Perspektivwechsel mit Stethoskop
Dr. Stefanie Rohrbach spricht über ihren Auslandseinsatz auf der philippinischen Insel Mindoro
EMMERICH. Dr. Stefanie Rohrbach ist ausgebildete Fachärztin in der Viszeralchirurgie. Zuletzt verbrachte sie sechs Wochen auf der kleinen Insel Mindoro, Philippinen. Organisiert wurde ihr Auslandseinsatz von der Hilfsinitiative „German Doctors“, die Ärzte in Entwicklungsländer schickt, um die Gesundheitsversorgung vor Ort zu unterstützen – genau da, wo das Gesundheitssystem bestimmte Regionen vernachlässigt. Von ihren Erfahrungen auf Mindoro und einer intensiven Zeit mit vielen bleibenden Eindrücken, hat die 34-Jährige aus Emmerich den NN berichtet.
Frau Dr. Rohrbach, wie wurden Sie ein „German Doctor“?
Dr. Stefanie Rohrbach: Im April 2024 habe ich meine Facharztausbildung abgeschlossen. Neben der chirurgischen Arbeit im Krankenhaus hatte ich aber auch immer schon den Wunsch für soziale Projekte freiwillig zu arbeiten. Schon im vergangenen Jahr habe ich mich bei den German Doctors für die Philippinen beworben und wurde dort als allgemeine Ärztin mit einem breiten Tätigkeitsfeld eingesetzt.
Was treibt Sie an, auch ehrenamtlich zu arbeiten?
Rohrbach: Wenn man als Ärztin oder Arzt tätig ist, hat man schon ein inneres Bestreben, Menschen zu helfen. Ich bin außerdem sehr reisefreudig und neugierig auf die Welt. Wir sind hier sehr privilegiert. In anderen Ländern ist das eben ganz anders. Deshalb möchte ich dort Gutes tun und einen sinnvollen Beitrag leisten.
Wie haben Sie sich auf Ihren Auslandseinsatz vorbereitet?
Rohrbach: Man wird von der Einsatzplanung der German Doctors sehr intensiv auf den Auslandsaufenthalt vorbereitet und muss Pflichtseminare absolvieren. Dort lernt man alles über Sicherheitsrisiken und die sozialen Strukturen vor Ort. Zusätzlich erhält man eine Packliste, Informationen zum jeweiligen Projekt, zu den Menschen, die in der Region leben und typischen Krankheitsbildern mit Therapievorschlägen, die sich an den lokalen Möglichkeiten orientieren.
Wie wurden Sie vor Ort aufgenommen?
Rohrbach: Das Projekt in Mindoro ist schon 20 Jahre alt und etabliert, es gibt ein festes Rotationsprinzip. Alle sechs Wochen kommt ein neuer Arzt der German Doctors, die Menschen sind also daran gewöhnt und man wird sehr herzlich empfangen. Es ist ein sehr familiäres Umfeld.
Bitte beschreiben Sie Ihren Arbeitsalltag auf Mindoro.
Rohrbach: Wir Ärzte fahren jeden Tag mit einem großen Pick-Up Truck in ein anderes, zu vor festgelegtes Dorf. Mit dabei sind ein Fahrer, eine Dolmetscherin, eine Apothekerin und jemand, der bei den Patienten die Ersteinschätzung durchführt. Das Auto wird mit allem beladen, das wir für die Behandlung brauchen. Man fährt zu den Dörfern durchaus ein, zwei Stunden in die Landschaft hinein, meistens auch die Berge hoch. Alle vier Wochen schließt sich der Kreis und man beginnt da, wo man angefangen hat. Das heißt auch, dass man Patienten einmal sieht und dann oft nicht mehr.
Was bedeutet das für Sie als Ärztin?
Rohrbach: Man muss sehr vorausschauend arbeiten, das ist eine Herausforderung. Ich hätte alle Patienten sehr gerne noch mal gesehen, auch um ein Feedback zu erhalten, wie es ihnen nach der Behandlung geht und ob ich mit meiner Einschätzung richtig lag.
Hat es Sie unter Druck gesetzt zu wissen, dass Sie die einzige Ärztin vor Ort sind?
Rohrbach: Durch meine Arbeit in der Chirurgie bin ich es gewohnt mit gewissen Drucksituationen umzugehen. Es nützt nichts, sich übermäßig Stress zu machen. Das Wichtigste ist, dass man selbst nach bestem Wissen und Gewissen arbeitet. Man muss sich vorbereiten und viel nachlesen.
Welchen Menschen sind Sie auf Mindoro begegnet?
Rohrbach: Die Patientengruppe ist sehr gemischt. Es kommen kleinste Kinder, Jugendliche und auch Ältere in den unterschiedlichsten Gesundheitszuständen zu einem. Manche Dörfer sind besser situiert als andere. Es gibt auf Mindoro noch viele indigene Völker, denen der Zugang zu medizinischer Versorgung aufgrund von Armut besonders erschwert ist. Patienten die weit in den Bergen wohnen sind teilweise drei oder vier Stunden zu
uns gelaufen.
Und mit welchen Krankheiten hat man es dort häufig zu tun?
Rohrbach: In einigen Dörfern hat man es besonders mit Unterernährung zu tun, in anderen Dörfern ist die Ernährung kein Problem, dort hat man es sogar mit Bluthochdruck und Diabetes zu tun, so wie bei uns. Auch tropische Krankheiten wie die Tuberkulose sind auf den Philippinen immer noch ein sehr großes Problem. Durch mangelnden Zugang zu Hygienemaßnahmen entstehen außerdem Hautpilzerkrankungen und Ekzeme, auch Wurmbefall in Verbindung mit Durchfallerkrankungen sind sehr ausgeprägt.
Ist Ihnen ein Fall besonders in Erinnerung geblieben?
Rohrbach: Ein Mädchen, vielleicht vier Jahre alt, kam in einem sehr schlechten Zustand mit seiner Mutter zu mir. Sie war blass, lethargisch mit einem aufgeblähten Bauch. Da hatte ich sofort den Eindruck, dass ein Wurmbefall vorliegt. Mein Team und ich mussten viel Überzeugungsarbeit leisten, um sie in einem Krankenhaus behandeln lassen zu können. Besonders da sie in eine Klinik vier Stunden entfernt verlegt werden musste. Es war nicht nur ein logistisches Problem, auch die Eltern wollten erst nicht zustimmen, da sie Angst hatten, dass hohe Kosten auf sie zukommen würden. Es wurden uns also viele Steine in den Weg gelegt die wir überwinden mussten, um die Kleine zu retten. In der Klinik zeigte sich später, dass ihr gesamter Bauchraum bereits voller Würmer war und sie an einer starken Blutarmut und Mangelernährung litt. Nach einer Woche konnte sie das Krankenhaus verlassen. Ohne Behandlung wäre sie sicher innerhalb kurzer Zeit gestorben.
Was nehmen Sie persönlich
von Ihrer Reise mit?
Rohrbach: Man kommt demütig wieder und lernt, das Gesundheitssystem in Deutschland wertzuschätzen. Hier ruft man den Krankenwagen und dieses Kind bekommt sofort Hilfe. Aber in Entwicklungsländern ist das unter Umständen sehr schwierig. Die Menschen dort sind schon gewöhnt, aufzugeben und nicht für ihre Gesundheit zu kämpfen, wenn es schwierig wird. Ein Leben hat für die Menschen dort nicht denselben Wert wie für uns hier in Deutschland. Da darf man nicht locker lassen und muss den Menschen vermitteln, dass Sie auch ein Recht auf eine gute medizinische Versorgung haben.
Haben Sie auch fachlich dazugelernt?
Rohrbach: Mit der Kinderheilkunde oder Allgemeinmedizin hatte ich sonst wenig Berührungspunkte, musste aber zum Beispiel diverse Untersuchungen bei einer Schwangeren durchführen, Diabetes und Blutdruck neu einstellen. Man frischt seine Grundlagen aus dem Studium so wieder auf und kann seine Einschätzungen besser vornehmen. Außerdem ist das Equipment vor Ort sehr begrenzt. Man muss sehr viel mit seinen eigenen Händen untersuchen und davon ableiten. Ohne Labor oder bildgebende Verfahren. Das ist praktische Erfahrung, die für jeden wertvoll ist.
German Doctors
Neben Einsätzen auf den Philippinen findet die Hilfsarbeit von German Doctors unter anderem auch in der Seenotrettung im Mittelmeer, Indien, Bangladesch und einer Vielzahl afrikanischer Länder statt. Während der sechswöchigen Einsätze wird vor Ort nicht nur medizinische Hilfe geleistet, sondern auch Fachpersonal ausgebildet. Die Arbeit der deutschen Ärzte ist ehrenamtlich und finanziert sich allein durch Spenden. Etwa 1.200 Personen kann ein German Doctor bei seinem Einsatz behandeln. Weitere Informationen unter
www.german-doctors.de.
Zusammen mit ihrem Team und der mobilen Praxis, ging es durch Berge und Wälder der philippinischen Insel.
Dr. Stefanie Rohrbach behandelte sechs Wochen lang indigene Völker in den Bergen der Insel Mindoro. Foto: Privat