Ziehen an einem Strang im Bemühen um ein gewaltfreies Kleve: Ordnungsamtleiter Christian Seißer und Gleichstellungsbeauftragte Yvonne Tertilte-Rübo. NN-Foto: Rüdiger Dehnen
11. November 2024 · Kleve

Starkes Signal für Gewaltschutz

Im Ausschuss für Generationen und Gleichstellung wird über das städtische Gewaltschutzkonzept gesprochen

KLEVE. „Ich erwarte ein starkes Signal für einen aktiven kommunalen Gewaltschutz.“ Sagt Yvonne Tertilte-Rübo, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Kleve, mit Blick auf die Beratung des kommunalen Gewaltschutzkonzeptes der Stadt Kleve, die am Mittwoch im Ausschuss für Generationen und Gleichstellung ansteht. Vorgestellt hat sie den Entwurf den Ratsfraktionen bereits Ende August, nun ist es an der Politik, die Weichen für ein gewaltfreies Kleve zu stellen.

Im Kreis Kleve gibt es seit Anfang der 2000er Jahre interdisziplinäre Bündnisse, die „Runden Tische für ein gewaltfreies Zuhause“. Allein in der Kreisstadt zählt der „Runde Tisch“ 20 Mitgliederorganisationen – von Frauenberatungsstellen, der Staatsanwaltschaft und Polizei, über Hilfen für Kinder und Jugendliche bis hin zu Anlaufstellen für die Opfer und auch für die Täter. „Es gibt viele Einrichtungen, die helfen. Man muss es aber auch wollen und das Angebot in Anspruch nehmen“, weiß Tertilte-Rübo, dass vielen Betroffenen dieser erste Schritt, etwa nach einem Fall von häuslicher Gewalt, nicht leicht fällt. Allein in Kleve gab es im Jahr 2023 149 Polizeieinsätze zu häuslicher und 66 Einsätze zu sexueller Gewalt. Im Kreisgebiet musste die Polizei insgesamt 918 Mal (2022 „nur“ 478 Mal) wegen häuslicher Gewalt ausrücken, 505 Mal wegen sexualisierter Gewalt. Die Frauenberatungsstelle Impuls hat dazu kreisweit Beratungsgespräche mit 314 (häusliche Gewalt) beziehungsweise 80 (sexualisierte Gewalt) Betroffenen geführt. „Was mit den anderen Opfern geschehen ist, ob und wo sie sich Hilfe geholt haben, wissen wir nicht“, sagt Tertilte-Rübo. Sie weiß, dass die Dunkelziffer, also Fälle, die auch nicht der Polizei gemeldet wurden, sogar noch deutlich höher ausfällt. Für sie steht fest: „Wir müssen immer wieder kommunizieren, dass es kompetente Hilfeeinrichtungen gibt und dass wir für die Betroffenen da sind.“ Im Frauenhaus der Kreis Klever Awo, das seit rund 25 Jahren als Mitglied beim beim „Runden Tisch“ mitmacht, fanden in 2023 sechs Frauen aus Kleve Zuflucht. Und mit ihnen zwölf Kinder. „Wenn der Vater die Mutter schlägt, macht das auch was mit den Kindern“, sagt Tertilte-Rübo. Überhaupt: „Gewalt ist nie privat. Sie zerstört auch etwas mitten in der Gesellschaft und bei allen, die gewaltfrei und friedlich miteinander leben wollen.“

Was ihr während der umfangreichen Recherche und Auswertung polizeilicher Daten ebenfalls bewusst wurde: Zwar tritt häusliche und sexualisierte Gewalt vermehrt zum Wochenende und in den Abendstunden auf, aber schon zwischen 14 und 15 Uhr gibt es eine erste „Fallspitze“. „Da sind wir alle gefragt“, sagt Tertilte-Rübo. „Wenn man mittags im Treppenhaus hört, dass der Nachbar zuschlägt, dann darf man nicht weghören und das abtun“, appelliert sie an die Gemeinschaft, Gewalt nie auf die leichte Schulter zu nehmen. Eine weitere Erkenntnis, die im Gewaltschutzkonzept deutlich wird: Gewalt findet man nicht nur mitten in Kleve, sondern durchaus auch in den umliegenden Ortsteilen, in den Dörfern. Weil es Betroffenen vielleicht in diesem Fall schwerer fällt, zeitnah und unkompliziert eine Beratung aufzusuchen, könnte sich Tertilte-Rübo den Einsatz von einem Beratungsbus vorstellen, der dort regelmäßig Station macht, um aufzuklären und Hilfe anzubieten.

Beschäftigt haben sich Tertilte-Rübo und das Klever Ordnungsamt auch mit den „Angsträumen“ in Kleve. Neben dem Bahnhof („das ist der einzige polizeilich definierte Schwerpunkt“) haben sie 28 weitere öffentliche Räume ausgemacht, an denen es regelmäßig zu Ruhestörungen und Platzverweisen kommt. Häufig sind diese schlecht beleuchtet und nicht gut einsehbar. „Hier hat die Stadt schon viel getan“, sagt Tertilte-Rübo. Mit insgesamt 3.019 Einsätzen im Jahr 2023 haben die Mitarbeiter des Ordnungs- und Servicedienstes, zur Verbesserung der Sicherheit in der Stadt Kleve, maßgeblich beigetragen. Vermehrte Kontrollen, etwa auf dem Hochschulcampus, in der Innenstadt oder am Markt Linde, reichen aber nicht aus. Sie regt an, zum Beispiel Notrufsäulen zu installieren. Mit Blick auf die Obdachlosenunterkunft an der Jülicher Straße, hier gab es im vergangenen Jahr acht Sexualdelikte, möchte sie die Bereitstellung einer Einrichtung speziell für Frauen vorantreiben. Zum Gewaltschutzkonzept gehört für sie auch, neue Angsträume nicht entstehen zu lassen. „Im Prinzip müssten Sicherheitsaspekte bei der Planung jedes neuen Baugebiets berücksichtigt werden“, sagt sie. Eine weitere Anregung: Die Vereine mit ins Boot holen und jeweils eine Person festlegen, die entsprechend geschult wird und sich für den Gewaltschutz stark macht.

Es gibt viel zu tun, hier will man’s angehen. Tertilte-Rübos Appel an die Klever Politik: „Jede Einsatzverbesserung in Ausstattung, Erreichbarkeit, Verantwortlichkeit, Teamstärke und Personalausstattungen, sowie in die vorgehaltenen Schutz- und Beratungsinfrastruktur lohnt sich vor Ort in der Kommune. Gewaltschutz braucht Menschen und ein verlässliches Budget, damit Betroffene von Gewalt sicheren Schutz erfahren und wir alle gemeinsam friedlicher und sicherer zusammenleben können.“ Das komplette Konzept und alle Statistiken (interaktiv und mit weiteren Informationen) findet man im Netz unter www.zuhause-gewalt.de, zudem wird am Mittwoch von 16 bis 17 Uhr (vor der Ausschuss-Sitzung, die öffentlich ist) im Rathaus im ersten Stock die Ausstellung „Für ein gewaltfreies Miteinander in Kleve“ eröffnet. Das Konzept geht nach der Beratung in den Haupt- und Finanzausschuss (4. Dezember), die endgültige Entscheidung über Form und Budget fällt dann der Rat am 11. Dezember.

Ziehen an einem Strang im Bemühen um ein gewaltfreies Kleve: Ordnungsamtleiter Christian Seißer und Gleichstellungsbeauftragte Yvonne Tertilte-Rübo. NN-Foto: Rüdiger Dehnen