"Dr. Frank Bergmann und Dr. Carsten König, KVNO-Vorstände, lächelnd"
13. Mai 2026 · Niederrhein

Modellprojekt für die ambulante Versorgung

KV Nordrhein erprobt Einsatz von Physician Assistants bei Haus- und Fachärzten

NIEDERRHEIN. Das Modellprojekt „Physician Assistants in Nordrhein“ der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein geht in die nächste Phase: Nachdem im Herbst des vergangenen Jahres die ersten Haus- und Facharztpraxen Physician Assistants (PAs) in ihren Praxisalltag integriert haben, findet seit Mai eine erste Evaluation des Projekts statt. Dabei bewerten die teilnehmenden Ärzte gemeinsam mit ihren PAs die Chancen und Herausforderungen in der ambulanten Versorgung. Ziel des Modellprojekts ist es, die Rolle dieses Berufsbildes im Praxisalltag differenziert zu beleuchten und Impulse für die Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen zu geben. Insgesamt nehmen 16 Haus- und Facharztpraxen aus dem Rheinland am zweijährigen Modellprojekt teil.

PAs sind akademisch ausgebildete Gesundheitsfachkräfte. Sie unterstützen Ärzte bei diagnostischen und therapeutischen Tätigkeiten und übernehmen delegierbare Aufgaben in der Patientenversorgung. Ihre Ausbildung umfasst medizinische Grundlagen, klinische Fertigkeiten und praxisorientierte Kompetenzen. In Deutschland sind sie in Krankenhäusern bereits etabliert. Obwohl es den Ausbildungsberuf hier bereits seit über 20 Jahren gibt, sind sie in der ambulanten Versorgung bislang allerdings nur punktuell anzutreffen. Genau hier setzt das Modellprojekt der KV Nordrhein an. „Eine bedarfsgerechte ambulante Versorgung funktioniert auf Dauer nur im Team – sie braucht allerdings verlässliche Rahmenbedingungen. Gerade bei älteren, chronisch kranken Menschen wird die Behandlung immer komplexer“, sagt Dr. med. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein. „Physician Assistants können Ärztinnen und Ärzte im Praxisalltag entlasten und so mehr Zeit für anspruchsvolle Fälle schaffen.“

Um Erkenntnisse über die tatsächlichen Einsatzmöglichkeiten im Praxisalltag zu gewinnen, erproben seit 2025 16 haus- und fachärztliche Praxen den Einsatz von Physician Assistants unter realen Versorgungsbedingungen – darunter sind Standorte in Düsseldorf, Köln und Bonn ebenso wie in eher ländlich geprägten Regionen wie Bedburg-Hau, Nettersheim oder Marienheide. Beteiligt sind Praxen unterschiedlicher Fachrichtungen aus den Bereichen Allgemeinmedizin, Nephrologie, Pädiatrie, Gynäkologie, Neurologie und Orthopädie. Das Projekt wird vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI) wissenschaftlich begleitet.

Die Einsatzmöglichkeiten von PAs in den Praxen sind vielfältig: Sie reichen von der Unterstützung bei Diagnostik und Behandlungsplanung über die Durchführung delegierbarer Untersuchungen und die Betreuung chronisch kranker Patienten bis hin zu Hausbesuchen, der Versorgung in Pflegeeinrichtungen und Aufgaben im Praxismanagement wie Koordination, Dokumentation und Patientensteuerung. Im Fokus des Modellprojekts steht die Frage, wie sich PAs optimal in den Praxisalltag integrieren lassen und wo bestehende oder fehlende Regelungen die konkrete Umsetzung erschweren. Dabei werden strukturelle Hürden für einen breiteren Einsatz deutlich. Dazu zählen insbesondere fehlende rechtliche Klarheit, uneinheitliche Qualifikationsanforderungen und bislang nicht ausreichend geregelte Abrechnungsfragen.

Um die Zukunft der ambulanten Versorgung in der Region zu stärken, möchte die KV Nordrhein das Thema stärker in den Fokus rücken und auf die Agenda aller beteiligten Akteure, insbesondere in der Politik, setzen. Der Handlungsdruck ist hoch: In Nordrhein sind derzeit über 400 hausärztliche Zulassungen unbesetzt, gleichzeitig werden bis 2034 mehr als ein Drittel der heute tätigen Hausärztinnen und -ärzte aus dem Berufsleben ausscheiden.

In einem Positionspapier hat die KV deshalb zentrale Fragestellungen, Herausforderungen und Handlungsbedarfe sowie Ansatzpunkte für die Umsetzung vom Modell in die Praxis gebündelt. Dazu gehören insbesondere die Schaffung rechtssicherer Delegationsregelungen, eine verlässliche Vergütung des PA-Einsatzes, die sich für Praxen auch wirtschaftlich auszahlt, einheitliche Qualifikationsstandards sowie eine stärkere strukturelle Verankerung des Berufsbildes im Versorgungssystem. „Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen gesundheitspolitischen Diskussionen zeigt sich, wie entscheidend tragfähige Strukturen in der ambulanten Versorgung sind. Wenn wirtschaftliche Spielräume enger werden, wird es für Praxen schwieriger, neue Versorgungsmodelle umzusetzen. Gleichzeitig liegt genau darin ein zentraler Ansatz: Physician Assistants können dazu beitragen, vorhandene Ressourcen gezielter einzusetzen und die Versorgung zu stabilisieren. Damit dieses Potenzial wirksam werden kann, braucht es klare und verlässliche Rahmenbedingungen – vor allem eine faire und transparente Vergütung, die diese zusätzlichen Leistungen auch abbildet“, betont Bergmann.

Die KV Nordrhein wird die Ergebnisse des Modellprojekts und die darin identifizierten Handlungsfelder in den kommenden Monaten auswerten, um damit einen fundierten Beitrag zur gesundheitspolitischen Diskussion über die zukünftige Ausgestaltung der ambulanten Versorgung zu leisten.

Weitere Informationen zum Projekt unter: https://www.kvno.de/praxis/praxismanagement/physician-assistant

KVNO-Vorstandsvorsitzender, Dr. med. Frank Bergmann (l.), und Dr. med. Carsten König, stellvertretender Vorsitzender der KVNO. Foto: KVNO