Notfallseelsorge nach Unfall in Dinslaken: „Wichtig, dass jemand da ist“
Interview mit Peter Bromkamp, Notfallseelsorge-Koordinator im Kreis Wesel
NIEDERRHEIN/DINSLAKEN. Bei einem tragischen Verkehrsunfall sind am 27. Mai zwei zwölfjährige Kinder in Dinslaken auf dem Weg zur Schule ums Leben gekommen. Teams der Notfallseelsorge sind seither in der Schule und am Unfallort im Einsatz, um für direkt Betroffene und Menschen, die ihr Mitgefühl ausdrücken wollen, da zu sein. Peter Bromkamp (57) koordiniert gemeinsam mit Kerstin Pekur-Vogt die ökumenische Notfallseelsorge im Kreis Wesel und war selbst vor Ort.
Wie erleben Sie die Atmosphäre in Dinslaken?
Peter Bromkamp: Sowohl in der Schule als auch in der ganzen Stadt ist eine große Betroffenheit zu spüren. Viele Menschen kommen zum Unfallort, um dort Blumen abzulegen oder Kerzen anzuzünden und so ihr Mitgefühl auszudrücken. Dieser Unfall ist für viele Dinslakenerinnen und Dinslakener und insbesondere für die Schulgemeinschaft ein einschneidendes Ereignis. Ich erlebe eine sehr gute Zusammenarbeit zwischen den Lehrern, der Schulleitung, den Schulpsychologen und auch mit der Stadt und den Rettungskräften. Die Feuerwehr hat zum Beispiel am Unfallort ein Zelt für uns aufgebaut, damit wir in Ruhe mit den Menschen sprechen können.
Können Sie und Ihre Kollegen in so einer Situation Trost spenden?
Bromkamp: Nein. Das kann ich klar sagen: In dieser akuten Phase kann kein Trost gespendet werden. Zunächst geht es darum, die Situation auszuhalten und zu zeigen, dass man für die Menschen da ist. Das ist wichtig. Mit der Zeit kann aus den Gesprächen Trost entstehen und wachsen. Das ist jedoch kein Automatismus und nach der Akutphase, in der wir als Notfallseelsorgende vor Ort sind, brauchen einige Menschen weitere Hilfe. Für die Schülerinnen und Schüler sind dann zum Beispiel die Schulpsychologen eine wichtige, längerfristige Anlaufstelle.
Mit welchen Gefühlen werden Sie vor Ort konfrontiert – und wie gehen Sie damit um?
Bromkamp: Solch ein Ereignis ist eine außergewöhnliche Belastungssituation, in der die Menschen ganz unterschiedlich reagieren. Neben Trauer und Betroffenheit gibt es auch Ohnmacht und Wut. Die Situation scheint einen innerlich schier zu zerreißen und sucht sich einen Kanal. Das richtet sich, und das möchte ich betonen, jedoch nicht gegen uns. Im Gegenteil erfahren wir als Notfallseelsorgende eine große Dankbarkeit für unseren Einsatz. Wir sind mit sehr erfahrenen Teams im Einsatz und sind geschult darin, mit den Gefühlen umzugehen, mit denen wir konfrontiert werden. Daher können wir diese Emotionen aushalten und Betroffenen das Gefühl geben, dass sie mit ihren Gefühlen und Gedanken nicht allein sind, dass es Menschen gibt, die ihnen zuhören und den Raum für die Emotionen geben.
Die Notfallseelsorge ist ökumenisch aufgestellt. Spielt die Konfession in solchen Momenten eine Rolle?
Bromkamp: Nein, wir sind für alle Menschen da, egal, ob sie gläubig sind oder nicht. Und wir merken bei den Einsätzen, dass die Betroffenen, die mit uns sprechen möchten, darauf auch nicht achten. Es zählt, dass da jemand ist, mit dem man sprechen kann oder der auch einfach nur zuhört. Für mich ist der Glaube eine wichtige Ressource. Ich weiß, dass Gott bei mir ist, wenn ich in den Einsatz gehe.
Wie geht es nach so einem Unfall weiter? Für die Menschen vor Ort, aber auch für die Notfallseelsorgenden?
Bromkamp: Wie ich schon sagte, werden die meisten Menschen nach der Akutphase mit der Situation umgehen können. Wer noch weitere Hilfe benötigt, kann sich zum Beispiel an die Telefonseelsorge wenden, die auf ein großes Hilfenetzwerk zugreifen kann. Sie ist unter den Nummern 0800/111000111 oder 0800/111000222 rund um die Uhr kostenfrei zu erreichen. Wir Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger werden zum Abschluss des Einsatzes eine Nachbesprechung machen und haben, wie nach jedem Einsatz, ebenfalls die Möglichkeit, Gesprächsangebote zu nutzen. Dann sind wir wieder in Bereitschaft, auch das gehört zu unserem Dienst, den wir teils ehren- und teils hauptamtlich leisten.
Peter Bromkamp koordiniert, gemeinsam mit Kerstin Pekur-Vogt, die Notfallseelsorge im Kreis Wesel. Foto: privat
Die Notfallseelsorge ist ökumenisch aufgestellt. Die Religionszugehörigkeit der Betroffenen spielt im Einsatz jedoch keine Rolle, die Seelsorger stehen allen Menschen zur Verfügung. Foto: Bischöfliche Pressestelle / Christian Breuer