Keine Zeit mehr zum Grübeln im Abenteuercamp Uedemerbruch
Besonderes Ferienlager beschert Kindern von Inhaftierten einen unbeschwerten Sommer
UEDEMERBRUCH. Für einen Augenblick ist es noch still in der kleinen Zeltstadt des Ferienlagers in Uedemerbruch. Ein angenehmer Wind weht, die Sonne strahlt und der Blick in die weite Wiesenlandschaft erinnert an Urlaub. Es ist die Ruhe vor dem großen Ansturm: und dieser kommt plötzlich aus dem Wald. Hungrig; zehn, zwanzig, dreißig Kinder in bunten T-shirts, manche rennen, alle lachen und berichten lautstark begeistert von ihrem Besuch in „der Villa“. Bald gibt es Mittagessen, es wird wuselig, die Stimmung könnte nicht besser sein. Ein ganz normaler Tag im Ferienlager. Viele Kinder träumen von so einem Sommerurlaub, doch für die Jungs und Mädchen, die am „Abenteuercamp“ teilnehmen, hat er eine besondere Bedeutung. Mindestens eines ihrer Elternteile verbüßt aktuell eine Haftstrafe in einer JVA in NRW. Oftmals mit viel Scham behaftet, hüten die Kinder diese Tatsache wie ein Geheimnis. Im Abenteuercamp soll dieser Druck abfallen – ein Ort, an dem sie trotz der Geschichte ihrer Eltern ganz unbeschwert sein können. Die Lagergemeinschaft feiert an diesem Samstag nun das zehnjährige Bestehen des Camps.
Ins Leben gerufen wurde das Camp in Uedemerbruch von dem Verein „echtSein“ der sich auch über das Ferienlager hinaus für Kinder von Strafgefangenen einsetzt. Tamara und Navatharsan Somasundaram kümmern sich als Vorsitzende mittlerweile vermehrt um die Hintergrundaktivitäten des Vereins, erleben durch ihre ehrenamtliche Arbeit jedoch schon seit vielen Jahren, wie positiv sich die Gemeinschaft auf die Kinder auswirkt: „Die Problematik zieht sich vor, während und auch noch nach der Inhaftierung eines Elternteils durch den Alltag der Kinder. Es ist nicht nur so, dass die Kinder ihr Elternteil vermissen. Häufig ist eine Haft auch mit wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen für die Familien verbunden. Nicht selten brechen Freundschaften oder es distanzieren sich sogar Familienmitglieder. Wir möchten, dass die Kinder im Abenteuercamp ankommen und einfach echt sein können, gesehen werden und mit gestärktem Selbstbewusstsein wieder nach Hause fahren“, berichtet das Paar. Rund 60 Kinder im Alter zwischen sechs und 13 Jahren werden von Ehrenamtlichen in zwei Sommerferienwochen betreut, davon eine im Juli und eine im August. Die Zeltstadt wird traditionell auf dem Grundstück der Familie Jugelt aufgebaut. Hier, auf einer großen Wiese umgeben von weitläufigen Feldern, Wäldchen und dem bekannten Haus Kolk – einem jahrhundertealten Herrenhaus – steht dem Abenteuer nichts mehr im Wege.
Die Kinder selbst lieben ihr Camp, einige kommen schon seit Jahren hierher: „Das Camp ist toll und jeden Tag ist etwas anderes los. Hier kann man den anderen zeigen, was man für Talente hat“, berichtet eine Gruppe Mädchen. Sie schätzen die vielen Abenteuer und die Gemeinschaft, „Ich habe schon viel Neues ausprobiert, von dem ich vorher nicht dachte, dass ich es mag“, heißt es weiter. Die Mädchen grinsen und halten sich im Arm, Freundschaften zu schließen sei noch ein wichtiger Aspekt des Camps: „Man lernt hier, wie man auf die anderen Kinder zugeht und mit ihnen redet. So ist man nicht so schnell beleidigt, wenn es zum Streit kommt. Kontakte sammeln wir in Freundebüchern und treffen uns auch nach dem Camp noch“, betonen die Mädchen.
Obwohl spielen und toben, im Abenteuercamp ausdrücklich erwünscht sind, gibt es klare Routinen, die eingehalten werden müssen. Wichtig sei zum Beispiel die „Zeltordnung“. Nach dem Frühstück spülen die Kinder ihr Geschirr selbst, danach räumen sie ihr Zelt auf, vor dem Essen müssen sich alle die Hände waschen. Die Campleitung setze absichtlich auf diese festen Strukturen, da es „den Kindern enorm viel Sicherheit gibt“, betont Tamara. Das Programm im Camp gestaltet sich darüber hinaus sehr bunt. An der Tagesordnung stehen unter anderem Reitausflüge, Basteleien und verschiedene Bewegungs- und Geländespiele. Außerdem besuchen die Kinder regelmäßig „die Villa“, das Haus Kolk. Jeder Tag steht hier unter einem anderen Motto: Das kann zum Beispiel das Thema „Freundschaft“ sein. Die Mitarbeitenden führen dazu ein kleines Theaterstück vor, später wird das Thema in einzelnen Teams von zwei bis drei Kindern aufgearbeitet, sie überlegen sich selbst eine Inszenierung oder basteln etwas Passendes. Die Ergebnisse werden abends beim Lagerfeuer vorgestellt. Dieses wird zusätzlich mit stimmungsvollen Liedern begleitet.
Der Verein echtSein finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Festes Camp-Inventar wie ein Koch- und Toilettenwagen, Zelte und Zubehör haben sich in den vergangenen Jahren angesammelt. Pro Woche liegen die Unterhaltskosten für Lebensmittel und Co. bei etwa 6.000 bis 8.000 Euro. Frühstück, Mittag- und Abendessen werden vor Ort vom Team aus frischen Zutaten zubereitet. In ihrer Arbeit sehen Tamara und Navatharsan Somasundaram viel Potenzial, auch weil der Bedarf nicht weniger wird. Allerdings sind sie auf engagierte Mitarbeiter angewiesen: „Alle Mitarbeitenden werden vorher intensiv und gezielt geschult, damit die Kinder bestmöglich begleitet werden können. Wir möchten gemeinsam positive Erlebnisse sammeln und den Kindern dabei vorleben, wie man gut auf die eigenen Grenzen achten kann und gleichzeitig die der anderen respektiert.“
Ganz Wichtig: Vor dem Essen Hände waschen. Eine feste Regel. Foto: Gerhard Seybert - 47608 Geldern
Ein Team nach dem anderen darf sich sein frisches Mittagessen im Esszelt des Abenteuercamps abholen. Fotos (2): Gerhard Seybert