"Günther Bermann und Marcel Becker diskutieren im Reeser Stadtgarten mit CDU-Vertretern über Saatkrähen-Problematik."
10. Juli 2026 · Rees

Lärm, Kot und EU-Schutz: Rees ringt mit dem Saatkrähen-Problem

Bürger und Politik fordern Maßnahmen gegen die Saatkrähenkolonien. Rat behandelt das Thema am kommenden Mittwoch. Ein Gutachten soll den Weg für mögliche Lösungen ebnen.

REES. Der Stadtgarten in Rees gilt als einer der schönsten Flecken in der Rheinstadt, mit hoher Aufenthaltsqualität. Zur 800-Jahr-Feier möchte die Stadt im Frühjahr 2028 mit der nächsten „Alltagsmenschen“-Ausstellung auch den Stadtgarten bespielen. „Das wird aber nur am Rande gehen“, ahnt Jörn Franken, Leiter Stabsstelle für Öffentlichkeitsarbeit, Stadtmarketing, Tourismus und Kultur. „Wir können zu dieser Jahreszeit einfach keine Besucher durch den Stadtgarten schicken.“ Denn zu dieser Zeit wird hier wieder die große Saatkrähen-Population brühten. Die Folge: viel Lärm und noch viel mehr Vogelkot.

Diese Problematik ist am kommenden Mittwoch auch Thema im Reeser Stadtrat. Unter dem Betreff „Saatkrähenproblematik in Rees und Haldern“ beschäftigt sich die Politik mit einem Bürgerantrag des Gewerbevereins Haldern und weiteren Bürgern sowie einer Anfrage der Reeser CDU. Im Antrag aus Haldern geht es um „geeignete und verhältnismäßige Maßnahmen zur Reduzierung der Krähenansammlungen sowie zur Minderung der damit verbundenen Beeinträchtigungen“ im Bereich des Halderner Marktplatzes und der evangelischen Kirche.

„Deutliche Lärmbelästigung“ am Marktplatz in Haldern

Von einer „deutlichen Lärmbelästigung, von frühmorgens bis spätabends“ sprechen die Antragsteller sowie von „Verschmutzungen durch Vogelkot auf Gehwegen, Fahrzeugen, Parkplätzen, Bänken, Außengastronomien und Gebäuden“. Wie es im Antrag heißt, empfänden viele Anwohner und Gewerbetreibende die Situation „mittlerweile als belastend“, von „Einschränkungen der Wohn- und Aufenthaltsqualität“ ist die Rede.

"Apotheke am Stadtgarten Postkarte mit Dankesbotschaft und Krähenmotiv"

Mit dieser Postkarte bedankt sich die Apotheke am Stadtgarten für ihre Treue – „trotz der Krähen“. Foto: privat

Ärger mit den gefiederten Nachbarn haben auch die Apotheke am Stadtgarten und ihre Kunden. „Viele kommen mit Regenschirmen, um sich vor dem Krähenkot zu schützen“, berichtet Mitarbeiterin Stephanie Stratmann, die die Krähen als „teilweise ziemlich aggressiv“ beschreibt. Wer mit dem Fahrrad kommt, sollte zudem das Rad abdecken – sonst ist es nach dem Besuch der Apotheke schnell verdreckt. „Während der Brutzeit müssen wir täglich mit den Hochdruckreiniger den Bereich vor der Apotheke und vor allem das Geländer abspritzen“, sagt Stratmann, „das kann man sonst nicht mehr anfassen.“

„Konkrete und kurzfristig umsetzbare Maßnahmen statt kostenintensiver Konzepte“ wünscht sich die Reeser CDU-Fraktion. Sie hat eine Reihe von Lösungsansätzen erarbeitet, die – sofern rechtlich zulässig – verfolgt werden könnten, darunter die Kappung der Bäume und Schutz vor Wieder- oder Neuansiedlung durch Einhausung mit Netzen, den Einsatz von Falknern zur Vergrämung, etwa mit Bussarden, sowie eine akustische Vergrämung, zum Beispiel durch ein fernsteuerbares System oder Ultraschallgeräte. Auch der Einsatz von KI-gestützten Anlagen, die Warnlaute der Saatkrähen imitieren, und automatischen Lasergeräten solle geprüft werden.

CDU Rees fordert „konkrete Maßnahmen“

Marcel Becker, Fraktionsvorsitzender der Reeser CDU, sagt: „Wir brauchen konkrete Maßnahmen. Ein Gutachten allein reicht nicht. Wir dürfen nicht länger warten.“ Becker hat dabei nicht zuletzt den Tourismus in Rees, speziell durch den neuen Ferienpark am Reeser Meer, im Blick: „Die Leute sollen ja in die Innenstadt kommen.“ Doch aktuell sei dies aufgrund der Krähen-Problematik im Bereich der Stadtgartens sowie der Pumpe am Marktplatz nur bedingt zu empfehlen. Michael Arts-Meulenkamp, 2. Vorsitzender der Reeser CDU-Fraktion, ergänzt: „Zu den ‚Spitzenzeiten‘ kann man sich gerade rund um den Stadtgarten kaum aufhalten.“

Der CDU-Landtagsabgeordneter Günther Bergmann unterstützt die Initiative aus Rees und weiß um das große Problem. „Ich kenne ähnliche Beschwerden aus vielen Ortschaften im Kreis Kleve“, sagt Bergmann. Er selbst habe zuhause einen „exorbitanten Zuwachs“ der Krähen festgestellt: „Früher hatten wir einen Specht, Eichhörnchen, Amsel, Drossel, Fink und Star im Garten, sogar einen Fischreiher. Inzwischen sind sie alle weg, die Krähen haben sie verjagt.“ Sogar Angriffe mehrere Krähen auf einen Falken habe er beobachtet. Was aus seiner Sicht in der Diskussion vergessen werde: „Viele andere Tierarten verschwinden durch die Ausbreitung der Saatkrähen.“ Bergmann spricht von einem regelrechten „Verdrängungswettbewerb“.

Singvögel-Populationen gehen insgesamt zurück

Diesen sieht Susanne Klostermann von der Nabu-Naturschutzstation Niederrhein jedoch nicht. Die Singvögel-Populationen gingen allgemein zurück. „Unsere Gärten sind nicht mehr das, was sie mal waren“, sagt die Biologin und Teamleitung Grünland und Wiesenvögel. So fehlten oftmals Wasserstellen und Nahrungsangebote, speziell in heißen und trockenen Zeiten. Saatkrähen als Aasfresser und sehr intelligente Tiere seien da im Vorteil. „Eigentlich leben sie in hohen Bäumen in der freien Landschaft. Durch das Fällen solcher Bäume, zum Beispiel Pappeln, sind ganze Kolonien verschwunden und in die Innenstädte gewandert“, berichtet Klostermann. Dort finden die Vögel mehr Schatten und leicht Nahrung, „außerdem werden sie nicht gejagt“.

Klostermann weiß um die schwierige Situation in Bereichen wie dem Reeser Stadtgarten, „es gibt aber keine einfachen Lösungen“. In Innenstädten müsse man beispielsweise Mülleimer abdecken, um den Aasfresser keine leicht zugänglichen Nahrungsquellen zu bieten. Gleichzeitig brauche es hohe Bäume in der freien Landschaft, die den Saatkrähen Schutz und Ruhe bieten. Andererseits „ist außerhalb der Städte die Landwirtschaft betroffen“, sagt Klostermann. Ihr Fazit: „Niemand will die Saatkrähen haben.“

EU-Schutz „rigoros“ – Kommunen ohne Handhabe

Was die Suche nach Lösungen erschwert: Die Saatkrähe ist durch die EU-Vogelschutzrichtlinie europaweit streng geschützt; in Deutschland hat sie den Status „besonders geschützt“. Zwar führt der Nabu Deutschland im Bestand als „nicht gefährdet“, dennoch steht sie in einigen Bundesländern auf der Roten Liste. Der Schutz sei laut Bergmann „rigoros – im Grunde können wir nichts machen.“ Auch Jörn Franken bestätigt: „Wir haben keine Handhabe. Die Krähen sind durch die EU-Vorgabe geschützt.“ Deshalb könne man bei allen berechtigten Beschwerden seitens der Bürger „nur um Verständnis bitten“.

Für Günther Bergmann aber steht fest: „Der Status ‚bedroht‘ ist längst überschritten.“ Die Situation sei „aus dem Ruder gelaufen. Jetzt müssen wir schauen, dass wir Lösungen finden.“ Seine Empfehlung: Betroffene sollten eine Petition an den Landtag richten – „für jede einzelne Stelle, an der es Probleme mit Krähen gibt“. So soll über Land und Bund letztlich der Druck auf EU-Ebene erhöht werden, „dass es hier ein Problem gibt“. Bergmann weiter: „Wir müssen Druck in Brüssel aufbauen und klarmachen: Die Tiere sind hier nicht mehr bedroht.“

Regional-Nachweise über tatsächlichen Bestand der Tiere

Dazu brauche es auch Regional-Nachweise; lokale Entwicklungen, sprich der tatsächliche Bestand der Tiere vor Ort, müssten bei der EU-Verordnung stärker berücksichtigt werden. „Wir brauchen eine Ausnahmeregelung“, fordert auch Marcel Becker. „Wenn es EU-weit zu wenige Saatkrähen gibt – wir hier in Rees haben mehr als genug.“

Bergmann betont: „Wir müssen einen Weg finden, der dem Tierwohl nicht entgegenläuft, die Population aber reduziert beziehungsweise zumindest nicht weiter anwachsen lässt.“ Er nimmt auch seinen CDU-Kollege Stefan Berger in die Pflicht. Als Mitglied des EU-Parlaments „muss er auf die Besonderheiten des Niederrheins hinweisen“.

In der Beschlussvorlage für die Reeser Ratssitzung am Mittwoch geht es zunächst aber darum, ein Sachverständigenbüro mit der wissenschaftlichen Beratung und Konzepterstellung zum Umgang mit den Saatkrähenkolonien in Rees und den Ortsteilen zu beauftragen. Auf der Grundlage dieses Gutachtens soll anschließend über die weitere Vorgehensweise beraten und entschieden werden, ob eine Ausnahmegenehmigung beantragt und Vergrämungsmaßnahmen im Falle der Genehmigung durch den Kreis Kleve durchgeführt werden sollen.

Kreis Kleve: Problem bekannt, aber keine Zuständigkeit

Dem Kreis Kleve beziehungsweise der Unteren Naturschutzbehörde ist das Thema „seit Jahren bekannt“, wie es auf Anfrage der NN heißt. Zur Frage, inwieweit der Schutzstatus, der aktuell in Deutschland und EU-weit für Saatkrähen besteht, noch zeitgemäß, teilt der Kreis mit: „Eine Einschätzung dieser Gesetzeslage oder die Änderung der bestehenden Regelungen ist keine Aufgabe des Kreises Kleve. Es gilt: Die Saatkrähe ist eine besonders geschützte Art im Sinne des Bundesnaturschutzgesetzes [...]. Eine Änderung des Schutzstatus kann nur der Bundesgesetzgeber beschließen.“

Man empfehle, „das Nahrungsangebot im Siedlungsbereich durch Lebensmittel oder Essensreste so weit wie möglich zu reduzieren. Dazu gehört ein Fütterungsverbot, keine Essensreste auf dem Kompost zu entsorgen, verschließbare ‚krähensichere‘ Abfallbehälter zu verwenden und ähnliche Maßnahmen, die einen Aufenthalt im städtischen Bereich für die Tiere weniger attraktiv machen.“ Auch die Ansiedlung von Wanderfalken in der Nähe von Saatkrähenkolonien könne zu Erfolgen führen, dies sei im Einzelfall zu prüfen.

Thema Saatkrähe im März 2024 im Bundestag

Der deutsche Bundestag hatte am 20. März 2024 über einen Antrag der CDU/CSU-Fraktion mit dem Titel „Bestandsregulierung der Saatkrähe ermöglichen – Belastung für Anwohner verringern – Landwirtschaftliche Aussaat sichern“ entschieden. Dieser war mit den Stimmen von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP abgelehnt worden.

Die Bundesregierung führte seinerseits aus, sie sehe keine Veranlassung, sich auf europäischer Ebene für eine Absenkung des Schutzstatus der Saatkrähe einzusetzen. Es sei ein lokales, regionales Thema, das zu Problemen führen könne, aber auf lokaler, regionaler Ebene gelöst werden müsse.

Vor Ort im Reeser Stadtgarten spricht Günther Bermann (l.) mit Marcel Becker (r.), weiteren CDU-Vertretern und Bürgern über die Saatkrähen-Problematik. NN-Foto: Michael Bühs