Moyland: Sieverding trifft Beuys
Rund 140 Werke im Dialog – darunter erstmals gezeigte Kostüm- und Bühnenbildentwürfe
MOYLAND. Mit „Katharina Sieverding im Dialog mit Joseph Beuys“ widmet das Museum Schloss Moyland erstmals eine Ausstellung in dieser Tiefe den Verbindungen und Unterschieden zwischen den Werken beider Kunstschaffenden. Eröffnet wird die neue Ausstellung am Sonntag, 11. Oktober, um 14 Uhr (Eintritt ab 13.30 Uhr frei). Zu sehen ist sie bis zum 8. Februar 2027.
Im Zentrum stehen gemeinsame Fragen nach politischer Wirklichkeit, gesellschaftlichen Prozessen, Öffentlichkeit und der Rolle der eigenen Person in der Kunst – ebenso wie die unterschiedlichen künstlerischen Mittel und Haltungen, mit denen Beuys und Sieverding darauf antworten. Einen besonderen Akzent setzt die erstmalige Präsentation von rund 30 frühen Kostüm- und Bühnenbildentwürfen Sieverdings aus den Jahren 1963 bis 1967, die einen bislang wenig bekannten Ausgangspunkt ihres Werks sichtbar machen. Die Ausstellung umfasst rund 140 Werke von Katharina Sieverding und Joseph Beuys, darunter Fotografien, Zeichnungen, Film- und Diaprojektionen sowie raumbezogene Arbeiten. Ergänzt werden sie durch Fotografien und Dokumente aus dem Joseph Beuys Archiv des Museums Schloss Moyland, dem Archiv Katharina Sieverding und Klaus Mettig sowie verschiedenen Theaterarchiven.
Bei Joseph Beuys erweitern sich Skulptur und Zeichnung in Material, Aktion, Sprache, Lehre und Politik. Katharina Sieverding entwickelt seit den späten 1960er-Jahren mit Fotografie und Film eine Bildsprache, in der Körper, Geschichte, Medien und Politik aufeinandertreffen. Ihre Bilder werden vergrößert, überblendet, wiederholt und neu kontextualisiert und orientieren sich am Maßstab von Architektur, Kinoleinwand und öffentlichem Raum. Sieverdings Fotografie bildet Wirklichkeit nicht ab, sondern setzt sich mit ihr auseinander und wird selbst Teil gesellschaftlicher Öffentlichkeit. Auch bei Beuys kommt der Fotografie eine über die Dokumentation hinausgehende Bedeutung zu: Besonders seinen Aktionen verleiht sie eine zweite, bildliche Existenz und macht das flüchtige Geschehen über den Moment hinaus sichtbar und neu befragbar.
Die Wege von Sieverding und Beuys kreuzen sich in den 1960er-Jahren an der Kunstakademie Düsseldorf. 1967 wechselt Sieverding aus der Bühnenbildklasse von Teo Otto in die Klasse von Beuys. In den folgenden Jahren wird die Akademie selbst zum politischen und künstlerischen Handlungsraum, in dem Lehre, gesellschaftliche Auseinandersetzung und Kunst ineinandergreifen. In diesem Umfeld entsteht „Eigenbewegung“, Sieverdings fotografische Arbeit aus dem politisierten und experimentellen Umfeld der Beuys-Klasse – zwischen künstlerischer Aktion, erweitertem Lehrbegriff und institutionellem Konflikt.
Einen bislang wenig bekannten Ausgangspunkt ihres Werks macht die Ausstellung erstmals in größerem Umfang öffentlich zugänglich: Rund 30 Kostüm- und Bühnenbildentwürfe aus den Jahren 1963 bis 1967 geben Einblick in Sieverdings Arbeit für das Theater, unter anderem mit dem Regisseur Fritz Kortner und dem Bühnenbildner Teo Otto. Raum, Figur, Kostüm, Maßstab und Inszenierung erscheinen hier bereits als zentrale Fragen. Zugleich eröffnet sich eine Perspektive vom politischen Theater der Nachkriegszeit über die Akademie als Lehr- und Handlungsraum bis zum öffentlichen Raum als Ort künstlerischer Auseinandersetzung.
Auch die eigene Erscheinung wird zum künstlerischen Mittel. Kleidung, Auftreten und Inszenierung tragen bei Beuys wie bei Sieverding zu einer hohen Wiedererkennbarkeit bei und werden Teil ihrer öffentlichen Kommunikation. Bei Sieverding reicht diese Erfahrung von den frühen Theaterarbeiten bis zu den fotografischen Selbstbildern, in denen Porträt und Pose nicht das private Selbst festschreiben, sondern als verhandelbare Zeichen eingesetzt werden. Beuys nutzt sein öffentliches Auftreten in Aktionen und Demonstrationen als Teil der Vermittlung seines erweiterten Kunstbegriffs. Bei beiden verdichtet sich die künstlerische Haltung somit auch in einer öffentlichen Figur, die zugleich zur Projektions- und Reflexionsfläche wird.
Über diese biografischen und formalen Berührungen hinaus beschäftigen beide Werke Fragen nach Individuum und Gemeinschaft, Freiheit und Ordnung, Kapital und Politik, nach Transformation, Menschenbild, Energie und Kosmos und nach der Verantwortung des Einzelnen innerhalb größerer gesellschaftlicher Zusammenhänge.
Kuratoriert wurde die Ausstellung von Alexander Grönert, Antje-Britt Mählmann, Orson Sieverding und Pola Sieverding. Zur Ausstellung erscheint im Hirmer Verlag ein Katalog mit 208 Seiten, 180 farbigen Abbildungen und aktuellen Texten zu den Themen der Ausstellung von Diedrich Diederichsen, Alexander Grönert, Antje-Britt Mählmann, Christine Mehring, Diana Weis und Wolfgang Zumdick. Museumsausgabe (während der Laufzeit der Ausstellung): 35 Euro.
Katharina Sieverding (Schichtseite nach unten VIII 1971/2007, 2007, VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Klaus Mettig, VG Bild-Kunst, Bonn 2026)