Sternenkinder-Grabfeld auf Klever Friedhof, Gedenkstätte für verstorbene Kinder, ruhige Atmosphäre.
23. Oktober 2026 · Kleve

„Niemand muss allein trauern“

„Regenbogenbrücke“ bietet Familien nach dem Verlust eines Kindes Ort zum Reden

NIEDERRHEIN. „Alle reagieren betroffen, aber wirklich verstehen kann man es nur, wenn man es selbst erlebt hat.“ Ein halbes Jahr hat es gedauert, bis Björn Borrmann und Kara Hunzelder die richtigen Worte fanden. Bis sie bereit waren, über den wohl schwersten Moment ihres Lebens zu sprechen – und ihre Geschichte mit anderen zu teilen.

Im April 2025 verloren die beiden ihren Sohn. In der 40. Schwangerschaftswoche hörte sein Herz auf zu schlagen. Plötzlicher Kindstod im Mutterleib. Eine Diagnose, die für die Eltern kaum zu begreifen war. „Wir standen beide unter Schock“, sagt Björn. „Man kann das eigentlich gar nicht in Worte fassen.“ Noch nie in seinem Leben habe er sich so hilflos gefühlt. Die Kliniktasche war gepackt, die Vorfreude groß. Als mitten in der Nacht die Wehen einsetzten, machten sich die beiden auf den Weg ins Krankenhaus – in dem festen Glauben, dass sie bald ihren Sohn in den Armen halten würden. Doch schon bei der Ankunft spürten sie: Etwas stimmt nicht. „Erst kam die Hebamme, dann eine junge Ärztin, anschließend die Oberärztin und ganz zum Schluss noch die Chefärztin“, erinnert sich Kara. Dann kam die Nachricht, vor der kein werdendes Elternpaar je Angst haben möchte: „Man teilte uns dann sehr einfühlsam, aber durchaus auch sachlich mit, dass das Herz unseres Kindes aufgehört hatte zu schlagen.“

Einige Stunden später brachte Kara ihren Sohn zur Welt. Ein Kind, auf das sie sich so lange gefreut hatten und das sie nun nicht mit nach Hause nehmen konnten. „Alles war still“, sagt sie. Ein Satz, der vielleicht am besten beschreibt, was in diesem Moment mit ihnen geschah. Während um sie herum das Leben weiterging, schien ihre eigene Welt stehen geblieben zu sein. Eine Seelsorgerin begleitete die beiden, segnete ihren Jungen und kümmerte sich um sie. Sie gab ihnen auch den Tipp, sich an die „Regenbogenbrücke“ zu wenden, eine Gruppe, in der Eltern von Sternenkindern zusammenkommen. Doch daran war für Kara und Björn zunächst überhaupt nicht zu denken. Der Schmerz war zu frisch, die Leere zu groß. „In der ersten Zeit wollte ich niemanden außer Björn um mich haben“, sagt Kara. Freunde und Bekannte, Nachbarn und Arbeitskollegen hätten zwar „gut“ reagiert. Trotzdem habe jedes Gespräch über das Geschehene die Wunde wieder aufgerissen. Ein Blick, eine Frage, manchmal nur ein Satz – und plötzlich war alles wieder da. Als Influencerin war es für Kara (@mittendrin_sein) dennoch selbstverständlich, ihre Follower zu informieren. „Ich habe es direkt öffentlich gemacht und darum gebeten, Abstand zu halten.“ Die Menschen hätten diesen Wunsch respektiert. Auch das habe ihr geholfen.

Mit der Zeit wurde es ein wenig leichter, über ihren Sohn zu sprechen. Nicht, weil der Schmerz verschwunden wäre. Sondern weil er einen Platz in ihrem Leben bekommen hat. Gerade die Gespräche mit älteren Frauen hätten Kara gezeigt, wie sehr sich der Umgang mit dem Thema verändert hat. Sie habe erfahren, dass viele Frauen selbst Ähnliches erlebt hätten – oft vor Jahrzehnten. Damals sei darüber kaum gesprochen worden. „Früher wurde es verschwiegen oder sogar als Makel empfunden.“ Kara ist froh, dass das heute anders ist. Denn Schweigen macht einen Verlust nicht kleiner. Björn geht noch einen Schritt weiter. „Ich denke, dass es viel mehr Menschen gibt, die unser Schicksal teilen, aber sich nicht trauen, offen damit umzugehen“, sagt er. Auch über Fehlgeburten und frühe Verluste müsse man reden können. „Schließlich ist die Liebe zu einem Kind nicht in Wochen zu rechnen“, findet er. Viel Kraft geben den beiden die Treffen der „Regenbogenbrücke“, die sie nun seit fast einem Jahr besuchen. „Man ist freier in der Kommunikation, weil man weiß, dass die anderen uns verstehen“, sagt Kara. Alles dürfe gesagt und auch gefühlt werden. Man müsse sich nicht verstellen. „Man sollte den Mut aufbringen, Hilfe anzunehmen“, ist Björn wichtig: „Niemand muss mit seiner Trauer alleine bleiben.“

Ins Leben gerufen wurde die „Regenbogenbrücke“ von Annalena Erren. Die Bedburg-Hauerin hat ihr Sternenkind im Juli 2021 zur Welt gebracht. Ihr Sohn lebte nur wenige Augenblicke. Damals war die heute 29-Jährige, die mittlerweile glückliche Mutter von zwei gesunden Kindern ist, in der 22. Schwangerschaftswoche. „Zu der Zeit gab es in Kleve und Umgebung keine Selbsthilfegruppe und keinen Verein oder Einrichtung, die ich hätte ansprechen können“, blickt sie auf diese schwere Zeit zurück, in der sie sich sehr einsam gefühlt hat. Doch sie wollte etwas ändern. Durch einen Zeitungsaufruf fand sie weitere Eltern von Sternenkindern und rief die Initiative „Regenbogenbrücke“ ins Leben. Heute trifft man sich regelmäßig im Familienzentrum in Kellen, um miteinander zu reden und sich gegenseitig Mut zu machen.

„Wir zünden zuerst immer Kerzen für unsere Sternenkinder an“, spricht Annalena über feste Rituale. Dann wird geredet. „Anstehende Feste wie Weihnachten oder Jahrestage sind immer ein Thema, aber auch ganz allgemein tauschen wir uns aus und sprechen darüber, wie es uns gerade geht.“ Mal gibt es auch ein Sommerfest, mal eine kleine Weihnachtsfeier. Im Mittelpunkt stehen aber die Treffen, aktuell nicht monatlich, sondern etwa alle zwei Monate. „Weil viele Familien gerade Nachwuchs bekommen haben und die Zeit fehlt“, sagt sie. Eine Vereinsgründung stehe zwar immer mal wieder im Raum, sei aber noch nicht konkret. „Das hat vor allem mit dem zeitlichen Mehraufwand und den bürokratischen Anforderungen zu tun“, erklärt Annalena. Generell würde sie sich momentan eine stärkere Beteiligung wünschen. Gerne auch paarweise oder Solo-Väter. „Männer werden bei diesem Thema schnell vergessen, aber für sie ist es ja genauso schlimm“, findet sie. Wer möchte, kann sich bei ihr melden und einfach beim nächsten Treffen vorbeischauen. Das findet am 2. November ab 19 Uhr im Montessori-Kinderhaus in Kellen statt. Kontakt via Facebook, Instagram unter Telefon 0176/ 42736866 oder per Mail an regenbogenbruecke-kleve@web.de.

Auf dem Klever Friedhof gibt es ein Sternenkinder-Grabfeld. NN-Foto: Rüdiger Dehnen