Amy-Doreen Christ bei der Arbeit im Tomatengewächshaus in Straelen. NN-Foto: Andrea Kempkens
29. September 2026 · Straelen

Vom Fernweh ins Gewächshaus

Amy-Doreen Christ wollte eigentlich Rangerin werden. Heute ist die 29-Jährige im zweiten Ausbildungsjahr zur Gärtnerin im Gemüsebau bei der Landwirtschaftskammer NRW in Straelen – und begeistert von Tomaten, Technik und nachhaltigem Anbau.

STRAELEN. Dass sie einmal täglich in einem Gewächshaus stehen und Tomatenpflanzen pflegen würde, hätte sich Amy-Doreen Christ vor einigen Jahren wohl kaum vorstellen können. Damals zog es die heute 29-Jährige vor allem hinaus in die Welt. Sie bereiste zahlreiche Länder, arbeitete auf Höfen und entdeckte dabei ihre Verbundenheit zur Natur. Ihr damaliger Berufswunsch: Rangerin.

Heute ist sie Auszubildende im Gemüsebau bei der Landwirtschaftskammer NRW in Straelen. Für die Ausbildung zog Amy sogar eigens aus dem Kreis Soest an den Niederrhein. Seit August ist sie im zweiten Ausbildungsjahr und sagt über ihre Berufswahl: „Mir ist es wichtig, etwas für die Natur und die Umwelt zu machen.“

Nach ihrem Fachabitur im Jahr 2016 arbeitete Amy zunächst als Produktionshelferin in der Kunststoff- und Metallindustrie. 2018 packte sie die Reiselust. Skandinavien, Frankreich, Spanien und Portugal waren erste Stationen, bis sie zwischen 2018 und 2024 fast ganz Europa bereiste. Auf verschiedenen Höfen arbeitete sie als Freiwillige gegen Kost und Logis.

„In dieser Zeit ist die Idee entstanden, Rangerin zu werden“, erzählt sie. Für diesen Beruf sei eine vorherige Ausbildung in der grünen Branche eine gute Voraussetzung. „Gemüseanbau hatte ich zunächst gar nicht auf dem Schirm“, sagt Amy und muss schmunzeln. Lange suchte sie nach einer Ausbildung, die zu ihren Interessen passte. Schließlich stieß sie auf eine Stellenausschreibung der Landwirtschaftskammer NRW in Straelen.

Nach ihrer Bewerbung wurde sie zu einem zweitägigen Probearbeiten eingeladen. Dort lernte sie auch ihren heutigen Ausbilder Laurenz Janßen kennen. Der 25-Jährige kennt den Ausbildungsberuf aus eigener Erfahrung: Er absolvierte selbst seine Ausbildung zum Gärtner im Gemüsebau bei der Landwirtschaftskammer in Straelen, arbeitete anschließend zwei Jahre im elterlichen Gartenbaubetrieb und machte seinen Meister in Neustadt an der Weinstraße. Seit November 2024 ist er als Gemüsebaumeister bei der Landwirtschaftskammer in Straelen tätig.

Das Probearbeiten ist für beide Seiten eine wichtige Erfahrung. „Beim Probearbeiten merkt man schnell, ob jemand für die Ausbildung geeignet ist oder nicht“, sagt Janßen. Teamfähigkeit, Interesse an Pflanzen und ein gewisses Fingerspitzengefühl seien wichtige Voraussetzungen.

Amy überzeugte – und bekam die Ausbildungsstelle angeboten. Kurz darauf zog sie nach Geldern. Seit August 2025 besucht sie dort das Berufskolleg des Kreises Kleve und absolviert ihre praktische Ausbildung im Versuchszentrum Gartenbau in Straelen. Mit ihrer Entscheidung ist sie sehr zufrieden. „Wir alle brauchen Lebensmittel, wir brauchen aber gerade auch in der Lebensmittelproduktion und im Gemüseanbau Innovationen, auch vor dem Hintergrund des Klimawandels “, sagt sie.

Genau diese Verbindung aus Natur, Technik und Zukunftsthemen macht den Ausbildungsberuf für die 29-Jährige interessant. Im Versuchszentrum Gartenbau in Straelen wachsen verschiedene Gemüsekulturen unter Glas. Paprika, Tomaten, Gurken und Auberginen gehören ebenso dazu wie exotischere Pflanzen, beispielsweise Passionsfrüchte. Moderne Gewächshaustechnik spielt dabei eine ebenso wichtige Rolle wie boden- und umweltschonende Kultur- und Pflegemaßnahmen. Auch die Qualitätssicherung bei Ernte, Lagerung und Vermarktung gehört zur Ausbildung.

Ihre Lieblingskultur hat Amy inzwischen gefunden: die Tomate. „Abgesehen davon, dass sie sehr schön sind, sind sie auch leicht zu pflegen“, sagt sie. Besonders das sogenannte Wickeln der Pflanzen macht ihr inzwischen Spaß. Dabei werden die Tomatenpflanzen regelmäßig an Schnüren nach oben geführt. „Es dauert ein wenig, bis man den Dreh raushat, aber wenn der Rhythmus einmal stimmt, ist es eine sehr angenehme Arbeit.“

Neben der praktischen Arbeit im Gewächshaus wartet auch in der Berufsschule viel neues Wissen. Pflanzenkunde, Produktion und Bautechnik, Beratung und Vermarktung sowie Wirtschaftslehre stehen auf dem Stundenplan. „Vor allem das Erlernen der botanischen Pflanzennamen und die mathematischen Kenntnisse beispielsweise für Berechnungen der Bewässerung oder Düngung erfordern schon viel Fleißarbeit und Paukerei“, berichtet sie.

Ergänzt wird die Ausbildung durch überbetriebliche Lehrgänge. Zwei Maßnahmen zum Thema Pflanzenverwendung finden in Münster statt, außerdem steht ein Techniklehrgang im Deula-Bildungszentrum in Kempen auf dem Programm.

Die Ausbildung zur Gärtnerin beziehungsweise zum Gärtner in der Fachrichtung Gemüsebau dauert regulär drei Jahre. Der schulische Anteil findet am Berufskolleg des Kreises Kleve in Geldern statt. Im ersten Ausbildungsjahr gibt es zwei Schultage pro Woche, im zweiten Jahr eineinhalb und im dritten Jahr einen Schultag. Wer mit Abitur startet, kann die Ausbildung auf zwei Jahre verkürzen. Ohne Abitur ist bei entsprechend guten Schulnoten eine Verkürzung auf zweieinhalb Jahre möglich.

Für Amy kommt eine Verkürzung allerdings nicht infrage. Sie möchte die drei Jahre nutzen, um möglichst viel Fachwissen mitzunehmen. „Ich finde es sehr interessant, wie viel Wissen ich hier im Versuchszentrum vermittelt bekomme.“

Und was kommt danach? Den ursprünglichen Traum von der Rangerin hat Amy noch nicht ganz aufgegeben. Mit einer zusätzlichen Ausbildung im Bereich Natur und Umwelt könnte sie später diesen Weg einschlagen. Gleichzeitig hat sich ihr Blick auf den Gartenbau verändert. „Heute kann ich mir auch gut vorstellen, als Gärtnerin zu arbeiten“, sagt sie.

Auch ihr Ausbilder sieht gute Chancen darin, dass sie nach ihrer Ausbildung als Gesellin in Straelen bleibt. Nachwuchs wird dringend gebraucht. „Es wird für uns immer schwieriger, Auszubildende zu finden“, berichtet Laurenz Janßen. In diesem Jahr konnte die Landwirtschaftskammer in Straelen beispielsweise keinen neuen Auszubildenden im Gemüsebau gewinnen.

Dabei bietet der Ausbildungsberuf vielfältige Perspektiven. Bis zu vier Ausbildungsstellen gibt es bei der Landwirtschaftskammer NRW in Straelen jeweils im Ziergartenbau und im Gemüsebau. Aktuell sind im Ziergartenbau drei Stellen besetzt, im Gemüsebau zwei.

Amy-Doreen Christ zeigt, dass der Weg in einen grünen Beruf nicht unbedingt direkt nach der Schule beginnen muss. Manchmal führt er auch über Umwege, durch fremde Länder und viele unterschiedliche Erfahrungen – und schließlich zu den Tomaten im Gewächshaus.

Amy-Doreen Christ bei der Arbeit im Tomatengewächshaus in Straelen. NN-Foto: Andrea Kempkens