Mit dem Fahrrad zu Europas schönsten Orten
Der Alpener Thomas Hommen hat in 15 Tagen 2157 Kilometer durch fünf europäische Länder zurückgelegt / Er erkundete kleine Städte und große Metropolen
ALPEN. Zwischen mehreren Tonnen Gestein sucht sich in einem vergleichsweise schmalen Flussverlauf das Wasser seinen Weg hinab. Schon auf Bildern wirkt die Viamala-Schlucht (Viamala ist vom lateinischen „veia mala“ abgeleitet und bedeutet übersetzt „schlechter Weg“) gigantisch und faszinierend. „Doch in Wirklichkeit ist sie noch viel beeindruckender. Ihre wahre Schönheit kann man auf einem Foto gar nicht einfangen“, sagt Thomas Hommen. Der Alpener hat bis Mitte Juli eine fünf-Länder-Tour unter anderem durch die Schweiz, Österreich, Italien und Südtirol mit seinem Fahrrad absolviert und ist dabei auch an der Vialamala-Schlucht vorbeigekommen.
Bei dieser türmen sich rechts und links die Felswände bis zu 300 Meter hoch auf. An den engsten Stellen trennen nur wenige Meter die beiden Seiten der Schlucht voneinander. In der Tiefe strömt der Hinterrhein in türkisblau durch die Schlucht und formt die Felsen zu beeindruckenden Strukturen. Über acht Kilometer führt die historische Handelsroute von Thusis nach Zillis durch die enge Viamala-Schlucht. Was früher eine historische Handelsroute bedeutete, ist heute ein Paradies für Wanderer oder eben Fahrradfahrer wie Thomas Hommen.
Detaillierte Planung
Insgesamt 2157 Kilometer und 24.281 Höhenmeter hat Hommen innerhalb von 15 Fahrtagen absolviert. Seine Tour begonnen hat er am 28. Juni im bayerischen Wolfratshausen, wo er sein Auto bei einem Freund lassen konnte. Von da aus ging es zunächst nach Kempten (Allgäu). Auf seiner Weiterfahrt nach Bregenz am Bodensee überquerte er die österreichische Grenze. Die Route hatte Hommen zuvor festgelegt und sehr genau geplant. „Ich bin nicht derjenige, der einfach losfährt und schaut, wo er anhalten und schlafen kann“, begründet Hommen. Camping, Zelten oder schlechte Unterkünfte seinen auf so einer Tour nichts für ihn. „Deshalb habe ich alle Übernachtungen vorher gebucht. An einem Samstagvormittag im Dezember habe ich mich dazu konzentriert hingesetzt und die Eckpunkte meiner Route mit einer Fahrrad-App grob erstellt und dann geschaut, wo Übernachtungsmöglichkeiten sein könnten. So habe ich mich dann von Unterkunft zu Unterkunft gehangelt und meine Route modifiziert“, sagt Hommen, der aufgrund zweier vorheriger größerer Fahrrad-Touren durch Deutschland dabei bereits reichlich Erfahrung mitbrachte.
Etwa 80 bis 150 Kilometer absolvierte Hommen auf seiner Tour pro Tag. Unter Druck, diese Strecke jeden Tag bewältigen zu müssen, setzte ihn das nicht. „Das Gegenteil ist eher der Fall. Ich wusste, dass ich abends sicher meine Unterkunft habe, wodurch ich aber natürlich auch bei schlechtem Wetter fahren musste. Insgesamt hat es auf meiner Tour aber nur einen Tag geregnet“, berichtet Hommen, der in einem Anhänger sein Gepäck transportierte und so für alle Gelegenheiten etwas dabeihatte.
Seine Tour führte den 55-Jährigen auch ganz bewusst durch Liechtenstein. „Ich wollte mir Liechtenstein unbedingt einmal ansehen“, sagt Hommen. Dort erkundete unter anderem die Hauptstadt Vaduz. Über Lugano in der Schweiz fuhr der Alpener weiter Richtung Mailand. Für die italienischen Millionenmetropole plante er sogar zwei Tage ein. Er besuchte unter anderem die direkt neben dem Mailänder Dom gelegene Galleria Vittorio Emanuele II Einkaufspassage, in der auch eins der teuersten und nobelsten Hotels der Welt liegt. „Mailand ist schön, hat mich aber nicht begeistert“, resümiert Hommen mittlerweile.
Die deutlich kleinere Stadt Mantua in der norditalienischen Region der Lombardei – 35 Kilometer westlich von Verona – bescherte ihm dagegen einen Gänsehautmoment. „Ich hatte mich dort telefonisch mit einer Bekannten aus Alpen verabredet, deren Mann aus Mantua stammte. Er kam in den 1960er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland, ist aber leider vor sechs Jahren verstorben. Meine Bekannte hat mich telefonisch durch die wunderschöne Altstadt von Mantua geleitet. Das war wirklich sehr bewegend und eindrucksvoll“, sagt Hommen.
Bewegende Momente
Einen weiteren, sehr berührenden Moment hatte der Alpener Lokalpolitiker in Bozen. In der norditalienischen Provinz Südtirol begegnete ihm auf der Straße ein einbeiniger Radfahrer. „Ich hatte ihn bereits auf dem Fahrrad fahren gesehen und fand das sehr beeindruckend. Durch Zufall habe ich ihn wenig später in einem Gasthaus getroffen und bin mit ihm ins Gespräch gekommen. Er hatte ein umgebautes Fahrrad und trat mit nur einem Bein. Trotz seiner Behinderung hat er aber nicht dem Spaß und die Lust am Radfahren und am Leben verloren“, berichtet Hommen.
Seine fünf-Länder-Tour schloss der Alpener im österreichischen Innsbruck und Kufstein ab, bevor er wieder zurück nach Wolfratshausen vor. Die 2.158 Kilometern bewältigte Hommen ohne Pannen – und das, obwohl seine Tour bereits im italienischen Lugano in Gefahr geriet. „Dort bin ich im Hotel abends die Treppe hinuntergestürzt. Irgendwie habe ich die letzten Treppenstufen verfehlt und bin etwa zwei bis drei Treppenstufen hinuntergestürzt und auf mein Gesäß gefallen. Dies war abends ganz blutig unterlaufen. Am nächsten Tag konnte ich kaum laufen, bin aber trotzdem aufs Fahrrad gestiegen. Nach den ersten Kilometern habe ich meine Schmerzen am Gesäß auch nicht mehr gespürt. Ich habe ihn quasi rausgefahren“, erläutert Hommen, der seit vielen Jahren fast jede Strecke mit dem Fahrrad zurückgelegt und so gut vorbereitet auf seine große Fahrradtour ging.
Der insgesamt anstrengendste Part sei beim San-Barnardino-Pass in der Schweiz gewesen. „Dort war ich auf 2066 Höhenmetern und es ging insgesamt 40 Kilometer abwärts. Abends taten mir vom Bremsen die Hände weh“, berichtet Hommen, der seine Tour aber insgesamt sehr genossen hat. Als passionierter Radfahrer kam der 55-Jährige übrigens durch die Aktion Stadtradeln zu den längeren Fahrradtouren. „Damals war ich in Alpen Stadtradeln-Star. Allerdings fiel in diesen drei Wochen der Bundesparteitag der FDP in Berlin, zu dem ich natürlich hinwollte. Gleichzeitig wollte ich aber nicht dem Bürgermeister den Sieg überlassen, weil ich keine Gelegenheit zum Fahrradfahren habe. Also habe ich mir überlegt, mit dem Fahrrad nach Berlin zu fahren“, sagt Hommen.
Die fast 800 Kilometer fuhr der Alpener 2017 innerhalb von knapp sechs Tagen mit dem Fahrrad von Alpen nach Berlin. Anschließend folgten zwei weitere längere Fahrradtouren durch Deutschland. „Am Niederrhein kenne ich inzwischen fast jeden Grashalm, da ich auch zuhause am Wochenende gerne längere Touren mache. Mit meinem neuen Fahrrad bin ich im vergangenen Jahr rund 21.000 Kilometer gefahren“, berichtet Hommen. Nach dem Niederrhein und Deutschland wollte der Alpener nun eben auch das europäische Ausland erkunden. Die nächsten Touren hat er deshalb schon in Planung: Nächstes Jahr möchte er entweder Osteuropa mit Österreich, der Slowakei, Ungarn, Tschechien und Polen oder Spanien erkunden. „Das hängt auch ein wenig davon ab, wann ich losfahren kann. Aufgrund der Hitze möchte ich nicht im Hochsommer durch Spanien fahren“, begründet Hommen.
Sabrina Peters
Die beeindruckende Viamala-Schlucht.
Ein Besuch des Mailänder Doms gehörte natürlich dazu.
Hommens Fahrrad am San-Bernardino-Pass.
Auf seiner Tour kam Hommen an vielen idyllischen Orten vorbei. Fotos (4): privat