„Traut euch, habt Mut!“
Trauer bei Kindern und Jugendlichen: Welche Möglichkeiten es gibt und wie andere helfen können
Geht es um Trauer, ist vieles vom Alter abhängig: „Bis zum 8. oder 9. Lebensjahr haben Kinder meist keine wirkliche Vorstellung davon, was der Tod überhaupt bedeutet“, sagt Füngerlings. In diesen Fällen würden Kinder weniger den eigentlichen Verlust betrauern, sondern sich stattdessen an den Erwachsenen orientieren. „Sie schauen, wie sie reagieren. Sie bekommen mit, dass etwas anders ist. Selbst Babys nehmen Stimmungen wahr.“ Verstanden haben Kinder die Tragweite des Todes dann, wenn sie sich die verstorbene Person konkret zurückwünschten – eine Sehnsucht, die alle Menschen trotz ihrer Unterschiede in der Trauer gemein haben.
Für viele Familien beginnt das Thema, wenn sich der Tod eines Familienmitglieds im Vorfeld abzeichnet. Aber wie kann man den Nachwuchs darauf vorbereiten? „Ich glaube, da gibt es kein richtig und falsch“, sagt Nicole Füngerlings. „Die Frage ist, wie viel bekommt das Kind von der Diagnose mit? Wie wird es eingebunden? Geht es mit ins Krankenhaus oder ins Hospiz?“ Zu beachten sei dabei auch, wie weit das Kind in der Entwicklung sei. „Ein zu frühes Informieren kann Angst hervorrufen.“ Ein zu spätes Informieren könne jedoch verpasste Gelegenheiten und damit Bedauern zur Folge haben.
Daher müssten die engsten Angehörigen ein waches Ohr haben, empfiehlt Füngerlings. Fragen wie „Kann Oma daran sterben?“ würden zeigen, dass sich die Kinder mit dem Thema beschäftigen. „Dann kann ich als Erwachsene entsprechend handeln.“ Möchte man zum Beispiel eine Krebserkrankung ansprechen, gibt es auch Literatur und sogar Apps, die Kindern und Jugendlichen einen altersgerechten Zugang ermöglichen.
Nicht zögern
Wenn der Tod hingegen plötzlich eintritt, gelte es laut Füngerlings, die Wahrheit zeitnah in kindgerechten Worten zu vermitteln. „Das ist sehr wichtig.“ Denn auch hier gilt: „Die Kinder bemerken die Veränderungen.“ Da diese aber auch die Erwachsenen unvorbereitet treffen, „ist es gut, wenn ein Netzwerk vorhanden ist, das beim Auffangen hilft.“ Das kann zum Beispiel aus einer guten Freundin oder der Patentante bestehen, die in Absprache einige Aufgaben übernehmen. „Also Menschen, die zum Familiensystem gehören, aber nicht ganz so nahe dran sind.“ Nicole Füngerlings hat in dieser Hinsicht gute Erfahrungen gemacht. „Ich erlebe immer wieder, dass Familien unfassbar stark und klar strukturiert sind.“
Auf diese Weise könne man auch die Kinder miteinbeziehen, um zum Beispiel gemeinsam den Sarg zu bemalen. Überhaupt empfiehlt sie aus pädagogischer Perspektive für die weitere Trauerbewältigung, das Gedankenkarussell zu verlassen und ins gestalterische Tun zu kommen – besonders, wenn es um die jüngeren Kinder geht. Man könne die Trauer zum Beispiel Gestalt annehmen lassen, indem man etwa aus Knete eine Träne gestalte. Aber auch andere Gefühle sollte man dabei je nach Situation in den Blick nehmen: Wut zum Beispiel.
Trauer ansprechen
Bei Jugendlichen sieht die Lage etwas anders aus. „Sie werden den Erwachsenen immer ähnlicher.“ Natürlich stehen auch ihnen kreative Ansätze zur Verfügung, sei es ein Tagebuch oder neue Hobbies. Grundsätzlich sei es aber ratsam zu schauen, mit wem sie sich austauschen können: mit den Eltern, einer Trauergruppe oder in auf Trauer ausgelegten, anonymen Chats, wie sie zum Beispiel die Malteser oder die Caritas anbieten.
Eine besondere Rolle für Jugendliche nehmen aber ihre Freunde ein: „Ich möchte sie dazu ermutigen, den Todesfall anzusprechen und sich zum Beispiel nach dem Wohlbefinden zu erkundigen und ob man etwas brauche“, erläutert Füngerlings. Denn die Situation zu übergehen, könne Betroffene nur noch mehr in die Isolation treiben. „Dann fühlen sie sich Betroffene vielleicht noch unverstandener.“ Diese könnten danach immer noch entscheiden, ob sie reden möchten oder nicht.
Ob und wie viel Unterstützung der Nachwuchs bei der Trauerbewältigung braucht, ist ganz individuell. „Manche brauchen etwas mehr Anleitung oder einen Stupser, wieder andere brauchen Freiraum, da sie sonst vielleicht dicht machen“, sagt Füngerlings. Letztlich seien es die Eltern, die den Charakter ihres Kindes am besten einschätzen könnten. Ganz grundsätzlich befürwortet Nicole Füngerlings aber, Kinder von Beginn an mit einzubinden und ihnen Entscheidungsfreiheit zu lassen. „Zum Beispiel anzubieten, die Urne oder den Sarg anzumalen.“
Eines stellt sie für die Trauerbewältigung jedoch klar: Es gibt keine Regel, die besagt, wie lange es normal ist, zu trauern. „Jeder ist dabei individuell.“ Es komme auf viele Faktoren an, wie die Vorerfahrungen mit derartigen Krisen und das eigene Umfeld.
Wenn Trauer zu viel wird
Das bedeutet aber nicht, dass Trauer nicht auch Überhand nehmen kann. Warnsignale sieht Füngerlings vor allem, wenn selbst nach einem halben Jahr noch krasse Veränderungen auftreten oder bestehen bleiben, etwa im Ess-, Sozial- oder Schlafverhalten oder wenn ständig vom Tod gesprochen werde und die Angst vor weiteren Verlusten den Alltag bestimme. Braucht es in solchen Fälle Hilfe, können Eltern das Gespräch mit Experten suchen. Das können zum Beispiel Trauerbegleiter oder Beratungsstellen sein.
Eine andere, besondere Situation ergibt sich in der Schule: Klassenlehrern gibt Füngerlings den Rat, auf die Schützlinge zuzugehen und sich nach ihren Bedürfnissen zu erkundigen. Dabei sollte auch das Vorgehen innerhalb der Klasse besprochen werden: „Ich würde es ernst nehmen, aber nicht zu groß aufziehen. Ignorieren ist aber falsch.“ Sie gibt zu bedenken: Ein offenes Vorgehen könne einerseits die Mitschüler entlasten, die nicht wissen, wie sich verhalten sollen und gleichzeitig verhindern, dass der Betroffene von vielen einzeln angesprochen werde.
Sinn ergibt es außerdem, die anderen Lehrer der Klasse über die Umstände zu informieren. Wie Nicole Füngerlings nämlich aus eigener Erfahrung weiß, könnten bestimmte Unterrichtsinhalte ungewollt starke Reaktionen auslösen. „Ich habe einmal eine Jugendliche betreut, deren Mutter an einem Herzinfarkt starb. Als dann in Biologie das Thema Herz aufkam, war sie wieder sehr betroffen und der Lehrer wusste gar nicht, was los war.“ Ein kurzes Vorgespräch unter vier Augen könne bereits Abhilfe schaffen.
Unabhängig von Situation und Charakter hat Nicole Füngerlings einen ganz allgemeinen Ratschlag für Betroffene und Außenstehende gleichermaßen: „Traut euch, habt Mut! Nichts zu sagen, ist viel schlimmer.“ Am besten, sagt sie, sei es jedoch, sich schon früher mit dem Thema Tod auseinanderzusetzen.Bei trauernden Kindern sind ein paar Besonderheiten zu beachten. Foto: AdobeStock