"Einweihung Schloss Kalbeck 1909, historische Aufnahme, festlich gekleidete Gäste, Grünes Familienalbum"
25. Juli 2026 · Goch

Kalbeck im Wandel der Zeit

Das neue Heft „An Niers und Kendel“ beleuchtet 700 Jahre Geschichte eines Adelssitzes am Niederrhein

GOCH/WEEZE. Die inzwischen 79. Ausgabe der historischen Zeitschrift „An Niers und Kendel“, herausgegeben vom Historischen Arbeitskreis im Heimatverein Goch, beschäftigt sich auf 34 Seiten mit einem großen Thema: 700 Jahre Schloss Kalbeck, ein Ereignis, das in diesem Jahr gefeiert wurde. Im Juni fand das Fest statt, bei dem sich der heutige Gutsbetrieb, der Forst- und Jagdbereich sowie der Windpark vorgestellt haben (die NN berichteten).

Anfänge

Autor Hartmut Benz geht in die geschichtliche Tiefe: Er zeigt die Entwicklung des Anwesens über sieben Jahrhunderte hinweg auf und ordnet die Ereignisse in den historischen Kontext ein. Ausführlich schildert er die Anfänge von Kalbeck zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert. So sei Schloss Kalbeck eigentlich noch ein „junges“ Anwesen, das erst 1909 vollendet und bezogen wurde. „Alt-Kalbeck“, ein Adelssitz mit gleichem Namen fand sich gegenüber des heutigen Gasthofs „Jan an de Fähr“. Auch die Geschichte des Gasthofs wird beleuchtet. Das alte Kalbeck brannte 1907 nieder. Nur ein kleiner Teil der Vorburg ist heute noch bewohnt.

Familien

1326 wurde der Adelssitz als „hoff te Calbeke“ erstmals urkundlich erwähnt. Noch älter dagegen sei die Ortsbezeichnung Kalbeck ohne ein dazugehöriges Gebäude; bereits 1299 wurde „piscariam apud Kalbeke“ (Fischfang bei Kalbeck) erwähnt. Benz geht im Folgenden auf die verschiedenen Besitzer und ihre Familien ein, unter anderem die Familie Morrien. Die Eigentumsverhältnisse wechselten in den folgenden Jahrhunderten einerseits durch Verkauf, andererseits durch Erbfolge.

Ein Hypothekenbuch von 1745 nennt die damals zu Kalbeck gehörenden Höfe und Katstellen sowie ihre Bewirtschafter beziehungsweise Pächter. Alte Karten ergänzen diese Informationen. 1743 entstand die Zeichnung von Jan de Beijers (1703 bis 1780), welche die Grundlage für den Kupferstich von Paul van Lienders (1731 bis 1797) war.

Einschnitt

In den folgenden Jahrzehnten, so führt es Hartmut Benz aus, wurde das Schloss Kalbeck immer wieder von Brandkatastrophen getroffen – aber nicht in der Silvesternacht 1799/1800, dafür gebe es keine Belege, so der Autor. Der Jahrhundertwechsel war trotzdem ein Einschnitt: Nach 187 Jahren sorgte die Erbfolge dafür, dass die verwitwete Sophia Wilhelmina Albertina von Morrien (1725 bis 1799) Kalbeck verließ, am 7. August in Pröbsting ihr Testament verfasste und am 16. August eben dort verstarb. Sie hinterließ das Schloss dem ältesten Sohn ihrer jüngsten Tochter, Carl-Wilhelm Friedrich Adolph Adam von Grüter-Morrien (1783 bis 1838). Als später ihre Urenkelin Alexandrine von Grüter-Morrien (1815 bis 1842) 1838 den Freiherrn Friedrich-Karl von Vittinghof gen. Schell heiratete, kam die nächste Familie nach Kalbeck. Erstmals 1230 wurde die Familie Vittinghoff urkundlich erwähnt. Von ihrem Stammhaus „Vietinghof“ in Essen-Rellinghausen gibt es heute nur noch Ruinen. Der Beiname Schell entstand 1311. Der Stammsitz der Familie war Schloss Schellenberg auf den Ruhrhöhen in Rellinghausen. 1993 kam das Schloss durch Erbschaft in den Besitz der Familie Spies von Büllesheim; heute sind die Räume des Schlosses vorwiegend an Geschäftskunden vermietet.

Schlossbau

Kalbeck dagegen wurde für die Familie Vittinghoff durch Rentmeister verwaltet. Seit 1901 gab es dann aber die Pläne, im Kalbecker Forst einen neuen Schlossbau errichten zu lassen. Hintergrund war der Betrieb der Steinkohlenzeche „Gottfried Wilhelm“ in Essen-Kupferdreh und die damit verbundenen Störungen auf Schloss Schellenberg – trotz einiger ausgehandelter Kompromisse mit den Betreibern. Die Bauarbeiten starteten 1906, als Vorbild diente Schloss Oberwerries bei Hamm. Der Grundstein wurde 1907 gesegnet und eingemauert. Die Familie Vittinghoff gen. Schell zog dann 1909 nach Schloss Kalbeck um. Im Zweiten Weltkrieg wurde Schloss Kalbeck schwer zerstört, der Wiederaufbau startete 1949. Auch in den folgenden Jahrzehnten gab es Umbauten und Renovierungen. So wurden 2004/2005 beispielsweise die Räume des Turmflügels renoviert.

Rosenschau

Bekannt wurde Kalbeck durch die von Aileen Freifrau von Vittinghoff gen. Schell im Jahre 1966 ins Leben gerufene Rosenschau, für die der Park erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Die Eintrittsgelder und Spenden bereiteten den Boden für die jährliche Krankenwallfahrt nach Lourdes, die heute noch von der im Jahr 1973 gegründeten Krankenbruderschaft Rhein-Maas durchgeführt wird. Eine Pflanzenkrankheit bereitete den Rosenschauen 1997 allerdings ein Ende. Aileen und Dr. Freiherr von Vittinghoff gen. Schell hatten keine Kinder und so kam eine zuvor getroffene Erbfolge-Regelung zum Tragen. Heute leben Antoinette Freifrau von Elverfeldt-Ulm und Max Freiherr von Elverfeldt-Ulm mit ihren vier Töchtern auf Kalbeck und führen den Betrieb.

Ausführlich beschreibt Autor Hartmut Benz all diese Entwicklungen; er hat zahlreiche Quellen ausgewertet und bringt dem Leser vergangene Ereignisse näher. Das Heft ist zum Preis von 3,50 Euro in den Gocher Buchhandlungen oder im Versand beim „Historischen Arbeitskreis an Niers und Kendel“, Holunderweg 8, 47574 Goch, E-Mail an: megohm@t-online.de (zuzüglich Versandkosten 2,50 Euro) erhältlich.

"Kupferstich von Paul van Liender, koloriert mit KI, auf Titelblatt des Heftes, 1743"

Der mithilfe der KI kolorierte Kupferstich von Paul van Liender von 1743 ziert das Titelblatt des Heftes. NN-Foto: CDS

Die Einweihung von Schloss Kalbeck 1909. Im Heft finden sich viele historische Aufnahmen. Quelle: AK, Grünes Familienalbum