von Tarantino oder Bunuels, „Dieses obskure Objekt der Begierde“, wo die Hauptrolle mit zwei Schauspielerinnen besetzt wurde. Die Welt muss sich im Hirn des Betrachters neu organisieren – muss zur zeitlichen Reihung werden. Aus der Verunsicherung durch die Verwinklung muss sich eine Struktur entwickeln, für die der Zuschauer verantwortlich ist.

André – so der Name des Vaters – ist 80. Er hatte zwei Töchter. Eine davon starb bei einem Autounfall. Das ist die Ausgangslage. Von hier aus wird Andrés Leben aufgefaltet. Man denkt an Friedrich Rückert: „Ich bin der Welt abhanden gekommen“. Oder müsste es heißen „Die Welt ist mir abhanden gekommen“?

Harald Kleinecke: „Natürlich ist das eine tragische Ausgangslage, aber es gibt im Stück auch durchaus komische Sequenzen.“ Vielleicht ist es die Komik des Verzweifelns, denkt man. Hauptdarsteller Heinz Rogosch ist übrigens in allerbester Gesellschaft, denn Sir Anthony Hopkins spielte in einer Verfilmung von Florian Zeller, der auch das Theaterstück schrieb, eben jenen titelgebenden „Vater“.

„Vater“ ist am 13., 14. und 20. März jeweils um 20 Uhr und am 21. März um 18 Uhr zu sehen. Karten kosten 15 Euro (ermäßigt acht Euro) und sind unter info@theaterimfluss.de oder telefonisch (02821/979379) vorbestellbar.

Weiße Schleier als wirkmächtiges Symbol für die Auflösung der Wirklichkeit. Foto: Lucas Hans