"Ärzte und Medizinstudierende beim Netzwerktreffen zur Niederlassung im Kreis Kleve, NN-Foto, J. Kurschatke"
3. September 2026 · Kleve

Maßnahmen gegen den Hausärztemangel im Kreis Kleve

Stipendien und Förderprogramme für junge Mediziner sollen helfen / Neue Informationsplattform vorgestellt

KLEVE. Dass die hausärztliche Versorgungslage im Kreis Kleve angespannt ist, muss man nicht extra betonen. Es gibt seit Jahren bekannte Probleme: 188 Ärzte, davon viele in hohem Alter die vor der Pensionierung stehen, gleichzeitig zu wenige junge Fachärzte die sich für eine Niederlassung in der ländlichen Region entscheiden. Ein Weg das zu ändern ist klare Kommunikation, findet Landrat Christoph Gerwers: „Wir wollen miteinander sprechen und nicht übereinander“. Aus diesem Grund hatte der „Arbeitskreis ärztliche Versorgung“ zu einer Zusammenkunft eingeladen. Gekommen sind zahlreiche Ärzte und Medizinstudierende, die sich für die Arbeit im Kreis Kleve interessieren.

Vorgestellt wurden verschiedene Fördermöglichkeiten, die eine Niederlassung im Kreis Kleve erleichtern sollen. Egal ob Studium, Facharztausbildung, Weiterbildung oder Anstellung, der Arbeitskreis unterstützt bei der Suche nach dem individuell besten Weg. Als Redner standen Dr. Martina Scherbaum, Leiterin des Fachbereichs Gesundheit des Kreises Kleve; Professor Volker Runde, ärztlicher Direktor des Katholischen Karl-Leisner-Klinikums sowie Christoph Starke, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Kreisstelle Kleve und der Klever Assistenzarzt Ahmar Olimov bereit.

Die Experten wissen: Der Weg von Studium bis Niederlassung ist weit. In dieser Zeit kann viel passieren. Umso wichtiger sei es ein breites Spektrum an Perspektiven anbieten zu können, das vor allem junge Studierende und Fachärzte anzieht. Denn „die besten Chancen neue Ärzte für den Kreis zu gewinnen haben wir bei denjenigen, die bereits einen Bezug zu dieser Region haben“, sagt Scherbaum. Seit 2018 bietet der Kreis daher Stipendien an, die es Studierenden ermöglichen eine monatliche Förderung von bis zu 1.200 Euro zu erhalten. Voraussetzung ist die Verpflichtung, die Facharztausbildung nach dem Studium an einer Klinik im Kreis Kleve zu absolvieren und anschließend fünf weitere Jahre als Ärztin oder Arzt in einer der 16 Kommunen tätig zu sein. Eine Facharztausbildung ist am Katholischen Karl-Leisner-Klinikum in Kleve, am St.-Willibrord-Spital Emmerich-Rees sowie am St.-Clemens-Hospital Geldern möglich.

Ähnlich funktioniert die so genannte Landarztquote des Landes NRW. Hierbei wird jährlich ein teil der Studienplätze für Humanmedizin an junge Bewerber vergeben, die zum Beispiel aufgrund ihres Abiturdurchschnitts sonst nicht die Möglichkeit hätten, ihren Traum vom Arztberuf zu verwirklichen. Dafür müssen jedoch auch sie sich dazu verpflichten, mindestens zehn Jahre als Facharzt in einem hausärztlich unterversorgten Gebiet wie dem Kreis Kleve zu arbeiten. Fraglich bleibt bei dieser Methode, ob jungen Menschen die Auswirkungen dieser Vertragsbindung bei Beginn des Studiums bewusst sind. Wer den Vertrag später bricht, muss mit einer Geldstrafe in Höhe von 250.000 Euro rechnen.

Steht dem Studium nichts mehr im Wege, müssen junge Mediziner sich früher oder später um einen Platz für ein praktisches Jahr oder Famulatur (Praktikum in einer Hausarztpraxis) umsehen. Auch diese Maßnahmen werden gefördert. Allen Interessierten steht die Onlineplattform „Ärztinnen und Ärzte für den Kreis Kleve gesucht“ zur Verfügung. Niedrigschwellig werden hier alle Informationen gebündelt. Welche Arten der Förderung es gibt, direkte Links zu den entsprechenden Internetseiten, dazu Kontaktdaten von Ansprechpartnern. Auch Ärzte auf Jobsuche können über die neue plattform direkt mit Hausarztpraxen vor Ort ins Gespräch kommen.

Landrat Gerwers ist überzeugt, „dass die vielen Möglichkeiten, die sich Ärzten und ihren Familien bei uns bieten, sehr attraktiv sind – sowohl für die berufliche wie die private Lebensplanung.“ Er spricht auch von einem „Kleve-Effekt“. Diejenigen, die einmal hier waren, kämen gern wieder. Am ÖPNV würde man arbeiten. Diese Bemerkung brachte auch die anwesenden Gäste zum Lachen. Einer, der es gewagt hat, sich hier seiner Ausbildung zu verpflichten, ist Assistenzarzt Ahmar Olimov. Er ist derzeit im vierten Jahr seiner Facharztausbildung am Karl-Leisner-Klinikum in Kleve. Studiert hat er zuvor in Ulm und später an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Das KKLE ist ein mit der Universität kooperierendes Lehrkrankenhaus. Hier absolvierte Olimov auch sein Praktisches Jahr. Er schätze die flachen Hierarchien und die enge Betreuung durch Chef- und Oberärzte. „Es gibt eine sehr wertschätzende Zusammenarbeit mit individuellen Gesprächen in denen man auch seine eigenen Wünsche äußern kann“, betont er. Zudem sei der Umgang in kleineren Kliniken persönlicher. Auch der ärztliche Direktor Professor Volker Runde betont, dass es für die Ausbildung nicht immer die Uniklinik sein muss. „Wir können auch hier alle wichtigen Fachbereiche der Medizin für die Ausbildung anbieten“. Auch Zusatzqualifikationen in anderen Fachbereichen sind möglich.

Insgesamt ist der Konsens: „Wir müssen sichtbar sein. Wir müssen offen sein“, sagt Christoph Starke. Er selbst ist 1996 in den Kreis Kleve gezogen, um sich als Arzt niederzulassen. Als Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Kreisstelle Kleve kennt er aktuelle Zahlen. Demnach sieht es besonders für den Raum Kleve und Kevelaer besorgniserregend aus. Mit einem Versorgungsgrad von etwa 70 beziehungsweise 81 Prozent von 100, treten regelmäßig große Lücken auf. Patienten die keine Termine mehr erhalten, Kinder die aufgrund des Mangels an Kinderärzten ebenfalls den Weg zum Hausarzt antreten. Im Raum Goch und Geldern sieht es besser aus. „In Goch und Geldern gibt es viele Mediznische Versorgungszentren, an denen mehr Ärzte angestellt sind. Das verbessert den Versorgungsgrad“, erklärt Starke weiter. Generell gehe der Trend für Ärzte eher zur Anstellung. Nur 32 Prozent der neu zugelassenen Mediziner hatten bis Juli dieses Jahres das Ziel, eine eigene Praxis zu eröffnen.

Das Problem bleibt also vielschichtig, Maßnahmen wie das neue Onlineportal versprechen jedoch gezielte Lösungen und Förderprogramme.

Referenten des Netzwerktreffens: Manrico Preissel, Christoph Starke, Prof. Volker Runde, Dr. Martina Scherbaum, Landrat Christoph Gerwers, Fabian Heisterkamp, Dr. Ahmar Olimov.

Die Referenten des Netzwerktreffens: (V.l) Manrico Preissel (Regionaldirektor AOK Rheinland), Christoph Starke, Professor Volker Runde, Dr. Martina Scherbaum, Landrat Christoph Gerwers, Fabian Heisterkmap (Gesundheitsmanager des Kreises Kleve), Dr. Ahmar Olimov Foto: NN-Foto: J. Kurschatke

Bei einem Netzwerktreffen erhielten Ärzte und Medizinstudierende verschiedene Perspektiven, die eine Niederlassung im Kreis Kleve erleichtern soll. NN-Foto. J. Kurschatke