Ökumenisches Grußwort zum jüdischen Neujahrsfest 5787
Segenswunsch der Landeskirchen und Bistümer zu Rosch HaSchana
NIEDERRHEIN. Die fünf katholischen (Erz-)Bistümer sowie die drei evangelischen Landeskirchen in Nordrhein-Westfalen senden auch in diesem Jahr ein gemeinsames Grußwort an die jüdischen Gemeinden zum Neujahrsfest Rosch HaSchana. Im gemeinsamen Wort wünschen die Vertreter der christlichen Kirchen den Juden in Nordrhein-Westfalen ein gesegnetes Neujahrsfest: „Schana tova umetukka!“ – „Ein gutes und süßes Jahr!“ Für das Bistum Münster hat Bischof Dr. Heiner Wilmer das Grußwort unterzeichnet.
In dessen Mittelpunkt steht die gemeinsame Verantwortung für den Erhalt der Demokratie. Anlass ist, dass in zeitlicher Nähe zu Rosch HaSchana in mehreren Bundesländern Wahlen stattfinden. „Freie und allgemeine Wahlen machen den Kern unserer Demokratie aus“, heißt es in dem ökumenischen Grußwort. Darin verwirkliche sich ein Menschenbild, das Judentum und Christentum präge: „Alle Menschen sind mit gleicher Würde geschaffen: ‚Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde.‘“ Die Kirchen erinnern zugleich daran, dass es nach der Zeit des Nationalsozialismus keineswegs absehbar gewesen sei, dass Deutschland sich zu einem demokratischen Staat entwickeln würde. Umso dankbarer zeigen sich die Unterzeichnenden, dass auch Juden, die von der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft verfolgt worden waren, die beginnende Demokratie in Deutschland unterstützt haben. Schon in den ersten Jahren nach Ende der Diktatur seien jüdische Gemeinden in Deutschland neu gegründet worden; Juden hätten sich in Politik und Zivilgesellschaft eingebracht. „Dieses Engagement können wir nicht hoch genug schätzen. Es gehört unlöslich zu unserer Geschichte – und zu unserer Zukunft“, betonen die Kirchen.
Mit Blick auf die Gegenwart warnen die Kirchenvertreter: „Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie kann nur existieren, wenn Menschen sich aktiv für sie einsetzen.“ Dies sei gerade heute nötig, wo Feinde der Demokratie die Mittel des demokratischen Rechtsstaates nutzten, um diesen abzuschaffen. Antisemitische und antidemokratische Einstellungen gingen dabei oft Hand in Hand: „Wer die Demokratie einschränkt, diskriminiert Menschen und grenzt sie vom gesellschaftlichen Leben aus.“ Für das neue jüdische Jahr verbinden die Kirchen den Segenswunsch mit dem Aufruf zu gemeinsamem Engagement: „Lassen Sie uns als Juden und Christen in diesem Jahr gemeinsam wirken für den Erhalt der Demokratie – zusammen mit allen Menschen, die dem gleichen Ziel verbunden sind.“ Das Grußwort schließt mit dem Vertrauen: „Gott behütet unseren Ausgang und Eingang. Darin liegt unsere Zuversicht und Zukunft.“
Über das Grußwort hinaus sagt Dr. Johannes Sabel, Beauftragter des Bistums Münsters für die Beziehungen zum Judentum: „Mit Rosch HaSchana gehen in der jüdischen Tradition zehn Tage der Besinnung und Selbstreflexion einher. Dies kann auch ein Impuls für uns Christinnen und Christen sein, angesichts der gegenwärtigen Lage genau hinzuschauen: Machen wir unsere Verbundenheit mit den Jüdinnen und Juden in unserem Bistum und in unserem Land kraftvoll und konkret sichtbar? Mischen wir uns in die gesellschaftlichen Diskussionen, in denen der Antisemitismus Raum gewinnt, klar und zugleich präzise ein? Kritisieren wir die christlichen ,Traditionen‘, Vorstellungen und Denkmuster, die das Judentum abwerten, deutlich und wirksam?“
Mit dem jüdischen Neujahrsfest Rosch HaSchana, das 2026 vom Abend des 11. September bis zum 13. September gefeiert wird, beginnt nach jüdischer Zählung das Jahr 5787. Rosch HaSchana bedeutet wörtlich „Beginn des Jahres“ und eröffnet den wichtigsten Festkreis im jüdischen Jahr.
Das aktuelle Grußwort haben neben Münsters Bischof Wilmer unterschrieben: Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz (Erzbistum Paderborn), Bischof Dr. Helmut Dieser (Bistum Aachen), Präses Michael Keil (Lippische Landessynode), Präses Dr. Thorsten Latzel (Evangelische Kirche im Rheinland), Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck (Bistum Essen), Präses Dr. Adelheid Ruck-Schröder (Evangelische Kirche von Westfalen) und Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki (Erzbistum Köln).