Urteile werden nicht gefällt; sie werden – quasi zur Begutachtung – über den Bühnenrand ans Publikum durchgereicht. Foto: Lucas Hans
23. Juni 2025 · Kleve

Krasse Welt im Hochformat

„Click and Swipe“ ist ein Lehrstück ohne erhobenen Zeigefinger

KLEVE. Der Auftrag: Ein Stück zum Thema Medien und Kinder. Auftraggeber: Der Kinderschutzbund. Auftragnehmer: Theater im Fluss Kleve.

Wie einfach das klingt. Wenn Erwachsene für Erwachsene schreiben, sind die emotionalen Register, die man bedienen kann, irgendwie einsichtig. Wenn Erwachsene für Kinder schreiben, sieht die Sache anders aus. Das Stück, das Ella Lichtenberger, Janis Krebbers, Julian Theyssen, Lotta Loos, Lilli Evers und Lucas Hans über einen Zeitraum von einem Jahr entwickelt haben, ist übrigens auch für Erwachsene verständlich und schöpft die Illusionsmöglichkeiten des Theaters auf verschiedenen Ebenen aus. Der Clou: Das „wirkliche Leben“ (die Geschichte der Geschwister Lola und Max) findet auf der Leinwand statt und die fiktionale Welt des „weltweiten Gewebes“ wird auf der Bühne dargestellt: eine Grenzverschiebung als Illustration.

Das Gute an „Click und Swipe“: Niemand kommt moralinsäuerlicherwachsen daher. Niemand reckt einen mahnendanklagenden Zeigefinger in den Bühnenhimmel. Auf den Smartphones findet die Welt im Hoch(glanz)format statt. Wer hat schon Zeit und Lust, das Smartphone zu drehen.

So steht denn im Zentrum der Bühne zunächst der an ein Smartphone erinnernde Rahmen, in dem dann die Welt der Versprechungen, der Hilfen und der Verlockungen inszeniert wird. Da bevölkern Influencer und irgendwie schräge Typen den Rahmen, der die Welt absteckt. Da finden Kochshows statt, es wird geworben, Musik gemacht, Freiheit vorgegaukelt, abgelästert, gewonnen, verloren und man spürt an der Reaktionen des Publikums, dass die Macher offensichtlich den richtigen Ton getroffen und die richtigen Bilder gewählt haben.

Urteile werden nicht gefällt; sie werden – quasi zur Begutachtung – über den Bühnenrand ans Publikum durchgereicht. Da sitzen die Jugendlichen und können sich nach der Echtheit der Welt fragen, die da zum Spiel geworden ist.

Und dann läuft auf der Leinwand dieser Film, der Lola und Max zeigt. Jannis Krebbers, einer von denen, die das Stück entwickelt haben: „Wir wollten uns nicht anmaßen, die Jugendlichen zu spielen – dafür haben wir Jugendliche agieren lassen.“ Das leuchtet ein: Bei einem Projekt wie diesem ist Glaubwürdigkeit die einzige Währung. Was Lola und Max (auch hier immer nur in Andeutungen) erleben, ist dieser gefährliche, süchtig machende Spagat am Ende der Langeweile im eigenen Leben. Der Ausweg: Verlockungen. Heldenwelten. Vorbilder, die keine sind. Nichts wird eindeutig beim Namen genannt, aber irgendwie wird schnell klar, dass es auch um Mobbing und Missbrauch geht und um das Versprechen eines Gewinnerlebens. In einer Welt, in der jeder jede Rolle spielen kann, ist der Weg für alle die frei, die sich unter dem Tarnmantel der Jugend in die Seelen der Kinder schleichen. Es entsteht: eine Welt im Wisch-und-weg-Verfahren. Was gerade Bedeutung hatte, befindet sich in Sekundenschnelle im freien Fall. Das Angebot: unerschöpflich. Für jeden eine Verlockung. Für jeden ein Untergang. Dass da Menschen für etwas werben, dass ihnen (man sieht das im Off) nicht einmal gefällt, ist Teil des (a)sozialen Circus‘. Dass am Ende eine Influencerin abschwört, sich aus der Glitzerwelt verabschiedet für eine Auszeit im Realen – ein irgendwie fast abstraktes Happy-End.

„Click und Swipe“ ist gutes Theater, weil es nicht mit Lösungen operiert. Im Anschluss an die Vorstellung: Gespräche. „Wie habt ihr‘s gesehen?“ Man müsste, denkt der Rezensent, nach zweidrei Monaten noch mal die Klassen besuchen. Man müsste fragen, ob das Stück etwas geändert hat: im Leben, im Denken, im Handeln. Man hat Theater für Jugendliche mit der Erwachsenenbrille gesehen. „Und wie habt ihr`s gefunden?“ Man möchte fragen: Habt ihr mitbekommen, dass sich die Ebenen verschoben haben? Dass Reales in der Fiktion des Filmes stattfand und Fiktion in der Realität der Bühne? Spielt das eine Rolle? Vielleicht nicht. „Click and Swipe“ – Annäherung an eine krasse Welt. Dann der Gang zurück in die wirkliche Wirklichkeit. Draußen scheint die Sonne. Die Welt rutscht zurück ins Querformat.

Urteile werden nicht gefällt; sie werden – quasi zur Begutachtung – über den Bühnenrand ans Publikum durchgereicht. Foto: Lucas Hans