Jiri Zurek (vorne) und sein Kollege Antonin Brazdil sammeln Nacht für Nacht Klangproben der Seifert-Orgel. Foto: privat
26. Januar 2026 · Kevelaer

Seifert-Orgel wird gesampelt

Nächtliche Digitalisierung von mehr als 27.000 Aufnahmen

KEVELAER. Da ist er wieder, dieser laute, langgezogene, tiefe Ton. Als würde der Geist der Zeit tief ein- und wieder ausatmen, Luft holen für die nächste Etappe. Und ganz klar: Diese seltsamen Töne, mal dunkel und laut, mal hell und leise und allesamt ganz sicher keine Melodien, suchen sich aus dem Inneren der Basilika den Weg in die Freiheit, wabern über den Kapellenplatz – nachts, wenn eigentlich alles schläft.

Seit einigen Tagen herrscht regsame Betriebsamkeit in der Marienbasilika – das ist man in Kevelaer tagsüber gewohnt, aber nach Mitternacht?

Und das, was – ziemlich eintönig und monoton – nach außen dringt, ist sicher keine jener Trainingseinheiten, die Orgelspieler aus aller Welt an die so besondere, große Seifert-Orgel locken.

Georg Maes und Martin Leenders vom Orgelbauverein schmunzeln. „Wir freuen uns, dass die Firma „Sonus Paradisi“ mit uns Kontakt aufgenommen hat. Bald wird es möglich sein, unsere tolle Seifert-Orgel überall in der Welt zu hören.“

Das also ist der Grund für den ungewöhnlichen nächtlichen Ton-Marathon. Die Klänge, alle Töne des Instruments werden aufgenommen, digitalisiert und für die Ewigkeit festgehalten. Und wer will, kann und mag, kann sich in wenigen Monaten dann schon eine Sampler-Version der großen Orgel in sein Wohn- oder Musikzimmer, seinen PC holen und den Klang dieser „Königin der Kircheninstrumente“ selbst erspielen.

Die Firma Sonus Paradisi hat sich darauf spezialisiert, den Klang alter Orgeln zu bewahren und digital aufzuzeichnen. Schon vor zehn Jahren hatte die tschechische Firma Kontakt zu Basilika-Organist Elmar Lehnen aufgenommen, „doch der meinte, wir sollten warten, bis die Seifert-Orgel restauriert ist“, sagt Jiri Zurek.

Und jetzt ist es soweit. Überall in der Basilika sind nun Mikrofone aufgebaut um alles aufzuzeichnen, was die größte deutsch-romantische Orgel der Welt mit ihren 8584 Pfeifen erschaffen kann. Die Anzahl der klingenden Pfeifen bestimmt die Klangfarbe des Instruments. Und das ist in Kevelaer einzigartig.

Jiri Zurek und sein Kollege Antonin Brazdil sammeln Nacht für Nacht Klangproben. Entsprechende Soft- und Hardware unterstützt die hochspezialisierte Aufnahmetechnik – das so nach und nach entstehende virtuelle Modell der Orgel wird nie ganz so klingen wie das Original, aber es wird ihm ganz schön nahekommen.

„Ein Großteil der Schönheit von Pfeifenorgeln, besonders alter Orgeln, liegt in den kleinen Eigenheiten der Pfeifen“, sagt Jiri Zurek. „Alle Details werden in allen Proben erfasst, für jede Pfeife werden mehrere Proben genommen“ – das bedeutet für die Kevelaerer Aktion die Digitalisierung von mehr als 27.000 Aufnahmen. Gesampelt werden auch die mechanischen Klänge der Orgel, also etwa Geräusche, die durch die Tastenmechanik, die Registermechanik und dem Orgelgebläse entstehen. „Deshalb wird die Orgel nachts gesampelt“, so Georg Maes, „wenn sowohl drinnen als auch außerhalb der Kirche alles am ruhigsten ist.“ Regen, Wind, Züge, Sirenen und auch gurrende Tauben auf dem Dach sind die größten Sorgenkinder der Techniker.

„Sonus Paradisi“ hat schon mehr als 50 Orgeln in der ganzen Welt gesampelt, „aber die Seifert-Orgel ist die größte, die ich je gesehen habe“, sagt Jiri Zurek. „So viele Farben, so viele specials, so ein warmer und weicher Klang…“ Orgelfans dürfen sich also freuen – wenn der heimische PC genug Speicher hat…

Jiri Zurek (vorne) und sein Kollege Antonin Brazdil sammeln Nacht für Nacht Klangproben der Seifert-Orgel. Foto: privat