Rees: Briefe, die ins Jenseits geschickt werden
Verkehrs- und Verschönerungsverein (VVV) weiht mit Vertretern der Reeser Kirchen einen Trauerbriefkasten auf dem kommunalen Friedhof am Westring ein
REES. „Briefkasten der Erinnerung“: Unter dieser Überschrift hat Michael Arts-Meulenkamp, Vorsitzender des Verkehrs- und Verschönerungsvereins (VVV) Rees, zusammen mit Vertretern der Kirchen und der Stadtverwaltung einen Trauerbriefkasten auf dem kommunalen Friedhof am Westring in Betrieb genommen.
Für seine Idee musste Arts-Meulenkamp vor mehreren Monaten zunächst etwas Überzeugungsarbeit im Rathaus leisten. Umso mehr freute es ihn, dass die katholische Pastoralreferentin Barbara Bohnen und die evangelische Pfarrerin Sabina Berner-Pip direkt begeistert waren und ihre Unterstützung für das VVV-Projekt zusagten.
Die Ursprungsidee kommt aus Japan, dort wurden Telefonzellen auf Friedhöfen installiert. Das „Telefon des Windes“ (japanisch: Kaze no denwa) ist eine nicht angeschlossene Telefonzelle, die Trauernden einen Ort bietet, an dem sie symbolisch mit verstorbenen Angehörigen sprechen können. Die Idee hatte der Japaner Itaru Sasaki aus Otsuchi, der den Verlust seines Cousins verarbeiten wollte. Das Modell fand weltweit Nachahmer, auch in Deutschland, zum Beispiel in Kassel und Bad Homburg.
Vom „Windtelefon“ zum „Trauerbriefkasten“
Das erste Windtelefon wurde 2010 nach einer Krebserkrankung in der Familie und später besonders nach dem Tsunami 2011 in Japan bekannt, um durch einseitige Gespräche die Trauer bewältigen zu können. Die Trauernden nehmen den Hörer ab, wählen eine Nummer und sprechen ihre Gedanken aus, in dem Glauben, dass der Wind die Worte zu den Verstorbenen trägt. Mittlerweile gibt es weltweit mehr als 150 dieser Windtelefone. Auch in den Niederlanden ist diese Form bekannt und wurde bereits in vielen Städten umgesetzt.
In Deutschland gibt es eine weitere Form der Trauerbewältigung, nämlich den „Trauerbriefkasten“. So wurde 2023 etwa in Oldenburg ein Briefkasten auf dem Friedhof aufgestellt. Die Resonanz ist äußerst positiv: Der Briefkasten wird jährlich geleert, in der Regel befinden sich darin zwischen 120 und 150 Briefe.
„Rees ist nun Vorreiter in unserer Region“, sagt Michael Arts-Meulenkamp. Der Trauerbriefkasten besteht aus Beton und steht nur wenigen Schritte vom Haupteingang (gegenüber vom Rewe-Parkplatz) entfernt. Optisch ist er den neuen Urnen-Stelen angepasst.
VVV hofft auf weitere Installationen in Rees
Der VVV hofft auf weitere Trauerbriefkästen in der Stadt und den Ortsteilen sowie in den benachbarten Städten. Der Reeser Trauerbriefkasten soll künftig immer am 2. November, zu Allerseelen, geleert werden. Die Briefe werden dann, ungeöffnet und ungelesen, in einer Schale auf dem Friedhof verbrannt.
An der Einweihung auf dem Reeser Friedhof nahmen Pfarrerin Sabina Berner-Pip und Pfarrer Berthold Engels sowie die Pastoralreferentinnen Barbara Bohnen und Christine Pohl teil. Außerdem Björn Jansen von der Stadt Rees und die VVV-Vorstandsmitglieder Angela Hommen und Michael Arts-Meulenkamp. Die Vertreter beider Kirchen kündigten an, bei Trauercafés und individuellen Trauergesprächen auf den neuen Briefkasten hinzuweisen. Gerade (aber nicht nur) für Kinder könne diese Art der Trauerbewältigung sehr hilfreich sein.
Auch bei einer Führung über den historischen und neuen Teil des Friedhofs, die der Reeser Geschichtsverein Ressa am Samstag, 18. Juli, ab 14 Uhr anbietet, wird die aktuelle Neuerung des 1823 eingeweihten Friedhofs am Westring thematisiert.
Angela Hommen und Michael Arts-Meulenkamp (beide VVV) weihten mit Björn Jansen (Stadt Rees) und den Kirchenvertretern Barbara Bohnen, Berthold Engels, Christine Pohl und Sabina Berner-Pip den Trauerbriefkasten ein. Foto: VVV