Radfahrer statt Rennfahrer
Bürgerinitiative „Verkehrswende Boeckelter Weg“ kritisiert Pläne der Stadt
GELDERN. Die Stadt Geldern ist Anfang des Jahres dem „Zukunftsnetz Mobilität NRW“ beigetreten; von einer „Mobilitätswende“ sowie „nachhaltigen Mobilitätskonzepten“ war damals die Rede, alles für eine „lebendige, sichere und gesunde Kommune“. Aus Sicht der Bürgerinitiative „Verkehrswende Boeckelter Weg“ ist das, was die Verwaltung jedoch für „ihre“ Straße plant, weder sicher noch gesund oder nachhaltig. „Wir verstehen nicht, dass hier eine Planung durchgesetzt werden soll, die von vorgestern ist – und die sowohl die Konzepte, die sich die Stadt Geldern selbst auf die Fahne geschrieben hat, als auch die Bürger komplett außen vor lässt“, sagt Monika van Bebber von der BI. Zwar gebe es nun eine Bürger-Information (s. Kasten), doch von einer Bürger-Beteiligung sei weiterhin keine Rede.
Wie die Stadt mitteilt, soll „im Rahmen der Modernisierung des Boeckelter Wegs etwa die Situation für Radfahrer und Fußgänger verbessert, neue Baum- und Pflanzbeete geschaffen oder die allgemeine Parksituation verbessert werden. Zugleich wird die Maßnahme wieder genutzt, um zusammen mit den Versorgungsträgern (unter anderem die Gelderner Stadtwerke) die Leitungen zu modernisieren.“
Klingt gut – ist es aber nicht, zumindest nicht laut der Bürgerinitiative. Wie schon bei der Konzeptvorlage für den Boeckelter Weg in der jüngsten Sitzung des Bau- und Planungsausschusses am vergangenen Dienstagabend, seien es lediglich „leere Worthülsen“, sagt van Bebber. „Das decken wir gerade auf.“ Dazu nimmt sich die Initiative die wesentlichen Ziele der Stadt Geldern für den Boeckelter Weg noch einmal vor.
Die Situation für Radfahrer und Fußgänger verbessern: Mit der aktuellen Planung werde laut der BI genau das Gegenteil erreicht. „Es soll ganz klar dem motorisierten Verkehr Vorrang gegeben werden“, sagt Daniela Scheffer. Durch den Umbau des Boeckelter Wegs zur Durchgangsstraße mit Begegnungsverkehr werde der Verkehr noch weiter zunehmen. „Er ist längst eine Durchgangsstraße“, sagt Scheffer. Sie belegt dies mit einer eigenen Verkehrszählung, die sie vor ihrem Haus durchgeführt hat: Zwischen 7 und 20 Uhr habe sie an einem Tag mehr als 2.500 Pkw gezählt. „Wir haben aktuell dreimal so viele motorisierte Verkehrsteilnehmer wie Radfahrer“, kritisiert Scheffer. „Dabei sollte es laut des Nahverkehrskonzeptes der Stadt genau andersherum sein.“
Eine Postkarten-Aktion der BI zeigt, dass schon heute die Sicherheit von Fußgängern und Radfahrern auf dem Boeckelter Weg als nicht besonders hoch eingeschätzt wird. Im Gegenteil: „Ich fühle mich sehr unsicher auf der Straße, da die Autos so knapp an mir vorbeifahren“, schreibt beispielsweise eine Anwohnerin, die sich einen Radweg wünscht. Tempo 30 wird oft gefordert, „aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens, da ältere Menschen und Kinder Schwierigkeiten haben, über die Straße zu kommen“, schreibt ein weiterer Anwohner.
Die Mitglieder der Bürgerinitiative treibt einerseits die Sorge vor einer „Rennstrecke“ auf dem Boeckelter Weg um, da die Stadt eine „Verflüssigung des Pkw-Verkehrs“ anstrebe, indem Parkplätze von der Fahrbahn in den heute noch breiten Bürgersteig verlegt werden. „Damit wird der Platz auf dem Bürgersteig an vielen Stellen halbiert“, sagt Silvia Mölders. Das bedeutet: Nicht mehr auf dem Gehweg findet der Begegnungsverkehr statt, sondern auf der Fahrbahn – nicht Fußgänger begegnen sich, sondern Pkw, Lkw und Busse.
Darin wiederum sieht man bei der BI eine große Gefahr für die schwächsten Verkehrsteilnehmer: Fußgänger und Radfahrer, hier insbesondere Kinder. Denn an den Boeckelter Weg grenzen – teils unmittelbar, teils in nahester Umgebung – verschiedene Einrichtungen: von Schule über Kindergarten und Sporthalle bis Seniorenwohnheim. Diese sorgen für ein erhöhtes Aufkommen vor allem von (jungen) Radfahrern und Fußgängern.
Neue Baum- und Pflanzbeete schaffen: Aktuell ist die Zahl der Bäume entlang des Boeckelter Weges eher übersichtlich. „Wir hatten hier mal eine richtige Allee“, erinnert sich Silvia Mölders. Doch nach und nach seien zahlreiche Bäume verschwunden, ohne dass neuen gepflanzt worden wären. Nach der „Modernisierung“ der Straße seien nur noch „marginalisierte Baumstandorte“ geplant, sagt Monika van Bebber: 39 Bäume seien vorgesehen – das bedeutet auf der rund 900 Meter langen Strecke alle knapp 50 Meter einen Baum auf jeder Seite. „Wir brauchen in Zeiten des Klimawandels viel mehr Bäume, mindestens die doppelte Anzahl“, fordert Friederike Sieben. Als Grund für die geringe Zahl an Bäumen nenne die Stadt die Gas- und Wasserleitungen. Ein Argument, das man bei der BI nicht gelten lässt. „Die Stadt sagt, sie plane bei der Straße für die nächsten 50 bis 80 Jahre – da kann man auch mal Leitungen verlegen“, sagt Sieben. „Zumal für die Arbeiten ja ohnehin alles aufgerissen werden muss“, ergänzt Heiner Mölders.
Die allgemeine Parksituation verbessern: Derzeit parken viele Anwohner der Reihenhäuser, die über keine eigene Garage verfügen, am Straßenrand. Wie erwähnt, sollen Parkplätze künftig in den heute noch breiten Bürgersteig integriert werden. Dadurch werde die Zahl der Stellplätze aus Sicht der Bürgerinitiative sinken, die Parksituation zunehmend angespannt. „Die Verwaltung stellt uns stattdessen vor die Wahl: Wollt ihr einen Parkplatz oder einen Baum vor der Tür haben?“, ärgert sich Heiner Mölders über eine Entweder-oder-Haltung der Stadt. Aus Sicht der BI sollen mit der aktuellen Planung die Wälle in der Gelderner Innenstadt entlastet werden – auf dem Rücken der Anwohner am Boeckelter Weg, der künftig die schnelle Verbindung zur B58-Tangente bilden soll. Eine Straße, deren Nutzung für die kommenden 50 bis 80 Jahre geplant werde und dann den Pkw-Verkehr in den Mittelpunkt rücke, sei aus Sicht der BI weder zeitgemäß noch nachhaltig, sondern vielmehr „fern der Realität“, die da heißt: Klimawandel und Verkehrswende.
Klar ist: Wer kritisiert, sollte Gegenvorschläge und Lösungen anbieten. „Die haben wir“, betont Monika van Bebber. Dazu formuliert die BI ihre Forderungen: der Schutz der Radfahrer durch Einrichtung einer Fahrrad- oder Einbahnstraße, bauliche Maßnahmen zum Schutz der schwächeren Verkehrsteilnehmer, verstärkte Anstrengungen für Klimaanpassungsmaßnahmen durch Baum- und Heckenpflanzungen, die Förderung nachhaltiger Mobilität und die Achtung vor dem Wohnviertel als Lebensraum von Menschen.
Für die Hauptforderung des Antrages, die Einrichtung einer Tempo-30-Zone, habe die Stadt zwischenzeitlich Zustimmung signalisiert – „aber nur mündlich, es gibt nach wie vor nichts Schriftliches dazu“, betont Friederike Sieben. Weitere wesentliche Forderungen stießen aber bislang auf taube Ohren. Diese sind etwa die Einrichtung einer Fahrradstraße, verbunden mit einer Einbahnstraßenregelung auf einem Teil des Boeckelter Wegs. Laut der BI stelle die Verwaltung dieser Forderung die Funktion der Straße als wichtigen Rettungsweg entgegen. Doch bei einem Vor-Ort-Termin mit Vertretern der Feuerwehr hätten diese bereits ihre Zustimmung signalisiert. „Der Vorschlag der Einbahnstraße kam sogar von ihnen“, erzählt van Bebber.
Was den Mitgliedern der Bürgerinitiative zudem sauer aufstößt: „Wir haben den Eindruck, dass wir alle Ratsfraktionen für uns gewonnen haben. Der Ausschuss am Dienstag zeigte Anerkennung für unser Engagement und Unterstützung für unser Anliegen“, berichtet van Bebber. „Aber die Verwaltung steht trotzdem weiter auf der Bremse.“
Letztlich hält die Initiative der Stadt Geldern etwa ihre eigene Nachhaltigkeitsplanung mit Zielen bis zum Jahr 2040 entgegen. „Daran sollen sie sich auch für unsere Straße halten“, fordert Daniela Scheffer.
Weitere Informationen (zur Bürgerinitiative, zu ihren Plänen und Forderungen) gibt es unter www.verkehrswende-geldern.de.
Informationsveranstaltung am 25. Juni
Um Anwohner und interessierte Bürger über den aktuellen Stand der Planungen sowie den geplanten Ablauf der Baumaßnahme zu informieren, lädt die Stadtverwaltung für Mittwoch, 25. Juni, ab 19 Uhr zu einer Informationsveranstaltung ein. Stattfinden wird die Veranstaltung in der Aula der ehemaligen Anne-Frank-Schule (Anne-Frank-Straße 1-3).
Engagieren sich für mehr Sicherheit auf dem Boeckelter Weg: (v. l.) Monika van Bebber, Friederike Sieben, Daniela Scheffer, Silvia und Heiner Mölders. NN-Foto: MB