Vom Ausprobieren zum Ankommen
Aktionstag „Aktiv für Arbeit“ im FairKaufHaus zeigt, wie berufliche Integration gelingen kann
GELDERN. Ein Praktikum. Ein Betrieb, der genauer hinschaut. Und ein Mensch, dem jemand etwas zutraut. Manchmal beginnt so ein neuer beruflicher Weg. Beim Aktionstag Arbeitsmarktpolitik „Aktiv für Arbeit“ des Caritasverbands Geldern-Kevelaer im FairKaufHaus wurde deutlich, dass dieser Weg selten schnurgerade verläuft. Vertreter aus Politik, Jobcenter, Arbeitsagentur, Verwaltung, Unternehmen und sozialen Diensten diskutierten dort über Chancen und Herausforderungen beruflicher Integration.
Herausforderungen der beruflichen Integration
Zum Auftakt ordnete Dr. Franz Stein, Leiter der Beruflichen Integration, die aktuelle Situation ein. Demografischer Wandel und Digitalisierung verändern den Arbeitsmarkt, während der Bedarf an gut ausgebildeten Kräften auch im Kreis Kleve hoch bleibt. Gleichzeitig geraten Fördermöglichkeiten, längerfristige Qualifizierungen und Beschäftigungsmaßnahmen zunehmend unter Druck. Stein warb dafür, den Erfolg beruflicher Integration nicht allein an Vermittlungsquoten festzumachen. Entscheidend seien ebenso Veränderungen bei Fähigkeiten, Belastbarkeit, Bildungsbereitschaft und der eigenen beruflichen Orientierung.
Praxisbeispiele für erfolgreiche Integration
Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigte anschließend Chris. Anfang 2025 startete er mit 20 Wochenstunden im FairKaufHaus, später erhöhte er auf 39 Stunden. „Am Anfang wusste ich überhaupt nicht genau, wo es hingehen soll“, berichtete Chris auf dem Podium. „Hier konnte ich verschiedene Dinge ausprobieren. Irgendwann habe ich gemerkt: Ich kann mehr, als ich selbst gedacht habe.“ Heute absolviert er eine Ausbildung im Bereich Lager und Logistik bei dem Full-Service-Dienstleister und Eventausstatter Eventura. Sozialpädagogin Tanja Streubel machte deutlich, dass am Anfang keineswegs immer ein fertiger Berufsplan stehen müsse. Ausprobieren, Fähigkeiten entdecken und Praktika seien häufig entscheidende Schritte. Auch Loreen, heute Auszubildende im Zierpflanzenbau im Gartenbaubetrieb Janshen, und Pierre, inzwischen angehender Maler und Lackierer bei der Firma Neyenhus, fanden auf diesem Weg über die Maßnahmen des FairKaufHauses in Geldern ihre berufliche Perspektive.
Was Betriebe überzeugt
Was Betriebe überzeugt, diskutierten Maria Berndt von Eventura sowie Nadja Neyenhus und Anna Ceulaers von der Firma Neyenhus. Dabei wurde deutlich: Zeugnisse und Lebensläufe sind nur ein Teil des Bildes. Besonders wichtig seien der eigene Antrieb und der erkennbare Wille, wirklich etwas erreichen zu wollen. Wer Interesse zeigt, zuverlässig ist, lernen will und sich im Praktikum einbringt, könne Arbeitgeber auch jenseits klassischer Bewerbungswege überzeugen. Genau darin liege die Stärke des praktischen Kennenlernens: Ein Praktikum zeige Seiten eines Menschen, die keine Bewerbungsmappe abbilden könne.
Appell für mehr Förderung
Caritasvorstand Stephan von Salm-Hoogstraeten schlug zum Abschluss den Bogen zur Arbeitsmarktpolitik. Das FairKaufHaus sei weit mehr als eine Beschäftigungsmöglichkeit: ein „Trainings- und Transferraum“, in dem langzeitarbeitslose Menschen wieder Tagesstruktur entwickeln, Verantwortung übernehmen, soziale Kontakte knüpfen und eigene Fähigkeiten neu entdecken könnten. „Berufliche Integration beginnt nicht erst mit der Unterschrift unter einen Arbeitsvertrag. Sie beginnt mit der Rückkehr des Vertrauens in die eigene Person.“
Gerade deshalb warnte von Salm-Hoogstraeten vor einem weiteren Rückgang arbeitsmarktpolitischer Förderung. In den letzten Jahren stünden vor Ort immer weniger Bundesmittel für aktive Arbeitsmarktinstrumente zur Verfügung, auch weil sie für die Verwaltungskosten in Jobcentern und Arbeitsagenturen benötigt würden. Dabei bleiben Unterstützungsbedarf und Langzeitarbeitslosigkeit auf sehr hohem Niveau. Standardverfahren allein reichten deshalb nicht aus: „Berufliche Integration benötigt individuelle Wege, ausreichend Zeit, verlässliche Begleitung und eine gesicherte Finanzierung.“ Beschäftigungsmaßnahmen und Angebote zur Teilhabe seien keine „Wartesäle“, sondern Lernorte, Entwicklungsräume und Brücken in den Arbeitsmarkt. Dafür brauche es eine verlässliche Finanzierung und Planungssicherheit für Jobcenter und Träger.
Sein Appell richtete sich gleichermaßen an Politik, Arbeitsagenturen, Jobcenter und Arbeitgeber: vorhandene Instrumente mutig und individuell nutzen und Menschen die Möglichkeit geben, ihre Fähigkeiten in der Praxis zu zeigen. Denn die Beispiele des Nachmittags zeigten: Berufliche Wege müssen nicht schnurgerade sein. Entscheidend ist, dass Menschen einen Willen entwickeln und losgehen – und auf Partner treffen, die ihnen eine Tür öffnen.
Netzwerktreffen „Aktiv für Arbeit“ gab Einblicke in die Arbeit des FairKaufHaus Geldern. Foto: Caritasverband Geldern-Kevelaer