Präsentierten die Ergebnisse in der ehemaligen Synagoge in Issum: (v. l.) Max Nellen, Malte Krüger, Jan Rickers, Ashley Meister-Seewöster, Emely Franke, Sarah Schattling, Maren Koch und Linda Kovac. NN-Foto: Theo Leie
26. Juni 2025 · Wachtendonk

NS-Aufklärung, ganz intim

Die 9. Klasse der Freien Realschule Weitsicht in Wachtendonk gestaltete den Anne-Frank-Tag

WACHTENDONK. Spannende und teils erschreckende Parallelen zu der Zeit vor 80 Jahren zog die 9. Klasse der Freien Realschule Weitsicht in Wachtendonk im Rahmen des Anne-Frank-Tags. Diesen nahmen die Jugendlichen zum Anlass für eine Premiere: einen besonderen, intimen Tag im Zeichen des Gedenkens und der Aufklärung.

Die Idee zur – freiwilligen – Gestaltung des Anne-Frank-Tags kam Lehrerin Veronika Brückner im Zuge des Geschichtsunterrichts. „Wir hatten schon länger das Thema Nationalsozialismus“, erzählt ihr Schüler Jan Rickers. Wie Brückner erläutert, sollte es im Projekt aber nicht darum gehen, die grausamen Umstände und Gräuel der NS-Zeit in den Fokus zu rücken, sondern die Ungerechtigkeit der Vergangenheit anhand des persönlichen Schicksals einer Gleichaltrigen zu vergegenwärtigen. „Ziel war es, eine Verbindung zwischen den Schülern und Anne Frank aufzubauen“, sagt sie. Die Grundlage dafür und das Projekt im Allgemeinen bildeten die Tagebücher der Anne Frank.

Der Klasse gefiel dieser Vorschlag, steckte gut zwei Monate Arbeit in die Vorbereitung und lernte dabei immer wieder Neues. „Ich wusste vorher gar nicht, dass die Juden irgendwann kein Fahrrad mehr fahren durften“, nennt Ashley Meister-Seewöster ein Beispiel.

Am 12. Juni, pünktlich zum Anne-Frank-Tag, präsentierten einige der Jugendlichen die Ergebnisse dann ganz offiziell, um den Themenkomplex rund um Anne Frank zunächst ihren Mitschülern der 6., 7. und 8. Klassen näherzubringen. Für viele der Jüngeren sei das zwar Neuland gewesen, wie die Neuntklässler erzählen, doch sie wussten die Wissenslücken gekonnt zu füllen. Das Ziel war klar: „Die Vergangenheit soll nicht in Vergessenheit geraten und sich nicht wiederholen“, sagt Max Nellen.

Um ihre Mitschüler in der Schule und abends bei der Abschlussveranstaltung auch ihre Eltern in der Synagoge in Issum bestmöglich abzuholen, setzte man von Anfang an auf Anschaulichkeit. Bei der Umsetzung des Projekts hatten die Schüler kreative Freiheit, die sie nicht nur bei den selbst gestalteten Plakaten ausreizten: Jan Rickers erzählt von einem Podcast, der als eine erste Einführung in das Thema Nationalsozialismus und Judenverfolgung diente. Andere aus der Klasse bastelten: nicht nur eine Nachbildung der Issumer Synagoge aus Holz und Pappe, sondern auch das Haus, in dem sich Anne Frank versteckte.

Wie sehr das Thema zu ihnen selbst vorgedrungen ist, spiegelten andere Ansätze wider: Maren Koch und Sarah Schattling zum Beispiel produzierten einen kleinen Film, in dem sie nicht nur Auszüge aus den Tagebüchern wiedergeben, sondern auch die Brücke zur Gegenwart schlagen, indem sie ihre eigenen Gedanken und Fragen zum Thema nach außen trugen. „Auch heute hören wir Sätze wie: ‚Die gehören nicht zu uns.‘ Das macht uns Angst. Wird die Geschichte wieder überhört?“, fragen sie und lassen eine wichtige Lektion folgen: „Vergangenheit verstehen heißt: Verantwortung übernehmen für heute.“

Emely Franke ging einen ähnlichen Weg, indem sie einen Brief an Anne Frank verfasste. Dabei teilte auch sie bezugnehmend auf Annes Tagebücher ihre persönlichen Gefühle und Gedanken mit der Außenwelt und stellte ebenfalls wichtige Lehren aus der Vergangenheit heraus: die große Bedeutung von Freiheit und Menschlichkeit.

Linda Kovac wiederum wollte ihre kreative Ader eigentlich mit einer Graphic Novel ausleben, „dafür hatte ich dann aber leider keine Zeit. Aber ich finde es gut, wenn man seine Ideen und Interessen umsetzen kann“, sagt sie lobend. Statt in eine Graphic Novel investierte Kovac ihre Kreativität schlussendlich in einen Brief: geschrieben aus Annes Sicht an ihr zukünftiges Ich.

Viele Parallelen

Der Ansatz, über die Tagebücher die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden, hat sich bewährt: Bei der Auseinandersetzung stellten sich viele Parallelen zwischen Anne Frank und den Jugendlichen von heute heraus – zum Beispiel was Gedanken über die eigene Person, Gefühle wie Liebe, Sexualität oder auch die Dynamik in der Familie angeht. Auch beim Thema Schule konnten die Jugendlichen Vergleiche ziehen: Wie war es vor dem Krieg, wie währenddessen und was hat sich bis heute verändert? Parallelen der negativen Art fielen den Schülern auf gesellschaftlicher Ebene auf. „Damals waren die Juden der Sündenbock, heute sind es die Ausländer“, sagt Max Nellen.

Da statt auf die distanzierte Erzählung mittels Geschichtsbücher auf die intime Ebene der Tagebücher gesetzt worden sei, habe das Thema viel intensiver wirken können, sagen die Schüler. Sie sind überzeugt, auch durch die kreative und autonome Arbeitsweise viel mehr über das Thema gelernt zu haben, als sie es sonst getan hätten.

Ihre Lehrerin zeigt sich jedenfalls beeindruckt von den Ergebnissen und zieht daraus auch neue Erkenntnisse für sich selbst: „Als Lehrer müssten wir eigentlich mutiger sein und unseren Schülern mehr Freiraum geben.“ Sie ist sich sicher: Es soll nicht der letzte Anne-Frank-Tag gewesen sein.

Präsentierten die Ergebnisse in der ehemaligen Synagoge in Issum: (v. l.) Max Nellen, Malte Krüger, Jan Rickers, Ashley Meister-Seewöster, Emely Franke, Sarah Schattling, Maren Koch und Linda Kovac. NN-Foto: Theo Leie