Daniele Formica tanzt in seiner Video-Arbeit „Love will tear us apart“ aus dem Jahr 2022. NN-Foto: Rüdiger Dehnen
12. März 2026 · Bedburg-Hau

Thema mit Variationen

Museum Schloss Moyland zeigt Dialog zwischen Daniele Formica und Beuys

MOYLAND. Draußen unterhält sich der anbrechende Frühling mit am abreisenden Winter. Es mendelssohnt in den Zweigen. Auch Strawinsky wetzt die Messer. Drinnen eine „Unterredung“ der anderen Art: Daniele Formica im Dialog mit Joseph Beuys.

Titel der Ausstellung, die am Sonntag eröffnet und bis zum 6. September im Museum Schloss Moyland zu sehen ist: „Verso“. Was da stattfindet, ist ein Dialog zweier Künstler, die sich nie begegneten. Daniele Formica ist anbrechende 30 Jahre alt, Joseph Beuys starb 1986. In der Kunst tut das nichts zur Sache. Der Austausch findet über das Medium statt. Im Pressetext zur Ausstellung heißt es: „Das Museum hat den italienisch-niederländischen Künstler Daniele Formica eingeladen. Im Rahmen zahlreicher Rechercheaufenthalte vor Ort und anhand von für ihn relevanten Suchbegriffen und Themen hat er sich mit dem Joseph Beuys Archiv der umfangreichen Sammlung auseinandergesetzt.“

Da treffen sich zwei über die Zeit bekannt Gewordene. Da reagiert – nichts Neues in der Kunst – ein Nachgeborener auf die Werke eines Mannes, der längst „abgereist“ ist.

Die Ausstellung deckt Bezüge auf. Verweise. Verbeugungen. Da arbeitet einer nicht nur mit den kunstgewohnten Materialien. Da nistet sich einer in der Sprache ein. Dekonstruiert. Montiert. Demontiert. Setzt neu zusammen. Stellt – quasi am Eingangstor zum Dialog – eine Frage, die keine Frage ist und dann irgendwie doch: „May you stand against“ – so beginnt jeder der Gedanken, die Formica listet und unwillkürlich denkt man an den Agitator Beuys. Die versteckte Botschaft: Betrachten braucht einen Standpunkt. Ohne Standort keine Wahrnehmung. Keine Verlässlichkeiten. Ohne Standpunkt degeneriert die Kunst zum Beliebigen. Das aber lässt Formica in seinen Dialogen – was da an Wänden und auf dem Boden stattfindet, ist mehr als nur ein Dialog – nicht zu. Formica nähert sich Beuys auf verschiedenen Ebenen und überredet den Betrachter dazu, Standpunkte zu ändern: andere Filter einzusetzen. Da hängt an einer Wand ein Ding, das an den beuys’schen Filzanzug denken lässt. Formica hat dem Anzug, der bei ihm nicht aus Filz ist, ein Gesicht aufgesetzt, das irgendwie als Mischung aus Bugs Bunny und Weihnachtsmann daherkommt. Macht sich da einer lustig? Gewiss nicht. Da liegt in einem anderen Raum der Deckel eines Flügels auf dem Boden: Von den Tönen ist nichts geblieben, wenn Tasten, Saiten und Klangboden amputiert sind. Vielleicht eine Bezugnahme auf Beuys‘ Arbeit? Man denkt an Beuys‘ in Filz eingenähten Flügel „Infiltration homogen für Konzertflügel“, aber: Man muss das nicht wissen, denn Formicas Arbeiten schaffen eine ureigene Aura. So entsteht formal eine Art Thema mit Variationen, das aber auch hörbar und erlebbar ist, wenn man das Thema weglässt. Es ist wie mit einer Bach-Fuge: Man muss sie nicht analysieren können, um ihre innere Schönheit zu erfassen. Wissen kann zu neuen Einblicken verhelfen und manchmal zur Denkmauer werden, die erst überwunden werden muss. Das ist abhängig von der inneren Disposition des Hörers/Betrachters. Man könnte den Dialog auskoppeln – Beuys und Formica nicht auf dieselbe Denkleinwand übertragen – es würden im besten Fall keine Fragmente entstehen, sondern unabhängige Aussagen.

„Der Katalog“, kündigt ein Text an, „wird die dialogische Form der Ausstellung reflektieren und in Anlehnung an den Werktitel ‚Verso‘ zwei entgegengesetzte Leserichtung aufweisen.“ Eine gute Idee. Es gilt im Hinterkopf zu halten, dass das ‚entgegengesetzt‘ nur etwas über die Richtung aussagt und nichts über ein Gegeneinander. Beim Herauskommen atmet man kalte Luft, in der trotzdem schon der Frühling nistet. Frischzellen fürs Hirn. Die Ausstellung wird am 15. März um 14 Uhr eröffnet.

Daniele Formica: „Janua, 2023 - 2026“. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Daniele Formica: „Janua, 2023 - 2026“. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Daniele Formica tanzt in seiner Video-Arbeit „Love will tear us apart“ aus dem Jahr 2022. NN-Foto: Rüdiger Dehnen